Wanderparadies

Andorra: Willkommen im Zwergstaat mit Riesenbergen

Andorra ist für seine Skiorte bekannt. Aber das kleine Fürstentum in den Pyrenäen ist auch beliebtes Ziel für Wanderer und Kletterer.

Das kleine Fürstentum Andorra liegt zwischen Spanien und Frankreich. Durch seine Berge bietet es sich nicht nur als Wintersportregion, sondern auch als Urlaubsziel im Sommer an.

Das kleine Fürstentum Andorra liegt zwischen Spanien und Frankreich. Durch seine Berge bietet es sich nicht nur als Wintersportregion, sondern auch als Urlaubsziel im Sommer an.

Foto: Michal Lichota / EyeEm / Getty Images/EyeEm

Andorra la Vella.  Eigentlich legt das Pärchen, das an diesem Freitagabend im gemütlichen Restaurant Minim’s in der Altstadt Andorra la Vella an einem ruhigen Zweiertisch sitzt, keinen gesteigerten Wert auf eine Konversation mit uns. Trotzdem beantwortet der junge Mann unsere Frage höflich, ja, sie seien beide gebürtige Andorraner. Aber die Nationalhymne ­singen, nein, das könnten sie leider nicht, sagt die schwarzhaarige junge Frau belustigt.

Für unseren Begleiter Rafael ist das dagegen überhaupt kein Problem. „El Gran Carlemany“, singt er mit vollem Tenor die Hymne, die so pathetisch klingt, als ginge es hier um eine Großmacht und nicht um einen Zwergstaat mit gerade mal 78.000 Einwohnern und einer Fläche, die mit 468 Quadrat­kilometern nur etwas mehr als halb so groß ist wie die von Berlin. Rafael singt von Karl dem Großen, dem mächtigen Vater des winzigen Landes, das er von den Mauren befreit habe.

Das Land gehört nicht zur EU, obwohl es mitten in Europa liegt und den Euro hat

„Ich bin die einzig übrig gebliebene Tochter des karolingischen Reiches“, heißt es im katalanischen Text der Hymne, die eine ganz große und lange Geschichte besingt. Auf die Goldwaage legen sollte man die Zeilen freilich nicht, denn der Gründungsmythos, nachdem Carolus Magnus oder Charlemagne, wie ihn die Franzosen nennen, der mächtige Vater der kleinen Nation ist, hält einer historischen Überprüfung kaum stand. Gegründet wurde das in den östlichen Pyrenäen gelegene Fürstentum 1278, als Karl der Große schon mehr als 450 Jahre in seinem Grab im Aachener Dom ruhte.

„Ach was, klar hat der uns befreit“, sagt der gut gelaunte Rafael mit einem Augen­zwinkern, ordert noch eine Flasche spanischen Weißwein und erzählt uns von seiner Heimat, die nicht zur EU gehört, obwohl sie mitten in Europa liegt und den Euro als Landeswährung hat.

„‚Prin­zipat d’Andorra‘ steht auf jedem Auto-Nummernschild, das heißt Fürstentum Andorra, aber eigentlich müsste es ‚Co-Fürstentum‘ heißen, denn wir haben zwei Fürsten: den Bischof der spanischen Stadt Urgell gleich hinter unserer Grenze und Emmanuel Macron, den französischen Staatspräsidenten, auch wenn der noch nie hier war“, sagt Rafael, der uns nach dem üppigen Dinner mit Spezialitäten wie Escudella, dem leckeren andorranischen Fleisch-Gemüse-Eintopf, zum Bummel durch die Altstadt einlädt.

Acht Millionen Touristen kommen pro Jahr – überwiegend im Winter

Wirklich schön ist Andorra la Vella nicht, in den letzten Jahrzehnten wurde das enge Gebirgstal zugebaut mit Hotels, Appartementhäusern, Supermärkten und Shoppingcentern, die alle keinen Architekturpreis verdienen würden. Am interessantesten ist noch das futuristische Centre Termolúdic Caldea, ein 1994 eröffnetes Thermalbad mitten im Zentrum mit gefalteten Spiegeldächern und einem steil aufragenden, gläsernen Turm, der an die kristallinen Architek­turen aus den Gemälden von Lyonel Feininger erinnert.

Ein paar malerische Ecken hat die Altstadt dann doch zu bieten, San Esteve zum Beispiel, die im Kern noch aus dem 11. Jahrhundert stammende ­Stephanskirche, und die Casa de la Vall, das im 16. Jahrhundert errichtete alte Parlament. Bis ins Jahr 2011 tagte hier die mit nur 28 Abgeordneten kleinste Volksvertretung Europas in einem Raum, der eher an ein Wohnzimmer erinnert und heute als Museum besichtigt werden kann.

Inzwischen ist das Parlament in einen benachbarten Neubau umgezogen, was zumindest architektonisch kein Gewinn sein dürfte. „Aufgrund der Architektur kommt niemand zu uns, die Leute wollen vielmehr günstig einkaufen und im Winter Ski fahren“, meint Montse Buil vom Fremdenverkehrsamt, die uns auf unserer kurzen Reise begleitet.

Unglaubliche acht Millionen Touristen kommen pro Jahr ins Land, allerdings weit überwiegend im Winter, wenn die drei vergleichsweise günstigen Skigebiete vor allem Franzosen und Spanier anlocken. Im Sommer stehen die zahlreichen Hotels dagegen größtenteils leer, dabei hat das Land mit seiner grandiosen Gebirgslandschaft Wanderern und Bergsteigern eine Menge zu bieten, und das zu durchaus moderaten Preisen.

Auch im Sommer sind einige Gipfel schneebedeckt

„Vor allem die Deutschen wissen die Landschaft zu schätzen, die kommen nur im Sommer“, sagt Rafael zum Abschied, der uns für unsere Unternehmungen gutes Wetter wünscht, was angesichts von durchschnittlich zehn Regentagen in den Sommermonaten bei meist unter 20 Grad durchaus angebracht ist. Aber wir haben Glück. Als wir tags darauf bei schönstem Sonnenschein durch das Valle de Sorteny wandern, bietet sich ein grandioses Panorama mit Blick über sattgrüne Wiesen und üppige Wälder bis hinauf auf die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen.

Der im Westen des Mini-Landes gelegene Compapedrosa ist mit seinen 2944 Metern der ­höchste Berg. Aber auch der Estanyó, den wir auf unserer knapp dreistündigen Wanderung gut sehen können, bringt es auf 2915 Meter. Welcher Reichtum an Pflanzen dieses schon 1999 zum Unesco-Weltnaturerbe erklärte Naturschutzgebiet zu bieten hat, das sehen wir bereits zu Beginn unserer Tour in einem kleinen botanischen Garten. „Von den mehr als 700 Pflanzenarten sind etwa 50 endemisch, sie kommen also nur hier vor“, erklärt uns Montse. Vorbei an einem reißenden Gebirgsbach führt der Weg mal ganz sanft, mal eher steil nach oben, bis wir eine jener fünf Berghütten des Landes erreicht haben, die ganzjährig bewirtschaftet sind.

Aus alten Ställen wurden rustikale Restaurants

Hier können sich Wanderer nicht nur stärken, sondern auch komfortabel übernachten. Eigentlich schade, dass wir schon umkehren müssen, denn die großartige Gebirgslandschaft macht wirklich Lust auf ausgedehnte Wanderungen. Und dank eines gut ausgebauten Wegesystems mit zahlreichen Berghütten ist es möglich, das gesamte Land bei mehrtägigen Touren zu durchqueren.

Noch komfortabler sind die Bordas, die früher Ställe oder kleine Bauernhäuser waren und nun zu ebenso rustikalen wie stilvollen Restaurants umgebaut wurden, die oft auch über Gästezimmer verfügen. Bevor wir die stilvolle Borda in Valle de Incles erreicht haben, müssen wir einen kleinen Gebirgsbach durchwaten, doch gleich am Eingang reicht uns die freundliche Wirtin Hausschuhe und stellt unsere nass gewordenen Wanderstiefel vor den gemauerten Kamin zum Trocknen.

Durch die Panoramafenster bietet sich ein geradezu atemberaubender Blick auf das mit blühenden Wiesen bedeckte Tal und die dahinter ansteigenden Berge, die zu zackigen, mit Schnee bedeckten Gipfeln auslaufen.

Ausritte? Kein Problem, die Pferde sind an den Hängen sehr trittsicher

Der junge Winzer, der uns zur Probe andorranischer Weine einlädt, kommt eigentlich aus Argentinien. Erst Ende der 1980er-Jahre haben ehemalige Tabakbauern damit begonnen, Reben zu pflanzen und Wein anzubauen, erzählt er uns. Die Bedingungen seien schwierig, aber im Süden des Landes, wo das Klima nicht ganz so rauh ist, sei es sonnenreich genug, um auf etwa 1000 bis 1200 Höhenmetern ordentliche Weine reifen zu lassen. Wir pro­bieren Riesling und Pinot Gris, aber auch Rotweine wie Pinot Noir und Syrah, alle sind recht schmackhaft, haben aber ihren Preis, weshalb sie auf den Speisekarten der hiesigen Restaurants auch kaum zu finden sind. „Das Anbaugebiet ist klein, wir kommen höchstens auf 1000 Flaschen“, erklärt der Winzer, die Flaschenpreise beginnen erst bei 30 Euro.

„Ihr müsst unbedingt reiten, es ist wirklich großartig, die Gebirgslandschaft vom Pferd aus zu erleben“, schwärmt Montse, die mich schließlich doch überreden kann, das Reitabenteuer zu wagen. Glücklicherweise ist Rustica eine wirklich gutmütige Stute, sodass ich auch als völlig unerfahrener Reiter meinen Spaß habe. Mit Greenhorns weiß man im Club Hipic L’Adosa umzugehen, denn die meisten Touristen, die hier einen ein- oder zweistün­digen Ausritt durch das wunderschöne Valle de Incles buchen, dürften sonst kaum zu Pferd unterwegs sein.

Die zwei Meter Abstand, die wir eigentlich einhalten sollen, sind zwar illusorisch, weil die Pferde nicht davon abzubringen sind, dicht hintereinander zu laufen, aber das stört niemand, denn im gemächlichen Tempo fühlen wir uns wohl im Sattel und staunen, wie trittsicher sich die Tiere auf den manchmal steilen und steinigen Wegen bewegen können.

Die Berge lassen sich auch mit E-Bikes erfahren

Ungewohnter und sogar noch etwas aufregender ist für uns Neulinge am nächsten Tag die Fahrt mit E-Mountainbikes. Von unserem Hotel in der 1230 Meter hoch gelegenen Ortschaft La Massana geht es erst die Straße hinunter ins Tal, bevor wir den teilweise recht steilen Anstieg Richtung Sispony nehmen. Ohne Elektromotor gäbe es keine Chance, die Strecke bergauf zu bewältigen. Oben in einer kleinen Hütte mit Aussicht angekommen, wartet ein zweites Frühstück auf uns, es gibt Brötchen mit extrem schmackhaften Marmeladen, die ein Familienbetrieb ökologisch produziert und unten im Tal als andorranische Spezialität verkauft.

Der Kontrast zwischen den Shoppingcentern in Andorra la Vella und dem gemütlichen Bioladen im Örtchen Sispony, den wir bald erreichen, könnte kaum größer sein. Die beiden wütend kläffenden Hofhunde werden ins Schlafzimmer gesperrt, während wir Himbeer-, Feigen- oder Orangenmarmelade kaufen, die die Familie hier seit Generationen nach traditionellen Methoden herstellt und schon ökologisch waren, als man das Wort noch nicht kannte.

Draußen neben der Kirche Sant Joan de Sispony sprudelt ein Brunnen, aus dem wir trinken, bis uns die freundliche Biobäuerin den Schlüssel besorgt hat, sodass wir einen Blick in den barocken Kirchenraum werfen können. Beim Blick auf den prächtigen, reich vergoldeten Altar aus dem 17. Jahrhundert und die noch viel ältere Statue des heiligen Johannes kommt mir in den Sinn, was Rafael beim Abendessen gestern gesagt hat: „In Andorras Kirchen kann man viele Schätze entdecken. Doch glauben Sie mir, der größte Schatz sind unsere Berge.“

Tipps & Informationen

Anreise Von Berlin nach Barcelona, z. B. mit Eurowings, Vueling oder Norwegian. Von Barcelona mit dem Leihwagen oder dem Bus nach Andorra la Vella.

Übernachtung z. B. im 4-Sterne-Hotel Palomé in Erts-La Massana auf 1551 Meter Höhe, das E-Mountainbikes verleiht und guter Ausgangspunkt für Wanderungen ist. DZ ab 77 Euro, www.hotelpalome.com – Wanderer können außerdem in Berghütten übernachten.

Pauschal Berge & Meer hat Andorra im Sommer im Programm, z. B. acht Tage Standortrundreise mit Wanderungen und Bergführungen, inkl. Flug, 4-Sterne-Hotel und Frühstück ab 799 Euro p.P.

Auskunft www.visitandorra.com


(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch Andorra Turisme.)

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