Hausbesuch

Vom Glück des Gärtners, in Hamburg dörflich zu leben

Draußen Wildwiese mit alten Obstsorten, drinnen denkmalgeschützte Behaglichkeit. Zu Gast in der alten Landarbeitersiedlung in Hamburg.

Landschaftsgärtner Karsten Keesenberg im Vorgarten seines Landarbeiterhauses.

Landschaftsgärtner Karsten Keesenberg im Vorgarten seines Landarbeiterhauses.

Foto: Andreas Laible

Hamburg.  Karsten Keesenberg wohnte viele Jahre in Bahrenfeld, im fünften Stock unter dem Dach – ohne einen Balkon. Schön zentral, aber für den selbstständigen Landschaftsgärtner nicht wirklich ideal.

„Ich brauchte unbedingt meinen eigenen Garten, wollte ins Grüne schauen“, erzählt Keesenberg. Ein halbes Jahr suchte der 51-Jährige nach einer neuen Bleibe, dann stieß er durch Zufall auf die zehn ehemaligen Landarbeiterhäuser, die 1937 für Arbeiter des nahe gelegenen staatlichen Pachtgutes Wohldorf errichtet worden waren.

Lange Zeit drohte ihnen der Abriss, nachdem die Stadt Hamburg als Grundeigentümerin Reparaturarbeiten vernachlässigt hatte und das dörfliche Ensemble zunehmend verfiel.

Bürgerverein setzte sich für den Erhalt ein

Der Bürgerverein Duvenstedt-Wohldorf/Ohlstedt setzte sich damals energisch für den Erhalt ein. „Wir finden, der Einsatz hat sich gelohnt“, sagt der Vorsitzende Hans-Detlef Schulze, „denn neben den acht milieugerechten Neubauten mitsamt Erweiterung stehen noch zwei der Originalhäuser, und in denen wohnen auch noch die Altmieter.“

Allerdings, so Schulze, seien die Grundstücke damals überteuert verkauft worden.

Karsten Keesenberg bereut seinen „Glücksgriff“ trotzdem nicht. „Ich hätte mich lebenslang geärgert, wenn ich diese Entscheidung nicht gefällt hätte und nicht das Doppelhaus auf dem 1100 Quadratmeter großem Grundstück gebaut hätte.“

Dennoch – die Auflagen des Milieuschutzes waren streng: Alle Häuser in der ersten Reihe mussten Fachwerk haben, und ein separater Anbau durfte rechts und links nicht breiter sein als der vordere, milieugerechte Neubau. „Von der Straße aus darf das hintere Gebäude nicht zu sehen sein“, erläutert der Landschaftsarchitekt.

Gekonnte Verbindung beider Häuser

Er hat das Vorderhaus vermietet und bewohnt das hintere Haus mit Garten. Mit seiner schlicht geputzten Fassade, den bodentiefen Fenstern im Wohn- und Arbeitszimmer und den zwei Schlafzimmerfenstern im oberen Geschoss wirkt die rückwärtige Giebelwand sachlich modern, trotzdem ist alles charmant und gekonnt vom Hausherrn mit dem Garten verbunden worden. „Wenn man bedenkt, dass alles früher mal eine matschige Feuchtwiese war...“, sagt der Hausherr, als wir gemeinsam den Garten begehen.

Der setzt sich aus einem Staudengarten, einer Wildwiese mit Obstbäumen, einem Gemüsegarten und einer Rosenpergola mit Sitzgelegenheit darunter zusammen – ein Staketenzaun trennt die Bereiche auf ansprechende Weise voneinander ab.

Alte Apfelbaumsorten wie der pflegeleichte Herbstprinz sind auf der Wiese zu finden. „Die braucht noch ein paar Jahre, aber dann haben sich dort wilde Blumen angesiedelt – das wird ein neuer Lebensraum auch für Bienen“, freut sich Keesenberg.

Auch was die Rosenanlage angeht, gibt sich der Gartenarchitekt zuversichtlich. „Alle Rosen brauchen noch fünf bis sechs Jahre“, schätzt der Experte, dann würde man hier garantiert unter einem Blütenmeer sitzen können.

Maulwürfe haben keine Chance

Bindendes Element zwischen den einzelnen kleinen Beetbereichen ist der Rasen. Der Gartenfachmann hat sich für Rollrasen entschieden, der gut gewässert mit seinem kräftigen Grün zusätzliche Farbe auf das Grundstück bringt – noch ohne Maulwurfhügel.

„Diese Tiere haben bei mir keine Chance, weil ich unter dem gesamten Rasen ein Maulwurfgitternetz ausgelegt habe“, erzählt der Fachmann. Noch scheint die Maßnahme zu fruchten.

Für die Rahmung von Beeten und Rasen hat Keesenberg über einen Baumarkt schwere Bahnschwellen besorgt und sie mit seinen Mitarbeitern vor Ort zugeschnitten und verlegt.

„Eine wirklich schwere Arbeit, denn so eine Schwelle kann schon mal an die 100 Kilogramm wiegen“, erzählt der Hausherr. Für die Wege rund um das Haus wählte er indessen rötliches Visuvio-Klinkerpflaster im Fischgrätverbund. Absätze und Übergänge versah er mit grauem Granit.

Auch die Garage wird aus Fachwerk gebaut

Für die lange Auffahrt vorbei am Vorderhaus ließ er einfach einen Kies aufbringen, wie man ihn von englischen Landhäusern kennt. „Weil es so schön knirscht, wenn ich mit meinem Lieferwagen darüber fahre“, sagt Keesenberg.

Noch in diesem Jahr plant er den Bau einer Garage; mit dem Bauprüfamt steht er deswegen schon in Kontakt. Natürlich wird auch die mit Fachwerk, verputzten Ausfachungen, einem Giebel und einer Flügeltür versehen. „Das soll alles stilvoll aussehen“, versichert Keesenberg, der trotz Eigenleistung mit etwa 12.000 Euro für die Garage rechnet. In der soll dann auch sein Werkzeug gut verstaut werden können.

Auch ein Treibhaus ist geplant – aus Holz mit Glas für die Tomaten. Außerdem ein Außen-Essbereich mit direktem Zugang von der Küche. Auch dort ist alles im Landhausstil gehalten – mit einem großem Spülstein, wie man ihn in schwedischen Landhäusern öfter findet.

Birnenbaum liefert Schatten am Essplatz

„Der Zugang zum Garten von der Küche aus ist natürlich super. Im Haus vorne wäre mir diese Glastür nicht erlaubt worden“, erläutert Keesenberg und verweist zugleich auf die weidenblättrige Birne aus dem Kaukasus, die seinem Essbereich auch etwas Schatten an heißen Sommertagen bietet.

Dazu gesellen sich drei Zierapfelbäume, deren kleine Früchte zunächst Deko sind und im Winter Nahrung für die Vögel bieten.

Immer etwas Blühendes im Garten

Obwohl er den Vorgarten aus seiner Wohnung nicht sehen kann, hat ihn der Landschaftsgärtner natürlich auch gestaltet, denn „er ist ja schließlich so etwas wie ein kleines Schaufenster für meine Arbeit.“ Ein Schild weist auf ihn und seine Tätigkeit hin.

Im Spätsommer überwiegt dort ein kräftiges Gelb, im Frühling werden mehr Tulpen und Krokusse zu sehen sein. „Es soll auf dieser Fläche immer etwas Blühendes zu sehen sein“, sagt Keesenberg. Die weiße Rinde einer Himalajabirke schimmert am Rand um die Wette mit jener der Mahagonikirsche.

Zaun dient eher optischen Gründen

Dann wird deutlich, dass sich der Landschaftsgärtner doch ein wenig gegen den Milieuschutz aufgelehnt hat, denn eigentlich ist nur ein geschlossener Holzzaun zur Straße hin erlaubt, wie er einräumt.

„Ich habe ihn aber an zwei Stellen durch kleine Heckenelemente aufgelockert“, gesteht er. „Hier gibt es ja kaum Autoverkehr und alle in der Nachbarschaft kennen und duzen sich.“ Überhaupt lebe es sich wie in einem Dorf. „Der Zaun ist also eher Optik, keine Notwendigkeit“, sagt Keesenberg. Auch nicht für die Hühner, die er sich noch anschaffen will.

Ganz stilecht hat sich der 51-Jährige für die alte Rasse der Vorwerkhühner entschieden, die ab 1900 in Hamburg gezüchtet wurden und heute gefährdet seien. „Die werden natürlich in einem stilgerechten Hühnerstall auf meinem Grundstück untergebracht werden.“ Keesenberg freut sich schon darauf.

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