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Zeitumstellung – Forscher warnen vor „ewiger“ Sommerzeit

Was wird, wenn die Zeitumstellung abgeschafft wird? Wissenschaftler glauben, dass längere Dunkelheit am Morgen die Menschen belastet.

Winterblues: Dunkelheit bis in den Vormittag hinein beeinträchtigt die Konzentration von Arbeitnehmern, sagen Schlafforscher.

Winterblues: Dunkelheit bis in den Vormittag hinein beeinträchtigt die Konzentration von Arbeitnehmern, sagen Schlafforscher.

Foto: istock / iStock

Berlin.  Die Zeitumstellung abschaffen – das wollen nicht nur viele Deutsche. Auch Wissenschaftler halten das Hin und Her für Unsinn. Doch sie warnen zugleich: Gelte die sogenannte Sommerzeit künftig dauerhaft, könne das schlimme Auswirkungen haben.

Drastische Worte dazu findet Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität München. Stelle man die Uhren ganzjährig auf Sommerzeit um, also eine Stunde vor, werde es „riesige Probleme geben“, warnt er. „Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme – das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger.“

Vor allem Schüler und Studenten seien betroffen

Der Chronobiologe Roenneberg prognostiziert: „Jedes Land, das das nicht macht, wird uns akademisch überholen.“ Denn vor allem Schüler und Studenten seien betroffen, weil Lernen und das Verarbeiten des Gelernten bei zu wenig Schlaf stark eingeschränkt würden. Im Alter von etwa 20 Jahren schlafe man besonders spät ein und stehe morgens entsprechend spät auf. Russland habe schon mal versucht, dauerhaft die Sommerzeit einzuführen – also ganzjährig die Uhren eine Stunde vorzustellen – und sei damit gescheitert.

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Bei dauerhafter Sommerzeit müsse man an deutlich mehr Tagen im Dunkeln aufstehen, sagt Roenneberg: „Je nach Wohnort haben Sie sechs Wochen mehr dunkle Schulwege morgens.“ Er kritisiert, dass die Online-Befragung der EU-Kommission weitgehend ohne Aufklärung geschehen sei. „Wenn EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker gesagt hätte, dass wir künftig alle ganzjährig eine Stunde früher arbeiten müssen, wären die Leute auf der Straße gewesen. Es ist aber nichts anderes.“ Auch Ingo Fietze, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Berliner Charité sagt: „Wenn die Umfrage im Winter gewesen wäre, hätten wahrscheinlich viele für die Winterzeit plädiert.“

Forscher sprechen sich für dauerhafte „Normalzeit“ aus

Die Forscher und die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) sprechen sich für eine dauerhafte „Normalzeit“ aus. „Die bisherige Winterzeit entspricht den Verhältnissen, die unter Berücksichtigung der natürlichen Lichteinflüsse für unseren Schlaf-wach-Rhythmus am günstigsten ist“, sagt der DGSM-Vorsitzende, Alfred Wiater. „Wenn wir im Winter am Morgen länger der Dunkelheit ausgesetzt sind, werden wir schlechter wach“, so Wiater. Das könne Konzentration und Aufmerksamkeit beeinträchtigen und zu mehr Fehlern in der Schule und im Job führen sowie Unfälle begünstigen.

Licht und Dunkelheit bestimmen unsere innere Uhr – wann wir wach und wann wir müde werden. Das Problem ist: Die wenigsten Deutschen können sich nach diesem natürlichen Rhythmus richten. Ihr Tagesablauf wird von der sogenannten sozialen Zeit bestimmt. Der Großteil braucht daher morgens einen Wecker, um pünktlich bei der Arbeit oder in der Schule zu sein. Roenneberg nennt das „sozialen Jetlag“.

Viele Deutsche sind begnadete Schläfer

Wenn es durch die Sommerzeit abends länger hell ist, setzt die Produktion des Schlafbotenstoffs Melatonin erst später ein. Man wird nicht rechtzeitig müde, muss aber morgens trotzdem früh aus dem Bett. „Mit der Zeit droht ein Schlafmangel – wir werden noch mehr zu einer chronisch unausgeschlafenen, übermüdeten Gesellschaft“, sagte Schlafforscher Hans-Günter Weeß.

Auch die Umstellung der Uhren wie bisher bringt für viele Menschen Probleme mit sich. „Ein Drittel der Deutschen sind begnadete Schläfer. Die interessiert das alles gar nicht. Ein Drittel sind schlechte und ein Drittel sensible Schläfer“, sagt Fietze. Und diese litten unter dem Hin und Her wie unter einem Jetlag. „Normalerweise braucht man für eine Stunde Zeitverschiebung einen Tag zur Gewöhnung – es darf bei manchen auch zwei oder drei Tage dauern.“

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Stress und Schlaf hingen eng zusammen

Symptome wie Schlafstörungen, Unwohlsein oder leichte Magen-Darm-Probleme seien aber „verkraftbar“, so Fietze. Große medizinische Probleme seien ihm nicht bekannt. Dennoch sei die Umstellung Unsinn: „Unser ganzer Biorhythmus ist dem Hell-dunkel-Wechsel angepasst. Künstlich daran zu manipulieren, macht keinen Sinn, und das versteht der Körper auch nicht.“ GSM-Chef Wiater sagt: „Besonders die ersten drei Tage nach der Zeitumstellung sind stressig für unseren Organismus.“ Das zeige sich an einem erhöhten Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. In der Regel finde man nach einer Woche seinen neuen Rhythmus. „Bei manchen Menschen kann es aber auch mehrere Wochen dauern – insbesondere wenn auch aus anderen Gründen der Schlaf-wach-Rhythmus gestört ist.“

Wiater geht davon aus, dass etwa ein Viertel der Bevölkerung Probleme mit der Zeitumstellung hat. Im Frühjahr sei sie für die meisten Menschen schlimmer als bei der Umstellung im Herbst. Denn sie verursache ein Schlafdefizit – uns wird eine Stunde genommen. Grundsätzlich spielten bei Ein- und Durchschlafstörungen aber viele psychische Faktoren eine Rolle. Habe man Schlafprobleme, verschlechtere sich auch die Stimmung. Stress und Schlaf hingen eng zusammen, sagt auch Roenneberg: „Wenn Sie viel Stress haben, brauchen Sie guten Schlaf, um diesen zu bewältigen. Wenn Sie den nicht kriegen, wird der Stress noch größer.“

Eine mögliche Lösung: flexiblere Arbeitszeiten

Einer Studie der Universität Erlangen-Nürnberg zufolge senkt die Uhrenumstellung auf die Sommerzeit vorübergehend sogar die Lebenszufriedenheit. Der Grund: Zusätzlich zum körperlichen Jetlag fühlten sich die Menschen in ihrer Souveränität im Umgang mit der Zeit beschnitten. In der zweiten Woche nach der Umstellung erreicht die Zufriedenheit demnach wieder ihr ursprüngliches Niveau. Die Zurückstellung im Herbst hat demnach dagegen keine messbaren Auswirkungen.

Helfen würden flexiblere Arbeitszeiten. Feste Zeiten zwischen neun und 17 Uhr seien heutzutage nur noch in den wenigsten Branchen nötig, sagt Roenneberg. Eine Änderung hier sei „viel wichtiger als dieser Schnellschuss, ganzjährig die Sommerzeit einzuführen“.

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