Reptilien

Das Geschäft mit exotischen Tieren hat viele dunkle Seiten

Die Deutschen lieben seltene Reptilien. Der milliardenschwere Handel mit Tieren aus der Wildnis bedroht Arten und fördert Kriminalität.

Ein Tokeh Gecko aus Südostasien.

Ein Tokeh Gecko aus Südostasien.

Foto: Frank Lehmann / dpa

Berlin.  Ob Königspython, Höckerschildkröte oder Wasseragame – die Deutschen lieben exotische Haustiere. 800.000 Reptilien werden nach Daten der Europäischen Union jedes Jahr nach Deutschland importiert. Ein Spitzenplatz innerhalb der EU – die Schwarzmarktverkäufe nicht mitgerechnet. Ein lukratives Geschäft mit Folgen, warnen Tierschützer: Viele der Arten sind vom Aussterben bedroht, der Handel lässt in den Herkunftsländern der Tiere Korruption und Geldwäsche florieren. Hinzu kommt, dass die Arten in deutschen Terrarien immer exotischer werden, wie Forscher der Universität Leipzig in einer aktuellen Studie herausgefunden haben. Noch nie sei es so einfach gewesen, an ein Exemplar zu kommen.

Einer der Stars in der Reptilienszene: der Türkis-Zwergtaggecko. Die Echse ist zwar nur etwa acht Zentimeter klein. Ihre blauleuchtende Färbung machte sie jedoch seit ihrer Entdeckung 2009 zu einer der ganz Großen bei den Reptilienliebhabern. Die Zahl der Tiere in ihrer Heimat, einem winzigen Gebiet im Osten Tansanias, schrumpfte nach einer Untersuchung von Bonner Biologen innerhalb von drei Jahren von rund 465.000 auf etwa 150.000 Exemplare.

Reiz des Exotischen und auch des Urtümlichen

Dem Blauen Baumwaran geht es ähnlich. Auch er wurde vor wenigen Jahren entdeckt – in einem Päckchen auf dem Weg von Indonesien nach Deutschland. Danach schnellte die Zahl der offiziellen Ausfuhren in die Höhe. Reptilien-Experten befürchten, dadurch könnte er in freier Wildbahn bereits ausgestorben sein. Oder die Vierzehenschildkröte. Ursprünglich in Südosteuropa verbreitet, ist auch sie heute gefährdet. Als eines der beliebtesten Reptilien wurde sie massenhaft aus der Natur gesammelt.

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Auch wenn sich die meisten Terrarienfreunde mit nachgezüchteten Kornnattern, Leopard-Geckos oder Bart-Agamen begnügen, geht der Trend laut der Leipziger Studie zu immer ausgefalleneren Arten. Für die meisten Besitzer sei es schlicht der Reiz des Exotischen, häufig auch des Urtümlichen, so Studienleiterin Maria Krautwald-Junghanns.

61.000 Vierzehenschildkröten gelangten nach Deutschland

Viele der Tiere sind mit ein paar Klicks im Internet zu bekommen, direkt neben den Gartenstühlen oder der gebrauchten Playstation. Den Türkis-Zwerggecko gibt es für 50 Euro, die Vierzehenschildkröte für 35 Euro. Den Blauen Baumwaran für rund 1000 Euro. Welches Ausmaß allein der illegale Onlinehandel mit bedrohten Tierarten hat, zeigt ein aktueller Report der internationalen Tierschutzorganisation IFAW. Demnach fand sie in vier Ländern, darunter Deutschland, innerhalb von sechs Wochen mehr als 12.000 Angebote zu Tierarten, deren Handel durch das Washingtoner Artenschutzabkommen verboten oder streng reguliert ist. Auch der Gecko und die Schildkröte stehen unter diesem Schutz, der Baumwaran soll bald folgen.

Soweit die Theorie. In Wirklichkeit können die Artenschutzregeln das Geschäft mit den begehrten Arten oft nicht eindämmen. So gelangten allein zwischen 2005 und 2015 mehr als 61.000 Vierzehenschildkröten nach Deutschland. Und das oft scheinbar ganz legal. Denn allzu leicht können Händler gewilderte Tiere als nachgezüchtet ausgeben. Geschäfte mit ihnen sind dann zulässig.

Illegaler Handel mit gewilderten Tieren ist Milliardengeschäft

Am Tier selbst lässt sich meist kaum erkennen, ob es in der Wildnis oder im Terrarium geschlüpft ist. „Die Tricks der Wilderer werden immer gewiefter“, so Sandra Altherr von der Naturschutzorganisation Pro Wildlife. Bei Schildkröten seien etwa Würmer bislang für die Behörden ein Indiz dafür gewesen, dass sie aus der Natur stammen. Heute würden die Tiere vorher entwurmt, um sie unbemerkt durch die Kontrollen zu bringen. Häufig sammelten die Wilderer auch trächtige Weibchen. Deren Junge würden dann als legale Züchtung gelten. Und schon rein rechnerisch sei es bei vielen Tierarten schlicht nicht möglich, die Importzahlen durch Nachzuchten zu erklären, so Altherr. Der Baumwaran etwa habe derart spezielle Ansprüche, dass es bislang nur zwei Zoos gelungen sei, ihn zu züchten.

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Der illegale Handel mit gewilderten Tieren und Pflanzen ist ein Milliardengeschäft, warnt auch die internationale Polizeiorganisation Interpol. Mit rund 20 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr sei er nach Drogenhandel, Produktpiraterie und Menschenhandel das viertgrößte illegale Geschäftsfeld weltweit – mit steigender Attraktivität. Verglichen mit anderen Verbrechen ist der Ertrag hoch und das Risiko, erwischt zu werden, gering. Neben dem Verlust der Arten, so Europol, heize der Handel auch die Korruption, Geldwäsche und gar die Bildung militanter Gruppen an, gerade in den oft instabilen Herkunftsländern.

„Nischenthema für Tierliebhaber“

„Deutschland spielt dabei eine Schlüsselrolle“, sagt Sandra Altherr von Pro Wildlife. Besonders beim Handel mit Reptilien. Das Land sei mit seiner traditionell großen Terraristik-Szene einer der Hauptabnehmer. Nicht umsonst finde viermal im Jahr in Hamm die weltgrößte Reptilienbörse statt. Der Frankfurter Flughafen sei zudem ein wichtiges Drehkreuz für den europäischen Binnenmarkt.

„Dennoch tut die Regierung nichts“, sagt Steffi Lemke, naturschutzpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion. „Im Koalitionsvertrag wird der Wildtierhandel als Nischenthema für Tierliebhaber abgetan.“ Beschäftige man sich einmal mit seinen ökologischen und politischen Folgen, würde man ihn auf eine höhere Ebene setzen, so die Bundestagsabgeordnete. Sie fordert daher ein Verbot von Tierbörsen und des Imports von Tieren aus der Wildnis. Das Land könne sich ein Beispiel an anderen EU-Staaten nehmen, an Österreich und Portugal etwa. Dort sei es bereits verboten, Wildtiere über das Internet zu verkaufen.

• Tipps für die Anschaffung:

Kauf: Aus Sicht von Tierschützern gehören exotische Reptilien generell nicht ins heimische Terrarium. Wer sich dennoch für ein solches Haustier entscheide, sollte möglichst eines aus der Auffangstation oder dem Tierheim nehmen, empfehlen Experten. Generell empfehlen Tierschützer, auf den Kauf von Reptilien im Internet sowie den Besuch von Reptilienbörsen zu verzichten.

Zucht: Prinzipiell sollten keine Wildfänge, sondern nur Nachzuchten gekauft werden – und das nur bei seriösen Züchtern, die die notwendigen Dokumente vorweisen können. Einige der großen Tiermärkte wie Dehner, Fressnapf und Futterhaus haben sich verpflichtet, auf nicht-europäische Importe zu verzichten und nur Zuchttiere aus Europa zu verkaufen.

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