Tierhaltung

Warum Ferkel bei der Kastration weiterhin leiden müssen

Eigentlich sollte betäubungslose Kastration zum 1. Januar verboten werden. Doch trotz Alternativen will der Bund die Frist verlängern.

 Ein Ferkel wird in seinem Stall in Niedersachsen untersucht.

Ein Ferkel wird in seinem Stall in Niedersachsen untersucht.

Foto: Carmen Jaspersen / dpa

Berlin.  Leise raschelt das Stroh, während sich die zwölf kleinen Schweine um die Zitzen ihrer Mutter streiten. Noch passen die wenige Tage alten Ferkel in einen Schuhkarton. Das wird sich schnell ändern, in spätestens fünf Monaten sollen sie das 17-fache an Gewicht zulegen und sich ein Schlachtgewicht von 122 Kilo anfressen.

Ralf Bussemas greift eines der Ferkel aus dem wohnzimmerteppichgroßen Gehege im schleswigholsteinischen Westerau. Es schreit laut und windet sich, als der Agraringenieur es in den Händen dreht und auf zwei verkrustete Striemen dreifingerbreit unter dem Schwanz zeigt. „Hier wurden die Hoden entfernt, betäubt wurde mit Gas.“

Tierschützer sind entsetzt

Glaubt man Studien, hat das junge Schwein damit deutlich weniger Schmerzen erlitten als Millionen andere männliche Ferkel, die in Deutschland jährlich ohne Betäubung kastriert werden. Ab dem 1. Januar sollte damit eigentlich Schluss sein. Fünf Jahre hatte die Agrarbranche dann Zeit, flächendeckend schmerzfreie Alternativen einzuführen. Doch das passierte nicht.

Anfang Oktober einigten sich die Regierungsparteien darauf, Landwirten zwei weitere Jahre Zeit zu geben. Dieser Aufschub soll heute im Bundestag bestätigt werden. Tierschützer sind entsetzt, denn schon lange gibt es Alternativen.

Geruch nach Urin und altem Schweiß

Männliche Mastferkel werden in vielen Betrieben Deutschlands kastriert, um dem sogenannten Ebergeruch zuvorzukommen. In den Hoden bilden sich bei ihnen mit der Geschlechtsreife Hormone, die auch in Blut und Muskeln übergehen. Wird ihr Fleisch erhitzt, schmeckt es bisweilen nach Urin und altem Schweiß, so beschreiben es Studienteilnehmer. Das kommt nur bei zwei bis zehn Prozent der Eber vor.

Erkennen lässt sich das allerdings vorher nicht, daher werden in der Regel allen männlichen Ferkeln eines Betriebs die Hoden in der ersten Lebenswoche entfernt. Nur in dieser Zeit ist der Eingriff bislang auch ohne Betäubung erlaubt.

Dafür war eine Sonderregelung im Tierschutzgesetz geschaffen worden, das solche schmerzhaften Prozeduren für Wirbeltiere eigentlich verbietet. Ende 2018 sollte diese verschwinden und schmerzfreie Alternativen an ihre Stelle treten.

Bei zu langer Betäubung werden Ferkel erdrückt

Ralf Bussemas betreute als Leiter der Arbeitsgruppe Huhn und Schwein des Thünen-Instituts für Ökologischen Landbau von 2011 bis 2016 ein Projekt, bei dem unter anderem die Betäubung von Ferkeln mit dem Gas Isofluran geprüft wurde – das Thünen-Institut ist ein Bundesforschungsinstitut dessen Ergebnisse in Verordnungen und Gesetze miteinfließen.

„Dabei werden die Ferkel in kleine Inhalationsmasken geschoben und sie sind für ungefähr 90 Sekunden weg, in dieser Zeit können die Hoden entfernt werden“, erklärt Bussemas.

Darum sollen Deutsche nur noch halb so viel Fleisch essen

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Verglichen wurde das Gas mit einem anderen Betäubungsmitteln, das per Spritze verabreicht wurden. „Da brauchten die Ferkel erst einmal 20 Minuten zum Einschlafen und danach bis zu fünf Stunden, um wieder fit zu werden“, so der Fachmann. In dieser Zeit können die Jungtiere nicht trinken und die Gefahr ist groß, dass sie so betäubt von ihrer Mutter in den meist engen sogenannten Abferkelboxen erdrückt werden.

Viele Tierärzte bewegten sich bislang in Grauzone

Das Gas schnitt auf ganzer Linie besser ab. Der größte Haken: Es war bislang nicht für Ferkel zugelassen, Tierärzte, die es in einzelnen Betrieben trotzdem anwandten, bewegten sich in einer Grauzone. Das hat sich in dieser Woche geändert, auch Schweine dürfen ab sofort mit Isofluran betäubt werden.

An der geplanten Fristverlängerung dürfte das jedoch wenig ändern: „Es sind noch Fragen zum Anwenderschutz zu klären. Das könnte gesundheitliche Risiken für die Bauern haben. Und noch sind nicht ausreichend Geräte vorhanden, um eine Betäubung von etwa 20 Millionen Ferkeln zu gewährleisten“, erklärt Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV). Zudem dürfen bislang nur Tierärzte die Betäubung übernehmen, was den Aufwand deutlich erhöhe.

Schulungen für die Landwirte

Dieses Problem will das zuständige Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) angehen. „Es wird eine Verordnung auf den Weg bringen, mit der es den Landwirten ermöglicht wird, die Isofluran-Betäubung selbst durchzuführen“, erklärte Ministerin Julia Klöckner (CDU) in einem Positionspapier, das sie bei einem Treffen mit Vertretern der Agrarbranche am Dienstag diskutierte. Das Papier liegt unserer Redaktion vor.

Das Verfahren sowie Schulungen für die Landwirte würden etwa zwei Jahre in Anspruch nehmen. Diese Zeit müsse effektiv und sinnvoll genutzt werden, „um tierschutzgerechte Alternativen in der Praxis zu etablieren und damit einen noch größeren Imageschaden von der deutschen Schweinehaltung abzuwenden“, heißt es in dem Papier.

Billig-Importe aus dem Ausland befürchtet

Dass die geplante Fristverschiebung sich bei der Sitzung am Donnerstag im Bundestag doch noch abwenden lässt, wie es etwa Dr. Stefanie Zimmermann, Fachreferentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Tierschutzbund, hofft, scheint damit unrealistisch. „Ein Argument für die Verlängerung der Frist ist, dass Landwirte Billig-Importe aus dem Ausland fürchten, wenn sie selbst wegen teurer Betäubungsmethoden die Preise anheben müssten“, sagt Zimmermann.

In Dänemark, Schweden und Norwegen etwa würde eine Lokalanästhesie eingesetzt, dabei wird nur der Bereich um die Hoden betäubt. Es ist die Variante, die auch der Deutsche Bauernverband favorisiert. „Weil die Methode kostengünstig ist“, meint Zimmermann, „sie entspricht aber nicht dem Tierschutzgesetz, da es keine vollständige Schmerzausschaltung gibt“.

Das BMEL hat eine Studie in Auftrag gegeben, die die Wirkung der Lokalanästhesie nochmals prüfen soll. „Aber es wird dauern, denn mit Ergebnissen ist frühestens 2021 zu rechnen und eine Zulassung würde weitere Jahre in Anspruch nehmen“, sagt Zimmermann.

Bei der Jungebermast werden männliche Ferkel gar nicht kastriert

Landwirte, die freiwillig schon jetzt schmerzfreie Alternativen wählen, hätten es schwer auf dem Markt. Sie nutzen etwa die sogenannte Immunokastration, bei der den jungen Ebern ein Wirkstoff gespritzt wird, der das Immunsystem Antikörper gegen bestimmte Geschlechtshormone bilden lässt.

Um die Bildung des Ebergeruchs effektiv zu verhindern, sind zwei Spritzen nötig. Die letzte Spritze darf dabei frühestens zehn Wochen vor der Schlachtung erfolgen, damit die Wirkung anhält. „In Ländern wie Brasilien, Australien oder Belgien wird dieses Verfahren schon lange mit Erfolg eingesetzt. In Brasilien zu über 60 Prozent“, sagt Zimmermann.

Bei der Jungebermast werden männliche Ferkel gar nicht kastriert. „Im Schlachtbetrieb wird dann mit menschlichen Geruchsspezialisten untersucht, ob Fleisch mit Ebergeruch darunter ist“, erklärt Zimmermann. „In Spanien, Portugal, Großbritannien oder Irland wird diese Methode bei bis zu hundert Prozent der Tiere angewandt.“ In Deutschland würden Züchter und Mäster für diese Tiere aber oftmals geringere Preise bekommen, einige Schlachter würden sie auch gar nicht annehmen.

„Jede Methode birgt Herausforderungen“

„Bei der Ebermast oder der Immunokastration liegt das Problem darin, dass diese Tiere nicht von den Marktpartnern abgenommen werden“, bestätigt DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken. Ebermast mit oder ohne Impfung funktioniere nur dann, wenn Fleischvermarkter und Fleischverarbeiter nicht gegensteuerten. „Diese argumentieren, dass Verbraucher dieses Fleisch angeblich nicht akzeptieren“, sagt Zimmermann.

Als Argument für die Fortführung der betäubungslosen Kastration will sie diese Punkte nicht gelten lassen. „Jede Methode birgt Herausforderungen, es gibt nicht die eine flächendeckende Lösung. Aber es stehen drei tierschutzkonforme Alternativen zur Verfügung, die man in den vergangenen fünf Jahren hätte umsetzen können.“

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