Inselglück

Nordstrandischmoor – Hallig, auf der Wiesen salzig schmecken

Mit einfachen Loren wird auf Nordstrandischmoor das meiste, was zum Leben gebraucht wird, vom Festland geholt. Gäste dürfen mitfahren.

Groß ist die Hallig nicht: drei Kilometer lang, einen breit. Ihre Landfläche liegt innerhalb des Biosphärenreservats Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer.

Groß ist die Hallig nicht: drei Kilometer lang, einen breit. Ihre Landfläche liegt innerhalb des Biosphärenreservats Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer.

Foto: K. Wernicke / picture alliance / Arco Images GmbH

Nordstrandischmoor.  Hinter dem Deich ist die Welt noch nicht zu Ende; vor der Festlandküste Schleswig-Holsteins liegen die Inseln – und die Halligen: kleine Eilande, die niemals Inseln genannt werden, davon zwei von je rund 100 Menschen bewohnt. Die anderen acht mit sehr viel weniger. Einer Handvoll Menschen nur, wenn überhaupt.

Ruth Hartwig-Kruse steht auf dem Deich nördlich von Husum, und sie blickt auf das Wattenmeer. Vier Hügel und ein paar Häuser sind auf der silbrig-grauen Fläche zu ­sehen. Da draußen, das ist Nordstrandischmoor; diese Hallig, offiziell: Wohnplatz Nr. 38 innerhalb der ­Gemeinde Nordstrand, ist Ruths Heimat und die von gut 20 anderen Halligleuten auch.

Und dorthin fährt sie jetzt: Ein Gleis führt auf den Deich, oben drauf eine Weiche, ein Abstellgleis. Eine Eisenbahn im Watt? „Der Damm hinaus zur Hallig ist unsere Verbindung zum Festland“, sagt sie und schmeißt den Diesel an, „er ist eigentlich so was wie unsere Lebensader.“ Ruth berichtet, wie die Bewohner der Hallig Nordstrandischmoor fast alles, was sie zum Leben brauchen, über diesen Damm schaffen. Einen kleinen Anleger, dort kommen Tagesgäste mit dem Ausflugsschiff an, hat die Hallig auch. Und es kommen auch Gäste übers Gleis.

Es ist eine seltsame Bahn, die rumpelnd übers Meer fährt

„Übernachtungsgäste dürfen mit der Lorenbahn anreisen. Pack dein Gepäck hinten auf den Anhänger und setzt dich hier nach vorn“, sagt Ruth. Dann legt sie die Weiche um, klettert auf die Lore und gibt Gas. Das Ding rumpelt los und rattert bald über die schmalen Gleise, quert rasch den Radweg und verschwindet bald auf der Geraden nach West.

Ein paar Passanten schauen der seltsamen Bahn hinterher. Ruth nimmt etwas Gas raus und bringt das Ding auf Reisegeschwindigkeit. Die Frau mit den dunklen Locken und dem gebräunten Gesicht eines Menschen, der viel draußen ist, schaut über das Watt. Rumpelt und tuckert nach Hause. Durch das Meer. Und wenn eine Bahn von vorn kommt? „… fährt diejenige rückwärts zurück, die die kürzeste Strecke hat!“

Dreieinhalb gerade Kilometer sticht der Deich seit 1934 durch das Watt, wurde vor ein paar Jahren erhöht und saniert. Trotzdem schaukelt die Lorenbahn, während sie gemütlich dahinzieht; mal ächzt sie, mal quietschen die Schienen, rumorendes Rumpeln und die Möwen kreischen dazu. In der Ferne weht ein Schwarm Alpenstrandläufer durch den Wind gleich einem Regen Konfetti, flatterhafte Formationen.

Die Bahnen sind individuelle Sonderanfertigungen

Schnell ist die Lorenbahn nicht, dafür bietet sie das rechte Maß Entschleunigung. Es gibt im Wattenmeer nur noch eine weitere nördlich; von Dagebüll zur Hallig Oland und weiter zur Hallig Langeneß. Die Bahnen sind sämtlich individuelle Sonderanfertigungen und kosten mitunter so viel wie ein Mittelklassewagen.

Im Winter werden sie zur fälligen Reparatur und Generalüberholung auseinander- und wieder zusammengebaut. Wenn es sein muss, in langen Winternächten auf dem Halligbauernhof. Elf Loren gibt es auf Nordstrandischmoor. Schön oder gar schnittig sind diese Züge nicht, sie ­müssen nur – und das unter oft widrigen Bedingungen – funktionieren. Manche Loks haben nicht mal einen Wetterschutz für den Fahrer.

Ruth tuckert einen halben Meter über dem Meer dahin; ein salziger, frischer und bald nach Watt riechender Wind weht vorüber. Es ist ablaufendes Wasser, und immer mehr Flächen fallen im Watt trocken. Eine Gruppe Wan­derer hat sich vom Beltringharder Koog zu Fuß auf den Weg nach Nordstrandischmoor gemacht. Dies ist der übliche Weg, um die Hallig zu besuchen. Die Tide reicht für Hin- und Rückweg sowie ein Stück Kuchen im Hallig-Krog. Oder man nimmt das Ausflugsschiff der Adler-Reederei von Nordstrand.

Die Fahrt dauert rund 20 Minuten. Die knapp vier Kilometer zum Festland sind die gute Größe Abstand zum Alltag, die Abschalten möglich macht. Es hat etwas ungemein Beruhigendes, mit der Lorenbahn durch das Watt unter dem endlos hohen Himmel dahinzuschaukeln. Und das bisschen Land da draußen zaghaft deutlicher zu erkennen, gelegen zwischen Wind und Wasser und von der Nordsee gewiss nur geborgt. Ein Auf­gehobensein stellt sich ein, eine fast umarmende Ruhe, eine schöne Einsamkeit. Und eine Kalibrierung auf Normallnull.

Im kleinen Kino gibt es einen fünfminütigen Film über Sturm zu sehen

Und Ruth? „Ich genieße auf jeder Fahrt die Natur und das Licht. Freue mich über die Vögel im Watt und ent­decke – obwohl ich schon Hunderte Fahrten gemacht habe – bei jeder Fahrt etwas Neues!“ Dann tritt das Watt zurück, und erste Wiesen, gerade dem Meer entstiegen, tauchen auf. Wir sind da. Ruth zieht die Bremse, Metall quietscht auf Metall, sie schiebt ihre Bahn auf ein Nebengleis. Endstation. Das Gepäck und der Gast landen auf dem Trecker. Dann geht’s zur Norderwarft.

Ruth ist nicht nur Ansprechpartnerin für Touristen. Und seit diesem Sommer auch Bürgermeisterin und Kurdirektorin der Gemeinde Nordstrand, zu der die Hallig verwaltungsmäßig gehört. Sondern sie, beziehungsweise nun ihre Schwiegertochter Stefanie, vermietet auch Ferienwohnungen auf ihrer Norderwarft. Und bei Familie Siefert kann der Gast auf der Niewarft wohnen.

Bis zum Hallig-Krog von Familie Glienke ist es nicht weit, der Wind weht den würzigen Geruch der Salzwiese vorüber. Ein Viehanhänger wird vom Trecker zum Anleger gezogen, auf der Hallig weidet sommers auch Vieh vom Festland. Rechts steht auf der Niewarft das Halliggasthaus, und frischgebackener Kuchen wartet – auch auf die Wattwanderer –, Obstböden nach Saison und die „Halligwelle“, ein Kuchen nach Art der Donauwelle.

August Glienke – Gastwirt und Landwirt, Postbote und Mann vom Küstenschutz in Personalunion – hat hinten in der Scheune ein kleines Museum, ein liebenswertes Sammelsurium, eingerichtet. Dort, im Kino, kann man sich einen Film ansehen, einen fünfminütigen Beitrag hauptsächlich über Sturm. Auf Wunsch erzählt er den Gästen gern Geschichten von der Hallig. Auch die von den Wasserbüffeln. Glauben Sie nicht? Die Tiere stehen etwas weiter weg auf der Weide.

Bei Land unter ragen nur die Warften aus den Wellen

Nachdem die Wattwanderer wieder auf dem Rückweg sind, kehrt vollständige Ruhe ein. 24 Leute leben auf der ­Hallig – die Familien Siefert, Glienke, Kellermann und Kruse. Auf einer Warft steht die Schule, in der Lehrer Kellermann derzeit vier Kinder unterrichtet. „Und fünf Kinder warten darauf, dass sie endlich in die Schule dürfen“, berichtet Ruth. Mit Ausnahme des Lehrers sind alle Männer beim Küstenschutz ­beschäftigt und halten die Hallig in ­Ordnung. „Denn die Halligen sind effektive Wellenbrecher und schützen das Festland bei einer Sturmflut vor der Gewalt der Nordsee“, sagt Ruth. Und auf der Hallig ist dann Land unter – nichts ­Ungewöhnliches: „Ungefähr 30- bis 40-mal pro Jahr ragen dann nur noch die Warften aus den Wellen.“

Groß ist die Hallig nicht – drei Kilometer lang, maximal einen breit –, und der Weg zur Norderwarft von Ruth (die ganz im Westen liegt) nicht weit. Es ist bereits später am Tag, die Sonne steht tief und an Sommerabenden scheinbar ewig über dem Horizont. Bald wird die Nordsee leuchten wie Kupfer. Die ­Schafe werfen lange Schatten, und das sanfte Licht modelliert die Landschaft, gibt ihr kräftige Farben. Im Vorland der Hallig gedeiht die Salzwiese, ein Lebensraum ebenso einzigartig wie die kleinen ­Eilande. Oft überflutet, ist dies, mehr noch wie die Halligen selbst, ein Ort des Übergangs – nicht mehr Land, noch nicht Meer.

Die Salzwiesen an der Küste Schleswig-Holsteins gehören zusammen mit denen in den Niederlanden, vor der Küste Niedersachsens und Dänemarks zu den weltweit größten ihrer Art. Man nennt sie auch die „Mangroven des ­Nordens“, und Kinderstube für schöne und seltene Vögel sind sie allemal. Das Licht wird immer sanfter, die Luft ­klarer, zusammen mit den kräftigen Farben ist dies eine beinah überirdische Szene; losgelöst, weit weg von allem. Bis in den späten Sommer erlebt die Hallig ihr blaues Wunder: dann blüht die Strandaster – und diese amphibische Welt wirkt wie ein blaues, lila, violettes Meer. Unglaublich, traumschön. Und nannte der Dichter Theodor Storm die Halligen einst nicht genau so – „schwimmende Träume“?

Tipps & Informationen

Anreise Mit dem Pkw bis Lüttmoorsiel über Husum, Schobüll oder Hattstedt, weiter über Arlauschleuse, nördlich von Nordstrand. Erreichbar ist die Region ab Berlin über die A24 bis Heide und dann die B5 bis Husum. Auf Anfrage werden Übernachtungsgäste vom Bahnhof in Bredstedt abgeholt.

Übernachtung Ferienwohnung auf der Norderwarft bei Familie Kruse, www. norderwarft.de – Ferienwohnung auf der Niewarft bei Familie Siefert.

Essen Gasthaus Hallig-Krog nahe dem Anleger und den Wattwanderungen; leckerer Kuchen, kleine Speisen. Öffnungszeiten „nach Gezeiten“; bei Ebbe, wenn die Wattwanderer kommen und wenn das Ausflugsschiff mit Gästen anlegt. Tel. 04842/361

Auskunft Wissenswertes zur Hallig unter Tel. 04842/373 sowie auf www.hallig-nordstrandischmoor.de, zur Region: www.nordseetourismus.de, zu Schiffstouren: www.adler-schiffe.de

(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch Nordsee Tourismus Husum.)

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