England

Brighton ist wie London – nur kleiner und rebellischer

Wer nach Gatwick fliegt, ist genauso schnell an der Themse wie in Brighton. Die quirlige Stadt an der Küste kann die bessere Wahl sein.

Die goldene Schnecke gehört zu einer Charity-Aktion. 50 solcher Figuren wurden aufgestellt.

Die goldene Schnecke gehört zu einer Charity-Aktion. 50 solcher Figuren wurden aufgestellt.

Foto: Georg J. Schulz

Brighton.  Vier Wörter auf einem weißen T- Shirt sind es, die das aktuelle Lebensmotto von Isabel perfekt beschreiben: „Living my best life“ steht da drauf, frei übersetzt „Mehr geht im Moment nicht“.

Die 19-jährige Deutsche hat nach dem Abitur einen Ort gesucht, an dem sie die Zeit vor dem Studium sinnvoll nutzen, ihren Horizont erweitern und obendrein noch eine Menge Spaß haben kann. Während andere für ihr nachschulisches „Gap Year“ nach Neuseeland, Australien oder Südafrika gejettet sind, hat sie den Billigflieger ins gute alte Großbritannien gewählt.

Aber nicht wegen des Ticketpreises, sondern wegen der Stadt, die sie von einem Kurztrip kannte und nun vorübergehend ihre Heimat ist: Brighton in Südengland.

Die Leute sind relaxter, die Wege kürzer

„Früher dachte ich, London wäre der perfekte Ort für mich“, sagt Isabel, „doch hier gefällt mir alles noch besser. Die Leute sind relaxter, die Wege kürzer, und das Meer liegt direkt vor der Tür.“ Das sieht ihr neuer Bekannter Dan ganz ähnlich. Er arbeitet in der Millionenmetropole, wohnt aber trotzdem im viel kleineren Brighton und pendelt jeden Tag mit dem Zug: „Das dauert pro Richtung etwa eine Stunde, aber das ist es mir wert.“

Und billiger dürfte es unter dem Strich auch sein. Die Mietpreise in der hippen Küstenstadt blieben vom allgemeinen Trend zwar nicht verschont, sind aber noch nicht ganz so abgehoben wie 90 Kilometer weiter nördlich.

Die Busse? Auch hier fahren Doppeldecker

Wer beide Städte kennt, sieht durchaus Parallelen. So gibt es mit dem Royal Pavilion auch in Brighton, das nicht grundlos „London by the Sea“ genannt wird, einen alten königlichen Palast, man findet bunte Cafés, düstere Pubs und schrille Läden ebenso wie gediegene Boutiquen, feine Restaurants und schicke Bars. Die Busse sind hier ebenfalls Doppeldecker, auch die weißen und backsteinroten Reihenhäuser kennt man von der Themse.

Doch hinzu kommt hier zum vielstimmigen Sound der Straße noch das allgegenwärtige Kreischen der Seemöwen, das zusammen mit der salzigen Luft sofort ein erfrischendes Küstengefühl vermittelt.

Nicht nur im Sommer ein attraktives Ziel

Obwohl sich Brighton als Seebad natürlich vor allem im Sommer als Urlaubsziel anbietet, zieht es eingefleischte Fans rund ums Jahr dorthin, von Januar und Februar vielleicht einmal abgesehen.

Im Oktober liegen die Temperaturen oft noch über 20 Grad, selbst im November und Dezember kann man Tage mit sieben Stunden Sonnenschein erwischen – was dann sofort alle wieder auf die Straßen, in die Parks oder runter an den Strand treibt, wenn nötig eben mit dicker Jacke statt T-Shirt, obwohl viele Briten gegen Kälte irgendwie immun zu sein scheinen.

Royaler Protz im Pavilion von Georg IV.

Bekanntestes Fotomotiv am Meer ist nach wie vor der Palace Pier. Die Seebrücke wurde 1899 eröffnet und beherbergte bis 1986 unter anderem ein Theater. Heute bietet das Bauwerk so etwas wie eine Kirmes über dem Wasser, mit allerlei Fahrgeschäften, Spielautomaten und Imbissbuden. In der Mitte stehen klappbare Liegestühle bereit, die man kostenlos zum Sonnenbaden benutzen kann, jetzt am besten mit einer Tasse heißem Tee in der Hand.

Etwas weiter westlich hingegen ragt nur noch ein rostiges Stahlgerippe aus dem Wasser. Es sind die Reste des ehemaligen West Piers, der – von Stürmen schon arg zerzaust – 2004 einem Feuer zum Opfer fiel und wegen zu hoher Kosten wohl nie wieder aufgebaut werden kann. Stattdessen entstand vor gut zwei Jahren auf gleicher Höhe am Strand eine neue Attraktion, der 173 Meter hohe Aussichtsturm BA i360.

Das schlanke Bauwerk spaltete anfangs die Bewohner der Stadt, ist inzwischen aber halbwegs akzeptiert und wird auch gut besucht. Alle 30 Minuten fährt die verglaste Plattform wie ein riesiger Fahrstuhl in die Höhe, sodass sich von oben, auf 138 Metern, ein perfekter Rundumblick ergibt.

Mehr als 400 Bars und Restaurants

Mit mindestens 14,85 Pfund sind die Tickets allerdings kein Schnäppchen. Zwar kann man auch auf dem Turm einen Afternoon Tea buchen, stilvoller gibt es diesen aber in den Lanes genannten Gassen, zum Beispiel im The Ivy. Isabel schwärmt für dieses Restaurant, nicht nur wegen der leckeren Sandwiches, der Scones mit Clotted Cream und Erdbeermarmelade sowie der getrüffelten Brioche, sondern auch wegen des einmaligen Art-déco-Ambientes: „Da sollte man schon mal reingeguckt haben, sogar das WC sieht toll aus.“

Sagt man der englischen Küche gemeinhin keine Offenbarungen nach, bildet der Afternoon Tea oft eine löbliche Ausnahme. Doch Brighton hat kulinarisch noch viel mehr als Scones, Sandwiches oder Fish and Chips zu bieten, zum Beispiel das rein vegetarische Terre a Terre, das französisch inspirierte Petit Pois oder das Gingerman als wohl beste Feinschmecker-Adresse der Stadt. Mehr als 400 Restaurants und Bars zählt die Tourismusorganisation Visit Brighton auf.

Eher enttäuschend präsentierte sich allerdings der klassische Sunday Roast im Stanmer Park, wo man sich sonntags zwar ein wenig wie der alte Landadel fühlen kann, das Essen aber nicht überzeugen konnte.

Schon in den 1960er-Jahren Sehnsuchtsziel

Weil Brighton zwei Universitäten und diverse Colleges besitzt, wirkt die Stadt jung, bunt und lebendig, und auch politisch sind die Lager eindeutig. Hier jemanden zu finden, der für den Brexit gestimmt hat und dazu heute noch steht, ist nicht ganz einfach.

Stattdessen herrscht die Sorge vor, dass das inter­nationale Flair dieser quirligen Küstenstadt durch Kleingeistigkeit und Abschottung leiden könnte. Entsprechend deftig fallen die Programme der Comedians aus, die hier auftreten, zum Beispiel im „Komedia“, dem bekanntesten Club in den Lanes.

Brighton ist vielen auch deshalb ein Begriff, weil es schon in den 1960er-Jahren ein Gegenentwurf zu London war, ein Zentrum der Subkultur und dabei auch Schauplatz heftiger Auseinandersetzungen zwischen Mods und Rockern.

Die Mods, gut angezogene Jugendliche auf italienischen Motorrollern, lieferten sich 1964 am Strand heftige Schlägereien mit den in Lederjacken und Jeans gekleideten Rockern, es ging nicht nur um Musik, sondern letztlich um die Deutungshoheit im gesellschaftlichen Wandel.

Die Stadt gibt sich noch immer rebellisch

1973 entstand mit „Quadrophenia“ ein epochales Album von The Who, das diesen Konflikt ebenso themati­sierte wie sechs Jahre später der gleichnamige Film mit dem jungen Sting (The Police) in der Hauptrolle. Ver­glichen mit englischen Küstenstädten wie Bournemouth, Hastings oder Eastbourne wirkt die Stadt deshalb auch heute noch ein Stück rebellischer, sie ist zudem ein Zentrum der Schwulen- und Lesbenszene geblieben.

Kurz gesagt: Was Camden oder Hackney für London sind, ist Brighton für Südengland.

Die Deutsche Alexandra Loske kam vor über zehn Jahren hierher, heute ist sie Kulturhistorikerin und als Kuratorin am Royal Pavilion tätig. In einem Reiseführer hat sie 111 Orte zusammengestellt, die man in Brighton und Umgebung besuchen sollte, darunter das Hummingbird Café am alten Shoreham Airport oder St Nicholas Rest Garden mit seinen interessanten Gräbern. Ein anderer Tipp führt ins benachbarte Lewes, und zwar am besten jedes Jahr am 5. November.

Dort steigt dann das spektakulärste „Bonfire“ Englands, ein Abend mit Fackelmärschen und Feuerwerk zur Erinnerung an Guy Fawkes, der 1605 das House of Lords in London sprengen und König Jakob I. töten wollte. Rund 80.000 Besucher zählte man in diesem Jahr. Mittendrin: Isabel.

Tipps & Informationen

Anreise: Mit dem Flugzeug am besten nach Gatwick, Easyjet fliegt nonstop z.B. von Berlin Tegel und Berlin Schönefeld sowie von Hamburg. Von dort weiter mit dem Zug oder Bus in 30 bis 45 Minuten nach Brighton. Schnellste Verbindung ist der Gatwick Express.

Übernachten: Am besten Hotel oder B&B nahe dem Strand oder den Lanes.

Infos: www.visitbrighton.com


(Die Reise wurde unterstützt durch die Tourismusorganisation Visit Brighton.)

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