Gastroenteorologie

Stuhltransplantation – So gefährlich ist der Eingriff

Darmbakterien von Gesunden sollen helfen, Krankheiten zu heilen. Doch die Behandlung hat Risiken. In den USA gab es nun einen Toten.

Der menschliche Darmtrakt in einer Visualisierung.

Der menschliche Darmtrakt in einer Visualisierung.

Foto: istock / iStock

Berlin. Eigentlich ist er ein harmloser Geselle, der sich bei den meisten Neugeborenen und bei bis zu fünf Prozent aller gesunden Erwachsenen im Darm tummelt: Clostridioides difficile. In den letzten Jahren mehren sich jedoch Fälle, bei denen Menschen wegen dieses Keims im Krankenhaus landen.

In Deutschland sind es nach Angaben des Robert-Koch-Instituts jährlich knapp 3000, in ganz Europa etwa 152.000. Im vergangenen Jahr forderte das stäbchenförmige Bakterium europaweit etwa 8400 Tote. Inzwischen zählen die Einzeller zu den häufigsten Krankenhauskeimen, Tendenz steigend.

Große Hoffnungen im Kampf gegen Clostridioides difficile liegen auf einem Gemisch, das als Abfall gilt und meist viel Ekel hervorruft: der Darminhalt einer anderen Person. Der wird über eine Stuhltransplantation in den eigenen Verdauungstrakt geschleust. Ziel der bisher nicht offiziell zugelassenen Therapie ist es, die gesunde Bakterienvielfalt im Darm wieder herzustellen.

Denn Clostridien werden dann zur Gefahr, wenn das Gleichgewicht im Darm aus den Fugen gerät. Meist sind dafür Breitbandantibiotika verantwortlich, die nicht nur Krankheitserreger, sondern viele Bakterien eliminieren. So entstehen Lücken in der Darmflora, die Clostridien ausnutzen. Die Bakterien vermehren sich und lösen schwere Durchfälle und Entzündungen aus.

„Stuhltransplantationen sind nicht risikofrei“, erklärt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Sie bergen immer die potenzielle Gefahr der Übertragung von Infektionserregern. Kürzlich ist in den USA ein Mensch im Anschluss an eine Behandlung gestorben , ein anderer erkrankte schwer. Wie sicher also ist die Therapie, und was soll sie bewirken?

Wie läuft die Stuhltransplantation ab?

Was nach einer aufwendigen Operation klingt, ist im Grunde ein einfaches Verfahren. Zunächst braucht es 50 bis 100 Gramm Stuhl eines gesunden Menschen, der genau untersucht wird. Ist alles in Ordnung, wird der Stuhl mit Kochsalzlösung verflüssigt. Dann wird das Ganze filtriert, bis keine festen Partikel mehr vorliegen.

Die Flüssigkeit wird über eine Sonde – oder als Kapsel geschluckt – an die betreffende Stelle im Darm gebracht. Dort sollen sich die damit transportierten Bakterien niederlassen und vermehren – und so die Verdauungsgemeinschaft wieder bereichern.

Wie wirksam ist die Methode?

„Sehr wirksam, zumindest was Clostridien anbelangt“, sagt Andreas Stallmach, Direktor der Gastroenterologie des Universitätsklinikums Jena. Bis zu 90 Prozent der Betroffenen könnten durch die fremden Fäkalien geheilt werden. Greife man ausschließlich zu einer Antibiotikatherapie, seien es lediglich 40 Prozent.

Auch bei Autismus, Adipositas oder Diabetes soll die Behandlung Studien zufolge Besserung bringen. „Dafür und auch für die Behandlung anderer chronischer Krankheiten gibt es bisher keine ausreichenden wissenschaftlichen Beweise, vieles davon ist bisher nur an Tieren getestet worden“, sagt Stallmach. „Da stehen wir noch ganz am Anfang.“

Wie sicher ist die Methode?

„Wenn man kein stark geschwächtes Immunsystem hat und in ein Zentrum mit entsprechenden Qualitätsstandards und Vorsichtsmaßnahmen geht, ist das Risiko sehr gering“, sagt Maria Vehreschild, Professorin für Infektiologie am Universitätsklinikum Frankfurt. Das bedeute vor allem, dass die Spender auf gefährliche Keime untersucht werden, die sonst in den Empfänger gelangen würden.

Im Falle der beiden US-amerikanischen Opfer ist das offensichtlich nicht passiert. „Warum, ist mir unklar“, erklärt Vehreschild. Nach Angaben der US-Arzneimittelbehörde FDA hätten sich die Patienten bei der Transplantation ein multiresistentes Bakterium eingefangen, das Antibiotika unwirksam machen kann. „Für gesunde Menschen ist das meist harmlos, für schwerkranke Patienten mit geschwächtem Immunsystem kann es lebensgefährlich werden“, sagt Vehreschild.

In Deutschland liegt die Gefahr vor allem darin, dass die Methode bisher nicht als offiziell anerkanntes Standardverfahren gilt, sondern als individueller Heilversuch. „Theoretisch kann die jeder Arzt durchführen“, erklärt sie. Und dem sei es dann überlassen, für Sicherheit zu sorgen. Der Patient müsse sorgfältig auswählen.

Wie finde ich einen vertrauenswürdigen Behandler?

Einen verlässlichen Arzt erkennen Patienten Vehreschild zufolge daran, wie viele Behandlungen ein Arzt durchführt, wie detailliert er seine Patienten informiert und wie gründlich er seine Spender auswählt und testet. Letzterer müsse gesund und normalgewichtig sein und dürfe keine Medikamente nehmen. Umfangreiche Tests schlössen zudem auch Erreger wie HIV, Hepatitis, Syphilis, Noroviren, infektiöse E.coli-Bakterien und multiresistente Keime aus.

Manche Gefahren, fügt Stallmach hinzu, könne man jedoch nicht vollständig ausschließen, etwa ob mit den Fäkalien auch Vorbelastungen für Darmkrebs übertragen werden.

Dennoch dürfe man die Kriterien bei den Spendern nicht zu eng fassen. Eine Clostridien-Infektion könne lebensbedrohlich sein, die Suche nach Spendern oft schwierig, gibt Medizinerin Vehreschild zu bedenken. „Als Patient nehme ich womöglich eine mit dem Darminhalt übertragene höhere Empfindlichkeit gegenüber Heuschnupfen in Kauf, um zu überleben.“

Warum ist die Methode bisher nicht offiziell zugelassen?

„Weil Zulassungen eher auf klassische Medikamente ausgerichtet sind, die sich nach einem Standardverfahren herstellen lassen“, sagt Vehreschild. „Nicht auf individuelle Bakterienmischungen.“ Bislang muss der Patient daher in der Regel selbst für die etwa 1300 Euro teure Behandlung aufkommen, nur in seltenen Fällen übernimmt die Krankenkasse die Kosten.

Trotzdem werde die Behandlung, so die beiden Mediziner, zunehmend genutzt. Sie gehen von 300 offiziellen Patienten jährlich aus, genaue Zahlen gebe es bislang nicht.

Andreas Stallmach vermutet eine hohe Dunkelziffer. Er spricht von „bis zu 20.000 Eingriffen im Jahr“, bei denen sich Personen privat untereinander ihren Darminhalt spendeten und sich als Einlauf zuführten. „Davor warne ich jedoch sehr“, sagt Stallmach. Die wichtigen Tests würden meist übergangen. Stattdessen empfehle er, auf einen Kandidaten aus der Spenderdatenbank eines behandelnden Arztes zu setzen.

Was bewirkt das Mikrobiom in unserem Darm?

Die Vielfalt der Mikroorganismen in unserem Darm ist von zentraler Bedeutung“, sagt Gas­troenterologe An­dreas Stallmach. Für das Immunsystem, die Verwertung von Nahrung und die Stoffe, die man daraus zieht. „Der gesunde Kot enthält viele Mikroorganismen, die der Patient oft nicht mehr oder zu wenig hat“, sagt Stallmach.

Trotzdem, so der Mediziner: Welche Bestandteile des Kots helfen – Bakterien, Pilze, Viren oder andere Stoffe –, sei noch wenig erforscht. „In spätestens zehn Jahren“ hofft Stellmach daher auf einen individuellen Bakterien-Cocktail, der nur noch die hilfreichen Bestandteile enthält – hergestellt im Labor, eingenommen wie eine Vitamintablette.