Kreuzfahrt

Mit dem Schiff die schottischen Highlands erkunden

Die „Lord of the Glens“ fährt auf Wikingerrouten – und durch 29 Schleusen des Kaledonischen Kanals. Schottland aus neuer Perspektive.

Die „Lord of the Glens“ zeigt die Höhepunkte der Highlands. Bei Landgängen werden einige der kleinen Inseln besucht.

Die „Lord of the Glens“ zeigt die Höhepunkte der Highlands. Bei Landgängen werden einige der kleinen Inseln besucht.

Foto: lernidee Erlebnissreisen / Lernidee Erlebnisreisen GmbH

Inverness.  Keine Wellen, zwischen denen man sich den Kopf eines Seeungeheuers ein­bilden könnte. Loch Ness liegt untypisch ruhig vor uns. Spiegelglatt erstreckt sich der schmale 37 Kilometer lange und von den bewaldeten Bergen des Hochlands umgebene See vor uns. Sehr oft peitscht hier der Wind das Wasser auf. Doch heute spiegelt sich der blaue Himmel auf der glatten Ober­fläche und die „Lord of the Glens“ gleitet friedlich dahin.

Eine Woche lang hat uns das kleine und besonders schöne Kreuzfahrtschiff durch die schottischen Highlands gefahren: von den Inneren Hebriden an der Nordwestküste durch den Kaledonischen Kanal, der die Westküste Schottlands (Atlantik) mit der Ostküste (Nordsee) verbindet. Die „Lord of the Glens“ ist das einzige Kreuzfahrtschiff, das die zwischen 1803 und 1822 angelegten Wasserstraße passieren kann.

Wie ein Hotel hat auch das Schiff einen Direktor

Für alle anderen sind die Kammern der 29 Schleusen, die den Höhenunterschied zwischen den Seen Loch Linnhe, Loch Lochy, Loch Oich, Loch Dochfour und Loch Ness ausgleichen, viel zu eng. Die Fahrt über den berühmten Loch Ness nach ­Inverness ist die letzte Etappe unserer Schiffsreise.

Außen blau und weiß gestrichen, innen edle Mahagoni-Täfelungen, blitzblankes Messing und rote Teppiche: Die „Lord of the Glens“ ist eine klassische Yacht mit viel Flair. An Bord sind etwa 50 Passagiere und die Besatzung – darunter ein Küchenteam, das mittags und abends tolle Menüs zaubert. Wie ein Hotel hat auch dieses Schiff einen Direktor: Brian Copland, der die Gäste bei Laune hält und über den Service und das Personal wacht.

Das ist das umweltfreundlichste Kreuzfahrtschiff der Welt, und das sind die dreckigsten

Zweitwichtigster Mann an Bord ist Kapitän John Payne, der die „Lord of the Glens“ sicher auch durch die engste Schleusenkammer ­manövriert. Manchmal – wie bei der Neptune’s Staircase – gleich neun Mal hinterein­ander.

Ein Amerikaner betreibt den einzigen Bagpiper-Laden

Kabinen, Salons und Speisesaal der ­Motoryacht verfügen über Panoramafenster, sodass wir auch bei den Mahlzeiten nichts von der großartigen Landschaft verpassen, die draußen vorbeizieht – und die sich im Laufe unserer Reise vom Ausgangspunkt Kyle of ­Lochalsh zu den Inneren Hebriden und dann durch den Kanal ständig verändert. Zudem gibt es zwei Teak-Decks, auf denen man sich den Fahrtwind um die Nase wehen lassen kann.

Die Brise, die jetzt über Loch Ness weht, trägt leise Dudelsackklänge über das Wasser. Der Bagpiper, der dort extra für uns spielt, ist kein Schotte, sondern ein Amerikaner. Mit ­seiner Frau Johanna Schuster, die auf der Fahrt durch den Kanal unsere Reiseleiterin ist, lebt er in Inverfarigaig, einem Dorf mit einem für schottische Verhältnisse leicht auszusprechenden Namen.

„John wollte Dudelsackspieler werden, seit er das Ins­trument als kleiner Junge in Amerika zum ersten Mal gehört hat“, erzählt uns Johanna. „Jetzt betreibt er den einzigen Bagpiper-Laden in den Highlands und hat sogar spezielle Instrumente für die Reparatur der Sackpfeifen entwickelt.“

Weltraumbahnhof in den Highlands

Johanna stammt aus Offenbach und lebt schon seit Mitte der 90er-Jahre in Schottland. Außer als Reiseleiterin arbeitet sie als Therapeutin in chinesischer Medizin und als Übersetzerin. Mehrere Jobs zu haben, ist in den Highlands keine Seltenheit. „Die Löhne sind hier niedriger als in den Städten, daher ist Landflucht eines der größten Probleme“, sagt Johanna.

Interessiert an den Menschen, der Geschichte des Landes und der Landschaft, die sie und John auf langen Wanderungen erkunden, fühlt sie sich ihrer Wahlheimat sehr verbunden. Was sie nervt, ist der manchmal sehr einseitige Blick auf das Land. „Ich finde es schade, dass Schottland oft nur unter dem Motto ‚kauzige Clans‘, ‚Whisky‘, ‚Dudelsack‘, dazu eine üppige Portion ‚Jakobiten- und Clan-Fehden‘ dargestellt wird. Als ob wir alle in einer Art Disney-Themenpark leben, wo die Zeit stehen geblieben ist.“

Denn trägt Schottland auch mit dem Einhorn ein Fabelwesen im Wappen, geht es doch mit der Zeit: Es will einen Weltraumbahnhof in den Highlands bauen, lehnt den Brexit mit aller Macht ab und führt in manchen Landesteilen die gälische Sprache als Unterrichtsfach ein (wobei das Moderne hier in der Rückbesinnung besteht). Zeitgemäße Lebensformen bieten auch Kommunen wie die Inseln Isle of Eigg und die Isle of Iona, die von ihren Bewohnern selbstverwaltet werden.

Auch Eilean Donan Castle kann besichtigt werden

Eine dieser Kommunen – das winzige Eigg – haben wir am vierten Tag unserer Reise kennengelernt. Hier lebt Donna „the piper“, die bei der Ankunft zunächst die „Lord of the Glens“ mit den zugeworfenen Tauen festmacht und dann für die von Bord gehenden Passagiere Dudelsack spielt. Die Insel bereite sich gerade auf das große Festival vor, mit dem Eigg jedes Jahr die Unabhängigkeit feiere, erzählt sie. Zu den knapp 100 ­Bewohner kämen dann etwa 200 Gäste, zum Teil von anderen Inseln.

Beim Rundgang über Eigg, aus ­dessen sanft ansteigendem Grün sich der 393 Meter hohe An Sgurr erhebt, ­fallen die unterschiedlichen Behausungen der Kommunenmitglieder auf: Bauwagen, Hütten und selbst gezimmerte Blockhäuser. Es gibt einen Laden, in dem selbst angebautes Gemüse verkauft wird, und viele Schafe. „Die Landwirtschaft wird stark von der EU gefördert“, sagt Donald Morrison, der uns auf dem ersten Teil der Reise begleitet hat. Er zeigt auf ein blaues Schild, das gleich hinter der Mole für die Europäische ­Gemeinschaft wirbt.

In seinem traditionellen Kilt, den Kniestrümpfen (in denen traditionell immer ein Messer stecken muss) und dem grauen Junker wirkt Donald auf der Isle of Eigg ein bisschen deplatziert. Zu den Burgen und Schlössern, die wir zuvor besichtigt haben, hat er besser gepasst. Besonders nach Eilean Donan Castle. Die 1220 ­erbaute Burg – Drehort zahlreicher ­Filme (wie etwa von „James Bond“) – liegt auf einer kleinen Landinsel, wurde jahrhundertelang umkämpft und 1719 mit 300 Fass Schießpulver gesprengt. „John MacRae-Gilstrap, der die Ruine 1912 erwarb, ließ sie wieder aufbauen“, erzählt Donald, „vom ansässigen Steinmetz Farquhar MacRae, meinen ­Urgroßonkel.“

In Inverie gibt es Großbritanniens entlegensten Pub The Old Forge

Gebaut wird auch auf der Isle of ­Iona. Auf der kleinen Insel gründete der irische Heilige Columban im Jahr 563 ein Männerkloster, von dem aus dann die Christianisierung Großbritanniens ausging. Die Insel, die wir am fünften Tag ansteuern, strahlt eine so religiöse Ruhe aus, dass man sich unweigerlich fragt, ob das an der Klosteranlage liegt – oder ob sich ­Columban hier eben wegen dieser besonderen Stimmung niedergelassen hat.

Die „Lord of the Glens“ fährt auch Routen entlang, die von den Wikingern befahren wurden – oder später von den „Lords of the Isles“, den „Inselherren“ aus dem Clan MacDonald. Die Legenden und Geschichten, die sich um die ­schottischen Clans ranken, sind so ­zahlreich wie die Inseln vor der Nordwestküste Schottlands.

In allen mög­lichen Blauschattierungen liegen diese im Dunst und präsentieren erst beim ­Näherkommen ihre schroffen Fels­küsten, grünen Wiesen, bewaldeten Hänge – oder Orte wie Großbritanniens ent­legensten Pub The Old Forge im winzigen Hafendörfchen Inverie. Oder das Städtchen Oban, in dem ein kleiner Hafenimbiss hervorragende und spottbillige Austern ­serviert.

Am letzen Tag unserer Kreuzfahrt sind wir erfüllt von den vielen Ein­drücken, die wir in den Highlands ­gesammelt haben. Wir stehen vorne an Deck und lauschen den Dudelsack­tönen, die langsam über dem Loch Ness verklingen. Ein paar der Passagiere ­haben sich in den Deckstühlen niedergelassen, andere sitzen drinnen im plüschig-gemütlichen Salon. Beim Afternoon-Tee oder einem ersten Bier.

Tipps & Information

Das Schiff Die „Lord of the Glens“ hat 27 Kabinen, vier Decks, ist 46 Meter lang, hat einen Tiefgang von 3,05 Metern und fährt bis zu 14 Knoten schnell. Sie wurde 1988 in Betrieb genommen und im Jahr 2000 umgebaut.

Die Route Die elftägige Reise durch die Highlands kostet pro Person ab 4420 Euro in der Standard-Kabine. Inklusive: Linienflug mit Lufthansa Frankfurt–Edinburgh (Zubringerflüge gegen Aufpreis), Mahlzeiten (Getränke werden extra berechnet), Besichtigungen, Führungen und Busfahrten. Die nächsten Reisen finden statt vom 18. Mai bis 28. Mai 2019 sowie vom 7. September bis 17. September 2019. Buchung über www.lernidee.de.

(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch Lernidee Erlebnisreisen.)