Kurssturz

Coronavirus: Angst ums Geld – was Aktienanleger tun sollten

Noch ist das Börsenbeben wegen dem Coronavirus nicht vorbei. Anleger sind unsicher: Aktien kaufen oder verkaufen? Was Experten raten.

Die DAX-Kurve an der Frankfurter Börse. Der wichtigste Deutsche Leitindex sackt in der Corona-Krise ab.

Die DAX-Kurve an der Frankfurter Börse. Der wichtigste Deutsche Leitindex sackt in der Corona-Krise ab.

Foto: Boris Roessler / dpa

Hamburg. Nach Jahren des Aufschwungs trifft die weltweite Ausbreitung des Coronavirus die Börsen ins Mark. Nach großen Verlusten droht ein Auf und Ab der Kurse. Dabei hatte der Deutsche Aktienindex (DAX), das wichtigste deutsche Börsenbarometer, erst am 19. Februar ein Rekordhoch von 13.795 Punkten erreicht. Das erscheint inzwischen wie eine Fata Morgana.

Denn die Sorge um das Coronavirus hat die gesamte Wirtschaft infiziert. Lieferketten sind unterbrochen, Vorprodukte fehlen, Produktionsstillstände drohen. Rund 1700 Punkte hat der DAX seit seinem Hoch inzwischen verloren.

Ist das noch eine Korrektur oder schon ein Crash? Wie tief können die Kurse fallen? Wie sollten sich Anleger jetzt verhalten? Das sind die Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Warum fallen jetzt die Kurse so stark?

Brexit, die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA, China und Europa, der Konflikt zwischen den Regierungen in Washington und im iranischen Teheran – all dies belastete die Aktienmärkte in den vergangenen Monaten. Doch die Lage beruhigte sich auch wieder, die Indizes kletterte auf neue Höchststände.

Bei den nun vom Coronavirus infizierten Aktienmärkten scheint das anders zu sein. „Die Auswirkungen lassen sich nur schwer abschätzen, weil sie von der weiteren Verbreitung des Virus abhängen“, sagt Bernd Schimmer, Wertpapierstratege der Hamburger Sparkasse, Deutschlands größter Sparkasse. Rund 60 Länder sind inzwischen von dem Virus betroffen.

„Die Märkte bevorzugen Vorhersehbarkeit, aber die jüngsten Schlagzeilen über das Coronavirus haben kaum mehr als fallende Kursziele, schwindende Gewinnprognosen und wachsende Angst gebracht“, beschreibt Christopher Smart von der Investmentgesellschaft Barings die Lage.

Neben der großen Unsicherheit tragen auch Computerhandelsprogramme zum Kurssturz bei. „Algorithmen haben im weltweiten Aktienhandel einen immer größeren Einfluss. Sie lösen Verkaufswellen aus, wenn bestimmte Punkte in den Indizes unterschritten werden“, sagt Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank. „Davon sollten sich Privatanleger nicht zu sehr verunsichern lassen.“

Aber klar ist schon jetzt, die Wirtschaft wird unter dem Coronavirus leiden. „Für das erste und zweite Quartal rechnen wir mit einer Rezession in Deutschland, also einem negativen Wirtschaftswachstum. Natürlich trifft das auch für weitere Regionen der Welt zu“, sagt Stephan.

Wie viele Anleger sind betroffen?

Nach den jüngsten Zahlen des Deutschen Aktieninstituts waren 2019 rund 9,7 Millionen Menschen in Deutschland im Besitz von Aktien oder Aktienfonds. Das sind rund 660.000 weniger als 2018. Indirekt ist die Zahl der Betroffenen noch höher, denn auch Pensionskassen und Lebensversicherungen legen ihr Geld zum Teil in Aktien an.

Wie tief können die Kurse noch fallen?

Noch stecken die Aktienmärkte in einer sogenannten Korrekturphase. Von einem Crash spricht man erst bei Kursverlusten von mehr als 20 Prozent. Das wäre der Fall, wenn der DAX dauerhaft die Marke von rund 11.000 Punkten unterschreitet. Doch von einer solchen dramatischen Entwicklung gehen die Experten im Moment nicht aus.

Stratege Stephan macht folgende Rechnung auf: „Wenn man davon ausgeht, dass die momentan für die nächsten zwölf Monate geschätzten Gewinne der DAX-Unternehmen um zehn Prozent einbrechen und man ein Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktien von 13 unterstellt, dann müsste der DAX bei etwa 11.150 Punkten seinen Boden finden.“

Die DZ Bank, das Spitzeninstitut der Genossenschaftsbanken, ermittelte, dass der DAX in einer Korrekturphase in der Vergangenheit durchschnittlich um 16 Prozent fiel. „Würde der DAX bis auf 11.600 Punkte fallen, wäre das noch eine völlig normale Konsolidierung“, sagt Christian Kahler, Aktienstratege der DZ Bank.

„Erfahrungsgemäß entwickeln sich heftige Ausverkäufe an den Märkten in Wellen“, sagt Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege von Black Rock. „Und das Schlimmste scheint noch nicht überstanden, da wir erst in den nächsten Wochen eine erste Ahnung der Auswirkung der Krise in den Daten sehen werden.“

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Was kann die Aktienmärkte wieder beruhigen?

„Die Märkte werden zu den Nachrichten über das Virus und die Reaktion der Behörden tanzen wie zu einer Melodie“, sagte Claudio Borio, Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich dem „Handelsblatt“. Je nach Nachrichtenlage wird es demnach in den nächsten Wochen ein Auf und Ab der Kurse geben.

Die US-Notenbank hat bereits die Zinsen gesenkt. „Dadurch erhöht sich auch der Druck auf die Europäische Zentralbank, aktiv zu werden, um einem allzu starken Euro entgegenzuwirken“, sagt Stephan. „Eine international konzertierte Aktion der Zentralbanken wäre noch wirksamer gewesen und hätte das Potenzial, den Ausverkauf am Aktienmarkt zu beenden.“

Was sollten Privatanleger jetzt tun?

Die Zeiten stetig steigender Kurse am Aktienmarkt sind voraussichtlich erst einmal vorbei. Nach Erholungsphasen wird es auch wieder Enttäuschungen geben. „Anleger sollten sich nicht verunsichern lassen und Ruhe bewahren“, rät Stephan.

Ein panischer Verkauf zahlt sich meist nicht aus. „Solange es Fortschritt und Wettbewerb ohne ernsthafte kriegerische Auseinandersetzungen gibt, wachsen Volkswirtschaften. Und das bietet Aktionären bessere Chancen als Anleihebesitzern“, sagt Kahler.

Wer noch nicht am Aktienmarkt engagiert ist, für den ergeben sich durch die Kurskorrektur bessere Gelegenheiten in den Markt einzusteigen. Es empfiehlt sich, schrittweise in den Markt einsteigen, rät Stephan. Einen idealen Einstiegspunkt gibt es ohnehin nicht.

Sollen Aktiensparpläne gestoppt werden?

„Sparpläne auf Aktien unbedingt weiterlaufen lassen“, rät Kahler. „Wer finanzielle Puffer hat, sollte sich sogar überlegen, Sparpläne aufzustocken.“

Sind dividendenstarke Aktien im Abschwung besser geschützt?

Davon war in den vergangenen Tagen nichts zu spüren. „In einer solchen Phase wird nicht differenziert, sondern alles verkauft“, sagt Schimmer. Aber sobald sich die Märkte wieder stabilisieren, wird die Dividendenrendite wieder eine stärkere Rolle spielen. Bei den DAX-Werten liegt sie im Schnitt bei rund drei Prozent.

Wichtig sei eine hohe Kontinuität bei der Dividendenzahlung und ein stabiles Geschäftsmodell der Aktiengesellschaft, so Schimmer. Aber auch Dividenden sind jetzt gefährdet, sofern sie nicht schon fest zugesagt wurden. „Wir erwarten, dass es unter deutschen und europäischen Unternehmen in den nächsten Wochen zu Kürzungen der Dividendenzahlungen kommen wird“, sagt Kahler.

Korrigieren die Banken ihre Prognosen nach unten?

Noch halten sie überwiegend daran fest. „Wir halten es nach wie vor für möglich, dass das Kapitalmarktjahr 2020 noch ein versöhnliches Ende nehmen kann“, sagt Herrmann von Black Rock. „Wir bleiben bei unserer Prognose von 14.300 Punkten beim DAX zum Jahresende“, sagt Stephan von der Deutschen Bank. „Denn im Moment ist zu viel Pessimismus und Rezession in den Kursen eingepreist.“

Die Hamburger Sparkasse sieht den DAX im Jahresverlauf in einer Spanne zwischen 11.000 und 14.500 Punkten. Etwa skeptischer ist die DZ Bank, aber auch sie hält an der bisherigen DAX-Prognose fest: 13.200 Punkte zum Jahresende.

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