Ökosystem

Tourismus am Polarkreis: Auf der Aida ins ewige Eis

Arktis und Antarktis werden für Kreuzfahrten immer attraktiver. Darunter wird das sensible Ökosystem leiden, befürchten Forscher.

Modell der "Roald Amundsen" (erstes Hybridexpeditionskreuzfahrtschiff), das ab nächstem Jahr fahren soll.

Modell der "Roald Amundsen" (erstes Hybridexpeditionskreuzfahrtschiff), das ab nächstem Jahr fahren soll.

Foto: dpa/hurtigruten / Hurtigruten

Berlin.  Sie zählen zu den unberührtesten Gegenden unserer Erde: Mit ihren verführerischen Schnee- und Eislandschaften und den wilden tierischen Bewohnern üben Arktis und Antarktis eine große Anziehungskraft aus. Außer Forschern dringen seit einigen Jahren auch Touristen immer tiefer in die Gegenden um Nord- und Südpol vor, meist per Schiff. Kreuzfahrtanbieter versprechen exotische Abenteuer und senden immer neue Schiffe ins Eis. Umweltschützer und Wissenschaftler sehen den wachsenden Polartourismus kritisch. Sie fürchten, dass die sensible Umwelt leiden könnte.

Die International Association of Antarctica Tour Operators (IAATO) zum Beispiel verzeichnete im Gebiet rund um den Südpol in der vergangenen Saison knapp 52.000 Besucher, fast alle bereisten das Gebiet per Schiff und setzten dann auch Fuß an Land. Die Association of Arctic Expedition Cruise Operators (AECO) berichtet von insgesamt 80.000 Kreuzfahrtpassagieren im Jahr 2016 für große Teile der Arktis. Zum Vergleich: Bayern zählte laut Landesstatistikamt vergangenes Jahr über 37 Millionen Gästeankünfte.

Besucherzahlen wachsen seit Jahren stetig

Viel Wind also um nichts? Nein, denn der Aufwärtstrend ist da: Nach Angaben der IAATO steigen die Antarktis-Besucherzahlen seit Jahren, allein von der vorigen auf die jüngste Saison um 17 Prozent. „Im Bereich der Südlichen Shetlandinseln und der Antarktischen Halbinsel – das kommt einem eher vor wie in der deutschen Nordsee als in der abgelegenen Antarktis“, sagt auch Greenpeace-Meeresbiologe und Expeditionsleiter Thilo Maack. Es gebe immer mehr Kreuzfahrtanbieter, die das Gebiet befahren. Auch in der Arktis boomt das Geschäft: Innerhalb von elf Jahren wuchs die Zahl der Kreuzfahrtpassagiere laut AECO um 60 Prozent.

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Immer beliebter werden Expeditionskreuzfahrtschiffe – kleiner, wendiger und flexibler. Platz finden darauf nur wenige Hundert Passagiere. Landbesuche gehörten zum Programm dazu. Nach AECO-Angaben vom vergangenen Jahr sollten bis 2020 rund zwei Dutzend Expeditionsschiffe in Betrieb gehen.

In der Arktis gilt der Rückgang der Meereisdecke des Arktischen Ozeans als wichtiger Grund für das Plus an Touristen, weil die Strecken immer einfacher zu befahren sind. Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) und der Uni Bremen berichten, dass der Arktische Ozean überdurchschnittlich viel Meereis verliert: Die Eisdecke werde mit Ende der Sommerschmelze auf 4,4 Millionen Quadratkilometer geschrumpft sein, hatten Forscher im September geschätzt.

Mit der Aida zum Polarkreis

„Früher konnte man die Arktis als Tourist lediglich an Bord russischer Atomeisbrecher besuchen“, erzählt der Leiter des Deutschen Arktisbüros am AWI, Volker Rachold. „Heute kann man mit einem normalen Aida-Schiff in die Arktis fahren – das heißt, es wird auch für den Massentourismus interessant.“

Wo mehr Angebot, da mehr Nachfrage – noch hat das aber seinen Preis: Eine 14-tägige Spitzbergen-Umrundung etwa kostet schon mal um die 8000 Euro pro Person. Die hohen Preise haben auch mit Vorschriften zu tun. So gilt seit Anfang 2017 etwa der sogenannte Polar Code der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation, ein Regelwerk, das Design, Kon­struktion und Ausrüstung der Schiffe für Polargewässer vorschreibt – aus Sicherheitsgründen und zum Schutz der Umwelt.

Auch Mitglieder von IAATO und AECO verpflichten sich zur Einhaltung bestimmter Richtlinien, die die Organisationen vorgeben. Und um in die Antarktis reisen zu können, braucht jeder Veranstalter, Tourist, Journalist oder Wissenschaftler eine Genehmigung.

Schweröl-Verbot in der Arktis

Per se sei der Polartourismus nicht schlecht, sagen Umweltschützer und Forscher. Sie fordern jedoch eine noch stärkere Regulierung. Viele sehr große Kreuzfahrtschiffe fahren etwa noch mit Schweröl. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) setzt sich für ein Schweröl-Verbot in der Arktis ein, wie es bereits in der Antarktis gilt. Denn falls bei einem Unfall Öl auslaufe, sinke es sofort ab, sagt Nabu-Verkehrsreferentin Beate Klünder.

AWI-Arktisbüroleiter Rachold fügt hinzu: „Das Öl baut sich viel langsamer ab bei den niedrigen Temperaturen.“ Ein weiteres Problem sind den Experten zufolge Schiffsabgase. „Sie lagern sich direkt auf Schnee oder Eis ab, der Ruß färbt die Gletscher und das Eis schwarz“, sagt Nabu-Frau Klünder. „Das Sonnenlicht wird nicht mehr reflektiert, das Eis schmilzt viel schneller.“

Kreuzfahrtindustrie reagiert langsam auf die Situation

Die Kreuzfahrtindustrie wird langsam grüner: Das norwegische Unternehmen Hurtigruten etwa verzichtet gänzlich auf Schweröl, der deutsche Anbieter Hapag-Lloyd Kreuzfahrten zumindest in den Polargebieten, wie es bei den Unternehmen heißt. Als Alternative gilt neben Marinediesel etwa Flüssigerdgas. Kommendes Jahr soll auch das erste Expeditionskreuzfahrtschiff mit Hybridantrieb in Betrieb gehen: die „Roald Amundsen“ von Hurtigruten mit Platz für über 500 Passagiere ist speziell für Polargewässer ausgelegt. „Das geht in die richtige Richtung“, sagt AWI-Forscher Rachold.

Umweltschützer fürchten aber auch, dass Tourismus die Tiere stören könnte: Pinguine etwa dürfen in der Mauser nicht viel Energie verbrauchen, sagt Greenpeace-Meeresbiologe Maack. „Jede Störung durch Touristen oder Schiffe sorgt für einen höheren Energieumsatz.“ Und für Whale Watching gebe es zwar strenge Vorschriften auf dem Papier – ob diese aber auch eingehalten würden, sei etwas anderes.

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Eisbären werden gestört

Auch den Besuchern können die tierischen Bewohner gefährlich werden. Immer wieder sorgen Vorfälle mit Eisbären für Schlagzeilen, wie zuletzt im Juli ein Fall aus Spitzbergen: Ein Eisbärwächter eines Schiffes von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten wurde von einem der Raubtiere angegriffen und am Kopf verletzt. Wachleute mussten das Tier laut Veranstalter und Polizei erschießen. Eisbärwächter sind laut Unternehmen auf Arktis-Reisen vorgeschrieben: Sie sollen vor Landgängen sicherstellen, dass keine Eisbären da sind.

Kritiker fürchten, dass solche Vorfälle sich häufen könnten. „Das unterstreicht den Ruf danach, den Tourismus stark einzuschränken und zu kontrollieren“, sagt Maack. Laut der Biologin und WWF-Artenschutzexpertin Sybille Klenzendorf können Touristen an Land auch einiges kaputt machen: „Ein Fußabdruck auf dem arktischen Tundraboden mit seinen kleinen Flechten bleibt Jahrzehnte“, sagt sie.

Mehr als die Kreuzfahrt-Touristen fürchtet WWF-Artenschutzexpertin Klenzendorf jene Besucher, die nicht in organisierten Gruppen gehen. „Die, die auf eigene Faust kommen und nicht vorbereitet sind.“ Nach Spitzbergen etwa könne man relativ leicht fliegen, sich ein Kajak ausleihen und eine Lizenz beim Touristenbüro besorgen, sagt sie.

„Wenn die Botschaft nach außen getragen wird, dass die Gebiete schützenswert sind, hat der Tourismus sicher auch Vorteile“, resümiert AWI-Forscher Volker Rachold. „Beim Massentourismus sehe ich eher die Nachteile.“

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