Griechenlandreise

Tracht und Tradition – So leben die Frauen von Olympos

Manch Reisender sucht das ruhige, ursprüngliche und traditionelle Griechenland. Fündig werden diejenigen im Norden der Insel Karpathos.

Das Dorf Olympos liegt im Norden der Insel Karpathos – an einem von der Küste aus uneinsehbaren Berghang.

Das Dorf Olympos liegt im Norden der Insel Karpathos – an einem von der Küste aus uneinsehbaren Berghang.

Foto: DEA / V. GIANNELLA / De Agostini via Getty Images

Olympos.  Keine Ziege macht ihr was vor. Sophia mag zwar hager und schon Mitte 60 sein. Doch zu ihrer traditionellen Kleidung trägt sie trendy Turnschuhe, mit denen sie sehr flink ist. Und wenn nötig, meckert sie auch resolut zurück, während sie sich aus dem Gewusel ihrer Herde handfest ein Tier nach dem anderen greift. ­Jede der erwischten Ziegen hält sie dann zwischen ihren Beinen fest, um sie zu melken – bis nach einiger Zeit der Eimer voll ist.

Rund 200 Tiere hält sie zusammen mit ihrer Tochter Evgenia, mit der sie die frische Milch zu Butter, Rahm und vor allem Käse verarbeitet. Gleich neben ihrem abgeschiedenen Käserei-Häuschen entfacht Sophia dafür erst einmal unter freiem Himmel ein Feuer. Dort kocht sie die Milch und stellt daraus den Käse Schritt für Schritt nach traditionellem Rezept her. Alles ist hier im Grunde noch so wie damals, als sie als einziges Mädchen unter neun Brüdern aufwuchs und sie von ihrem Vater ­alles über die Arbeit mit den Ziegen lernte. Touristen waren auf der Insel Karpathos, nach Rhodos die zweitgrößte der Dodekanes-Inselgruppe, zu dieser Zeit eine Seltenheit.

Beim Frühstück erinnert sich Sophia daran, wie in dem lange isolierten Bergdorf Olympos die ersten ausländischen Gäste auftauchten. Wie die Anreise für die ein echter Aufstieg war: Die Fähre hielt etwas weiter vor der Küste. Dann mussten sie in ein kleineres Boot umsteigen, um zu dem Fischerörtchen Diafani zu schippern. Von dort mussten sie schließlich den restlichen Weg laufen, mehr als zehn Kilometer bergauf.

Seit vor gar nicht all zu vielen Jahren endlich eine Asphaltstraße aus dem ­Süden gebaut wurde, geht das einfacher. Mit einem Mietwagen muss man sich nur ein Stündchen durch die Serpentinen schlängeln – und doch landet man im Norden von Kar­pathos nach wie vor in einem Griechenland jenseits größerer Hotelansammlungen und Stränden voller Liegestühle.

Aus Treibgut oder Olivenholz fertigen Anwohner Souvenirs an

Dass vieles wie damals ist, aber manches eben auch nicht, sieht man im Bergdorf Olympos. Vor Restaurants hängen Tafeln mit verblassten Fotos der angebotenen Gerichte, die eher an Touristenfallen erinnern. In manch einer Auslage vermischt sich Erinnerungsnippes mit einheimischem Kunsthandwerk. Trotz allem hat sich Olympos seinen Charme bewahrt: durch die verschlungenen Gässchen mit kleinen Kirchen, über 70 Windmühl-Ruinen und einigen Tavernen – auf der Meeresseite mit weitem Traumblick über die tiefblaue Ägäis.

Bekannt sind vor allem die Frauen von Olympos, von denen einige damals die lang­same Entdeckung durch den Tourismus noch miterlebt haben. Schlendert man durch die Hauptgasse, stehen sie in ihren Restaurants oder Souvenirlädchen, grüßen, demonstrieren ihre Kunsthandwerksfähigkeiten, erzählen ein bisschen, lächeln für Fotos der Besucher – so wie manche von ihnen das auch auf den angebotenen Postkarten tun.

Das Besondere: Die meisten tragen die ­typische Tracht aus Bluse, bunt gemustertem Gürtel und passender Schürze sowie dem Mandili-Kopftuch. „Das ist ein Dreieckstuch – ein schwarzes, wenn die Frau verheiratet ist, und ein weißes, wenn nicht“, erklärt Rigo­poula Pavlidi, die seit 31 Jahren ihren Laden betreibt, der nur ein paar Häuser von der Werkstatt von Schuhmacher Jannis Prearis entfernt ist. Auch er hält einen Brauch am Leben und stellt als ­Einziger die sogenannten Sti­vani-Schuhe her, Maßanfertigungen aus Ziegen- und Lammleder.

Die Stärke der Gegend liegt im Ökotourismus

Anna und Andreas dagegen, beide in ihren 30ern, bringen mit dem Laden „Original Treasures“ neue Ideen in diesen Traditionsdorfkosmos. Sie verarbeitet Treibgut zu Souvenirs. Er fräst vom Löffel bis zum Schälchen seine Andenken aus Holz von Oliven- und Mandelbäumen, das er im Wald gefunden hat. In seiner Werkstatt kann man sich auch ein Holz aussuchen, aus dem er dann ein Wunschstück fertigt. Während er dabei in einem Schwarm fliegender Sägespäne steht, formt er wie ein Bildhauer sein individuelles Holzkunstwerk.

So wie Anna und Andreas hat auch Evangelia Agapiou eigene Vorstellungen vom Tourismus im Norden. Sie ist 29 Jahre alt, hat Geografie studiert und sieht die Stärke dieser Gegend im Ökotourismus: das Leben, die Traditionen und die Geschichte der ­Einheimischen kennenlernen, die Natur ­erkunden und Tiere beobachten – Vögel vor allem, am besten in Avlona, einem Dorf in einer Ebene, wo seit der Antike die Felder bestellt werden und bis heute Weizen, Ackerbohnen und Kichererbsen wachsen.

„Karpathos ist ein wichtiger Stopp für Zugvögel“, sagt sie, als sie dort im Garten etwas Knoblauch für die bevorstehende Kochstunde holt. Kurze Zeit später schließt sie das typische Vorzeigezimmer im Haus ihres Vaters bei Olympos auf. „Ich möchte euch gern meine Familie vorstellen“, sagt die junge Touristenführerin und zeigt auf die Bilder von ­Generationen an Verwandten zwischen bunt-opulenten Dekorationen mit Schnörkeln, Verzierungen, Stickereien, Ziertellern aus aller Welt. Hier verbringt die Familie im Sommer viele Abende, weil es kühler ist als unten am Hafen in Diafani. ­Und heute soll traditionell gekocht werden: Evangelia lässt den zerkleinerten Oktopus in Essig und Öl köcheln, bevor sie zum Finale noch Paprikapulver und Tomatenmark hinzugibt.

Die Spezialität der Insel aber sind Makarounes, kleine Nüdelchen, die an Spätzle erinnern – und Evangelia demonstriert, wie sie frisch gemacht werden. Den Teig zu einer dünnen Wurst auszurollen, ist kein Problem. Auch nicht das Zurechtschneiden in gleich ­große Stückchen. Dann aber kommt der Kniff: Während man die Stückchen unter den Fingern rollt, muss man sie im richtigen Moment eindrücken. „Mein Großvater war da sehr ­penibel, hat aber selber nie welche gemacht“, erinnert sich Evangelia später beim üppigen Karpathos-Menü.

Den Karpathos-Wasserfrosch gibt es nirgends sonst auf der Welt

Glücklicherweise gibt es genug Wege, um die Portionen abzuwandern: am nächsten Morgen zum Beispiel nach Vroukounda. Vom Dorf ­Avlona aus führt Evangelia über jahrtausende­alte Stufen hinunter bis zum Meer, wo nicht nur die letzten Ruinen einer antiken Stadt ­stehen. Kaum sichtbar führt am Ende des Weges auch eine Treppe in die kühle Höhlenkirche Agios Jiannis. Einmal im Jahr kommen die Einheimischen zu einem großen Fest hierher. Heute steht nur eine hochschwangere Esel­dame im Schatten des Olivenbaumes und wird beim Picknick kurz etwas zu anhänglich.

Eine andere Wanderung führt zum Kar­pathos-Wasserfrosch – eine Spezies, die es so nirgendwo anders auf der Welt gibt. Um die 100 von ihnen sollen in einem trockenen Flussbett leben, das als solches kaum zu erkennen ist. Prächtige Oleanderbüsche sind hier in die Höhe gewachsen und leuchten in intensivem Rosa in die karge Landschaft drum herum. Die Wasserstellen sind kaum größer als Regenpfützen, in denen von den Fröschen keine Spur ist. Aber immerhin: Zahlreiche Kaulquappen schwimmen da vor sich hin – die Zukunft scheint für die nächste Generation gesichert.

Die Frösche gehören zu den wenigen endemischen Tieren. Pflanzen allerdings, die es nur auf Karpathos gibt, wachsen deutlich mehr. Mit denen kennt sich Minas Agapiou bestens aus. Dabei ist er keinesfalls Biologe, sondern ein Handwerker, der Häuser baut. Er kommt als Guide mit nach Saria, auf die Nachbarinsel weiter im Norden, die man nur übers Wasser erreichen kann. Piraten waren vor ­langer Zeit schon dort, die Osmanen ebenso, heute aber ist Saria unbewohnt.

Um zur Kirche zu kommen, geht es zu Fuß durch eine Schlucht

Auf dem Weg steuert Kapitän Georgios sein Boot mit einem Dutzend Urlaubern die steinige, karge Küste mit den hohen Klippen entlang. Er passiert die belagerte Möweninsel Amoudi und den Felsen, wo man zur richtigen Jahreszeit zahlreiche Falken beobachten kann, die hier, auf ihrem Zug zwischen Madagaskar und Nordeuropa, einen Zwischenstopp ein­legen. Nach knapp zwei Stunden geht Geor­gios schließlich in einer Bucht neben zwei ­anderen Ausflugsbooten vor Anker. Der Strand dort, das klare Wasser, die Hitze, all das lädt eigentlich zum Bleiben ein. Doch es wird gewandert!

Ein paar Stunden bleiben für den Fußweg zur Kirche Agios Zaccarias, die oben auf dem Berg bereits zu sehen ist. Um hinzukommen, muss man allerdings durch eine Schlucht laufen, durch die Ruinen eines verlassenen Dorfes und vorbei an Mandelbäumen, wo Minas ein paar Mandeln für einen kleinen Snack knackt. Immer wieder präsentiert er dabei ganz besondere Pflanzen und Blumen.

„Mit 40 hat mich das Pflanzenfieber gepackt“, sagt der hagere Grieche mit dem grauen Schnauzer. „Es ist wie eine Krankheit.“ 1000 Seiten hat sein Buch, das er über die Inselflora geschrieben hat. „Eine Seite über ­jede Pflanze, die hier wächst – um die 50 sind endemisch“, sagt er beim Picknick an der ­Kirche, bevor es zurückgeht und Kapitän Georgios wieder aufbricht in die Zivilisation.

Tipps & Informationen

Anreise Ab Hamburg und Berlin mit Lufthansa und Austria über Wien nach Karpathos.

Unterkunft Irene’s House, traditionell eingerichtetes Ferienhaus ab 50 Euro pro Nacht, oder Hotel Dorana im Hafenort Diafani, DZ für zwei Nächte ab 77 Euro

Ökotourismus Touren mit Evangelia Agapiou, buchbar über Ecotourism – inklusive Unterkunft, Transport und Ausflüge

(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch Holiday World Karpathos Travel.)

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