Hochsicherheitslabor

Für immer Sperrgebiet – Wie Forscher Viren erforschen

Vorbereitung auf den Ernstfall: In einem Hochsicherheitslabor in Berlin erforschen Wissenschaftler die gefährlichsten Viren der Welt.

Das Hochsicherheitslabor des Robert Koch-Instituts in Berlin.

Das Hochsicherheitslabor des Robert Koch-Instituts in Berlin.

Foto: Reto Klar

Berlin.  Andreas Kurth spricht in Wahrscheinlichkeiten, nicht in Sicherheiten. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Virus aus diesem Labor entweicht, geht gegen null“, sagt der Biologe. „Minimales Risiko.“ Kurth lehnt im kurzärmeligen Poloshirt an einer Glasscheibe. Dahinter Vollverkleidung. Zwei Frauen in weißen, mit Luft gefüllten Anzügen wandeln durch ein Labor.

Drei Paar Handschuhe tragen sie übereinander, eine Haube über dem Kopf, schwere Gummistiefel über den Beinen. Jeder Schritt ist Arbeit. „Jetzt gibt es kein Zurück mehr“, sagt Kurth, der das neuste von vier Hochsicherheitslabors in Deutschland leitet. Bislang werden bereits in Marburg, Hamburg und auf der Insel Riems in sogenannten S4-Labors lebensbedrohliche Erreger erforscht. Nun auch in Berlin-Wedding.

Seit vergangener Woche ist das Labor des Robert-Koch-Instituts (RKI) offiziell infektiös. Drei Jahre nach der Einweihung durch die Bundeskanzlerin haben der Biologe Kurth und seine Mitarbeiter das erste Röhrchen geöffnet. Es war mit einem Spezialkurier aus dem Hamburger Bernhard-Nocht-Institut gekommen und enthielt Ebola-Viren – jenen Erreger, der während einer verheerenden Epidemie in Westafrika zwischen 2014 und 2016 mehr als 11.300 Menschen das Leben kostete.

Kein Mensch, kein Ding kommt einfach wieder hinaus

Im RKI-Labor wird an Viren der Risikogruppe 4 geforscht. Gegen Erreger dieser Gruppe gibt es weder einen zugelassenen Impfstoff noch eine gezielte Therapie. Neben dem Ebola-Virus zählen etwa auch das Lassa-, Krim-Kongo- und Marburg-Virus dazu. Der Risikogruppe 4 steht die Schutzstufe 4 gegenüber. Sie ermöglicht die sichere Forschung an den lebensgefährlichen Erregern, „und macht es auch irrelevant, ob das Labor irgendwo auf dem platten Land oder mitten in einer dicht besiedelten Großstadt steht“, sagt Kurth.

Der Bau eines S4-Labors folgt internationalen Standards. Wichtig ist, dass es eine eigene Einheit bildet, also komplett getrennt ist von den es umgebenden Räumen. Es hat seine eigene Strom- und Atemluftversorgung. Niemand gelangt ohne Schutzanzug und nur über mehrere Sicherheitsschleusen hinein, kein Mensch, kein Ding einfach so wieder hinaus. „Geht ein Gerät im Labor kaputt, müssen wir es entweder selbst reparieren oder es muss ersetzt werden“, sagt Kurth. „Ein Techniker wird die Räume niemals betreten.“ Alles Gerät, aber auch andere Laborabfälle, die von innen nach außen müssen, werden in aufwendigen Verfahren von möglichen Viren befreit. Wenn die Mitarbeiter das Labor verlassen, müssen sie ihre Schutzanzüge in einer speziellen Dusche dekontaminieren.

In der etwa 30-jährigen Geschichte der weltweiten Hochsicherheitslabors wurde bislang kein einziger Fall bekannt, in dem ein infektiöser Erreger entwichen wäre. Auch Laborunfälle sind extrem selten, kommen aber vor: Vor Jahren hat sich ein Mitarbeiter eines russischen Labors unabsichtlich mit einer Nadel gestochen und sich mit Ebola infiziert. Er starb.

Laborluft ist als Atemluft tabu

Angst haben sie trotzdem nicht vor ihrer Arbeit, sagt Kurth, aber Respekt. „Deswegen müssen wir alle ehrlich zu uns selbst und den Kollegen sein.“ Hat jemand einen schlechten Tag, muss er das sagen „und sollte nicht ins Labor gehen“.

Denn die Arbeit ist hart. Für den Kopf und den Körper. Die beiden Frauen, die an diesem Morgen Dienst haben, tragen Zehn-Kilo-Anzüge. Und so bewegen sie sich auch. Die Bilder der Mondbegehung kommen einem in den Sinn. Die Luft zum Atmen in den Anzügen reicht ihnen nur für wenige Minuten.

Nachschub kommt über blaue Schläuche, die aus der Labordecke hängen. An jeder Arbeitsstation verbinden die Frauen ihren Anzug mit der externen Sauerstoffzufuhr. Die Laborluft ist als Atemluft tabu. Genau wie der Gang zum Klo. „Den Morgenkaffee gewöhnt man sich hier ganz schnell ab“, sagt Kurth. Maximal fünf Stunden dauert eine Schicht, mehr geht nicht.

Derzeit zieht das Team von An­dreas Kurth sogenannte Virus-Stocks an. Sie vermehren also die aus Hamburg eingetroffenen Erreger zunächst, um sie dann für die Forschung nutzen zu können. Aber auch für Diagnostik. Denn gleich nebenan, im Virchow-Klinikum der Charité, gibt es eine Sonderisolierstation für Patienten mit schweren Infektionen. Zurzeit ist sie leer, „aber im Fall der Fälle sind die Wege zu uns sehr kurz“, sagt Kurth. Im RKI-Labor kann ein Erreger dann schnell identifiziert werden. Auch für diese Tests müssen Viren angezüchtet werden.

Schwerpunkt auf Reservoirforschung

Diese Tests könnten künftig häufiger benötigt werden. Denn die Zahl der Fälle von Infektionen mit lebensgefährlichen Viren könnte durch Klimaerwärmung und Globalisierung zunehmen. Käme es in Deutschland zu einer Epidemie, wäre Kurths Labor zuständig. „Im Krisenfall wären wir verantwortlich.“

Deswegen sind es auch ganz praktische Fragen, die sie hier am RKI beantworten wollen. Kurth erinnert an den Kölner Rizin-Fall aus diesem Sommer. Der Tunesier Sief Allah H. hatte einen Anschlag mit dem hochgiftigen Stoff geplant. Für die Vorbereitungen nutzte er seine Wohnung. „Was macht man also mit dem Teppich in der Wohnung? Auf welchen Oberflächen ist das Gift wie lange aktiv? Diese Fragen müssen wir beantworten können“, sagt Kurth. Nun ist Rizin kein Risiko-4-Virus, aber die Fragen ähneln sich. Denn schleppt etwa ein Reisender Ebola nach Deutschland ein, oder Lassa wie im Jahr 2016 in Frankfurt und Köln, müssen Experten darauf reagieren können. „Wir müssen etwa wissen, wie wir mit den Exkrementen der Patienten umgehen.“

Ein weiterer Schwerpunkt ist sogenannte Reservoirforschung. Denn alle Viren aus der Risikogruppe 4 stammen ursprünglich vom Tier, es bildet das Reservoir des Erregers. Bei Lassa ist es die Vielzitzenmaus, bei Marburg der Flughund, bei Ebola hat man Fledermäuse in Verdacht. „Aber das ist nicht zweifelsfrei nachgewiesen“, sagt Kurth. In Berlin wollen sie mehr darüber erfahren und haben ein Tierlabor eingerichtet. Noch sind die Plastikkästen unbewohnt. Mäuse, Hamster und Meerschweine ziehen erst später ein. Auch in Westafrika gefangene Fledermäuse sollen einmal hier untersucht werden.

Wie groß die Bedrohung für Deutschland durch bislang unbekannte Erreger ist, kann Kurth nicht beantworten. Viel sei noch unerforscht. „Wir wissen nicht, was noch auf uns zukommt“, sagt der Biologe. „Aber wir sind vorbereitet.“

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