Geheimtipps

Stille Schönheiten und ruhige Orte am Gardasee

Einsame Buchten, kühle Schluchten: Selbst im Hochsommer kann man dem Massentourismus an dem oberitalienischen Gewässer entfliehen.

Nirgendwo lässt es sich so schön in der Nachmittagssonne sitzen wie im kleinen Hafen von Punta San Vigilio.

Nirgendwo lässt es sich so schön in der Nachmittagssonne sitzen wie im kleinen Hafen von Punta San Vigilio.

Foto: Catherina Unger / Getty Images/AWL Images RM

Garda.  Ob Landschaft, Kultur, Küche oder Wein: Am Gardasee ist alles üppig und in Spitzenqualität vorhanden. Kein Wunder, dass von Ostern bis zum späten Herbst Urlauber, Gourmets, Leistungssportler und Familien aus der ganzen Welt anreisen und sich nach einem sonnenreichen Tag durch die Gassen von Malcesine oder Sirmione schieben. Dennoch findet sich immer noch ein Plätzchen am See, die Holzofenpizza ist knusprig, Valpolicella und Lugana, gekeltert im Hinterland, sind süffig. Kurz: Wer es turbulent und abwechslungsreich mag, ist zwischen Riva und Desenzano selbst in der Hochsaison immer richtig.

Und wenn man den stillen Moment am See sucht, einen einsamen Spazierweg in der Nähe, ein Restaurant mit einem hingebungsvollen Koch oder das besondere Naturereignis abseits der Massen? Auch das geht ohne großen Aufwand, sogar am besonders lebhaften Ostufer. Vorausgesetzt, man hält die Augen offen und verhält sich antizy­klisch zum touristischen Tagesablauf.

Zum Beispiel in Lazise. Scaligerburg, Stadtmauer, ein kleiner Hafen mit Fischerbooten und schmale Gassen prägen den Ort, der vor allem bei Campern beliebt ist. Die sorgen dafür, dass der Discounter an der Hauptstraße nach ­Verona in der Hochsaison meist überfüllt und/oder ausverkauft ist. Wohnmobile verstopfen auf der Suche nach einer Parkmöglichkeit an der Eingangstür die Einfahrt, Einheimische schimpfen, Touristen in Flip-Flops schleppen Bier.

Ein Wanderweg führt parallel zum See durch Olivenhaine

Doch das Idyll ist nah: Es beginnt nur 200 Meter oberhalb, wo ein Wanderweg startet, der in den einschlägigen Reiseführern gar nicht erwähnt wird. Angenehme fünf Kilometer lang geht es parallel zum Gardasee durch Oliven­haine und Weinberge vorbei an Bauernhöfen, linker Hand den See immer wieder im Blick, rechts erstreckt sich das Monte-Baldo-Massiv.

Von Frühjahr bis Herbst blühen Wiesenblumen, Grillen zirpen, wie durch Watte dringen allenfalls Restgeräusche des touristischen Treibens nach oben. Der Weg Richtung Norden endet an einer kleinen Plattform mit schöner Aussicht über See und Gebirge. Durch ruhige Wohngebiete und über den Friedhof geht es nun bergab zurück in das Gewimmel der Stadt. Start: Lazise, Via della Scala/Ecke Località Mondragon di Sotto, Ende Friedhof von Lazise.

Wenn es nun Zeit ist zum Abend­essen und jeder Tisch der vielen Restaurants besetzt, leert sich an der schönsten Bar im Ort die Terrasse. Direkt an der Seepromenade der Bar Gelateria Al Porto ist der beste Platz zum Sehen und Gesehenwerden. Glutrot versinkt hier an der breitesten Stelle des Gardasees die Sonne im Wasser. Bis die Restaurantbesucher mit vollen Bäuchen auf einen Absacker vorbeischauen, lassen sich hier in aller Ruhe Aperol, Eisbecher oder Schinkensandwich genießen.

Wo alpines auf mediterranes Klima trifft, ist die Vegetation besonders üppig

Lazise ist übrigens bestens geeignet, um die touristischen Hotspots des Ostufers abzuklappern. Das kann auch im Hochsommer gelingen, zum Beispiel wenn man mal das Frühstück ausfallen lässt, das Auto gleich frühmorgens vor acht Uhr an der Stadtmauer parkt (dann ist es noch erlaubt) und in eines der ­vielen Cafès hüpft. Schnell einen Espresso im Stehen an der Bar für einen Euro. Denn geht es über die noch leere Gardesana etwa 35 Kilometer lang über Bardolino, Garda und Torri del Benaco bis zur Seilbahn im Malcesine. Wer später fährt, riskiert, dass der Ausflug am Stau und an der langen Schlange vor der Seilbahn scheitert. Mit Disziplin aber kann man es bis zehn Uhr auf die Bergstation schaffen.

Vorsicht, es ist frisch hier oben. Hochgebirge eben. Was viele Urlauber oft nicht mitbekommen: Am Ende des breiten Bergkamms mit grandioser Aussicht auf See und Alpen beginnt ein aufregender Wanderweg: der Sentiero del ventrar. Hier, wo alpines auf mediterranes Klima trifft, ist die Vegetation mit Giftschlangen, seltenen Pflanzen und Vögeln besonders üppig.

Nun geht es durch Schluchten, vorbei an kargen Felsen, den blauen See und den Himmel im Blick. Immer wieder tun sich Abgründe auf, die mit Stahlseilen gesichert werden. Dabei ist der schmale Weg an sich nicht schwer zu laufen, vorausgesetzt, der Wanderer ist schwindelfrei, trittsicher und einigermaßen trainiert. Später weichen die Schluchten sanften Wegen durch Felder und Wiesen bergab bis zur Mittelstation oder wieder hoch zur Bergstation. Beides ist mühsam, der Muskelkater nach dem Bergablaufen ist aber langwieriger. Zurück geht es dann mit der Gondel am Nachmittag ins Herz von Malcesine.

Der Wasserfallpark in Molina bietet bestes Naturschauspiel

Wer noch nicht genug hat: Auf dem Rückweg nach Lazise lockt Punta San Vigilio. Hotel und Café im Miniort sind zwar teuer, aber nirgendwo lässt es sich so schön in der Nachmittagssonne sitzen wie an dem kleinen Hafen. Direkt daneben liegt das schönste, aber ebenfalls teure Strandbad des Ostufers, der Parco Baia delle Sirene: Ein weites Gelände mit Wiesen zwischen Pinien, Oliven­hainen, Zypressen, natürlichem Schatten und einem herrlichen Kieselstrand, der sofort den Schwimmer herausfordert, denn hier geht es kristallklar metertief hinunter. Nach 15 Uhr ermäßigt sich der Eintritt von 13 Euro auf fünf Euro. Richtig voll ist es nie, am Abend wird es sogar einsam.

Der nächste Ausflug führt ins Valpolicella-Hinterland. Ein Naturschauspiel bietet der Wasserfallpark in Mo­lina. Schon die Anfahrt erfreut die Urlauberseele: Es geht durch ein dicht bewaldetes Tal, bis die Serpentinen nach Molina beginnen. Das Auto wird am Ortseingang abgestellt, dann folgt eine kleine Wanderung zum Eingang des Wasserfall-Parks. Auf 80.000 Qua­dratmetern können – je nach Zeit und Kondition – drei Wanderwege absolviert werden. In dem Park ist es herrlich kühl und schattig, die Luft wird von den tosenden Wasserfällen befeuchtet, es locken Grotten und Höhlen. Eine wunderbare Erholung von der Sommerhitze.

Wer nicht so gut zu Fuß ist und trotzdem die Schönheit der Natur erleben will, sollte nach Valeggio sul Mincio fahren und den ­Parco Giardino Sigurtà besuchen. Dieser Landschaftspark liegt etwa 20 Kilometer südlich von Lazise. Insgesamt sind 60 Hektar Bäumen, Sträuchern und Blumen gewidmet. Die Geschichte des Parks reicht ins 15. Jahrhundert zurück – der älteste Baum ist denn auch eine 400-jäh­rige Eiche. Den ganzen Sommer über blühen an die 30.000 Rosen – 18 Wasser­flächen, ein Schlösschen, ein Irrgarten und ein Aussichtspunkt auf den Gardasee oder die Scaligerburg von Valeggio sorgen für ausreichend Abwechslung. Am Eingang können Fahrräder und Golf-Karts gemietet werden.

In Italien sehr beliebt ist der Urlaub auf alten Bauernhöfen

Keine Frage: Wer sich auf einem großen Campingplatz unmittelbar am See einmietet, womöglich in Nähe der Freizeitparks zwischen Lazise und Peschiera, sollte Spaß an einem turbulenten Strandurlaub haben. Immerhin sind die meisten Campingplätze komfortabel und liegen in schöner Natur. Allerdings kann der aufs Budget bedachte Camper durchaus den Komfort und die Ruhe des in Italien so beliebten Urlaubs auf dem Bauernhof genießen, dem sogenannten Agriturismo. Zum Beispiel in Colà, einem Dorf oberhalb von Lazise. Der Agriturismo La Vigna bietet auch Stellplätze für Camper an – und den Komfort des gesamten Betriebs samt Frühstück und Pool. Wer nicht so auf jeden Euro schauen muss, abseits der Massen Urlaub machen will und dabei beste Küche und Wein genießen will, für den empfiehlt sich der Agriturismo ohnehin.

Ein Wort noch zum Essen und Trinken: Ein paar Kilometer im Hinterland finden sich jede Menge Restaurants und Trattorien mit wirklichen Könnern am Herd sowie historische Weingüter.

Abseits der typischen Pizza zu empfehlen sind dort beispielsweise der Risotto all’Amarone, die Forelle vom Holzkohlegrill, die hausgemachten Orecchiette sowie der Schinken auf der Vorspeisenplatte, der auf der Zunge zergeht.

Tipps & Informationen

Anreise z. B. mit Ryanair kommt man von Berlin sehr günstig nonstop nach Bergamo. Von dort mit dem Mietwagen an den Gardasee – oder mit öffentlichem Nahverkehr. Mit der Bahn wären es eineinhalb, mit dem Bus knapp drei Stunden bis Peschiera del Garda.

Übernachtung z. B. auf einem Campingplatz direkt am See. Oder Agriturismo, Urlaub auf dem Bauernhof, z. B.
Ca Castellani/Bardolino, DZ ab 80 Euro. Buchbar über www.agriturismo.it

Auskunft Zum Wanderweg Sentiero del ventrar: 360gardalife.com/de/sport/ 306/sentiero-del-ventrar; über das Strandbad Parco Baia delle Sirene: www.gardasee.de/ausflugsziele/
baiadellesirenespiaggia
; über den Wasser­fallpark in Molina: www.
parcodellecascate.it/deu_parco.php

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