Festival

Ein Date mit dem Liebesboten des irischen Dorfs Lisdoonvarna

In einem irischen Dorf vermittelt Willie Daly in dritter Generation Ehepartner – erfolgreich. Zum Matchmaking-Festival kommen Tausende.

In der Matchmaker Bar im irischen Dorf Lisdoonvarna hat Willie Daly

In der Matchmaker Bar im irischen Dorf Lisdoonvarna hat Willie Daly

Foto: Pia Hoffmann

Lisdoonvarna.  Willie Daly sucht Partner für andere. Mehr als 6000 Singles verhalf er bereits zum Glück. Jedes Jahr reisen rund 60.000 Menschen aus aller Welt zum größten Heiratsmarkt der Welt in das kleine irische Dorf Lisdoonvarna, um sich dort von ihm verkuppeln zu lassen.

„Ehefrauen für Männer und Ehemänner für Frauen finden“ beschreibt Willie Daly seinen Beruf, dem er bereits in dritter Generation nachgeht. In seinem Ohrensessel wirkt der gutmütige alte Herr mit dem weißen Haar, Vollbart und dem dicken alten Buch auf dem Schoß ein bisschen wie der Weihnachtsmann.

Geheimnisvolles, 160 Jahre altes Buch ist immer dabei

Doch auf den vergilbten Wunschzetteln, die unter dem zerfledderten Ledereinband hervorlugen, geht es nicht um Geschenke, sondern um Ehepartner. Willie Daly ist der letzte Heiratsvermittler, der einsame Herzen noch nach der irischen Tradition des „Matchmaking“ zusammenführt.

Das geheimnisvolle Buch, das er überall mitschleppt, ist 160 Jahre alt. Schon sein Großvater notierte darin Details über heiratswillige Damen, die er auf Rinder- und Pferdeauktionen an den Mann brachte. „Auf dem Land war es früher schwer, Frauen zu finden“, sagt der Matchmaker. Auch wenn Partnervermittlung damals oft wenig mit Liebe zu tun hatte, kann er von der Erfolgsquote seiner Vorfahren nur träumen.

„100 Prozent der von meinem Vater vermittelten Ehen haben gehalten.“ Mit einem Seufzer gibt er zu: „Es ist nicht mehr so einfach. Die Leute sind anspruchsvoller geworden. Heutzutage muss ein Funke Magie im Spiel sein.“

Er hat den siebten Sinn für ein mögliches Knistern

Bis heute hält sich der Glaube, dass jeder, der die Heiratsbibel des Match­makers berührt, innerhalb von sechs Monaten unter die Haube kommt. Gearbeitet wird mit dem antiquarischen Wälzer, der nur noch mit Schuhbändeln zusammengehalten wird, schon lange nicht mehr. Dafür gibt es jetzt Formu­lare. „Nur für die Kontaktdaten“, betont der irische Liebesbote. „Über Charakter und Vorlieben meiner Kunden muss ich nichts wissen.

Es geht nicht darum, was auf dem Papier steht, sondern was im Herzen ist.“ Augenkontakt, Körper­sprache, Knistern in der Luft – für solche Zeichen hat Willie Daly einen siebten Sinn entwickelt. Mehr als 3000 Paaren, schätzt er, konnte er so das große Glück bringen. „Ich fühle, ob Menschen zusammenpassen. Das ist eine Gabe.“

Da klingelt auch schon wieder sein Telefon. Es ist Maria, die ungeduldig auf ihren Traummann wartet. „Maria, ich glaube, ich habe jemanden für Sie gefunden. Ein Herr hat mich heute nach einer gut aussehenden reifen Dame gefragt, und da Sie die Hübscheste sind, habe ich sofort an Sie gedacht.“ Zufrieden legt er ein weiteres Formular beiseite. Auch nach 52 Jahren macht ihm der Job sichtlich Spaß, selbst wenn dieser Einsatz rund um die Uhr fordert.

Die lange Liste seiner Klienten hat der Menschenkenner stets im Kopf. In Gedanken spielt er mögliche Paarungen durch wie in einem Pfeildiagramm. „Manchmal sehe ich den passenden Partner für jemanden aber auch zufällig auf der Straße. Dann spreche ich ihn einfach an. Viele stimmen einem Treffen zu. Meist gibt es dann erst mal ein großes Gelächter, und schon ist das Eis gebrochen.“

Selbst auf einem Friedhof hat er schon Ehen gestiftet

Noch heute lacht Willie Daly über einen 56-jährigen Landwirt aus dem Nachbarort, dem es derart peinlich war, einen Partnerschaftsvermittler aufzusuchen, dass er als Treffpunkt einen verlassenen Friedhof vorschlug. „Als wir Stimmen hörten, drückte er mich auf den Boden. Wir lagen also auf einem Grab, als plötzlich eine junge Amerikanerin vor uns stand.“ Für den gewieften Ehestifter kam die bizarre Situation gerade recht.

„Unter normalen Umständen hätte sich das hübsche Mädchen nie für den alten Kerl interessiert. Aber dort konnte ich ihr klarmachen, dass das Schicksal oft ungewöhnliche Wege geht. Heute sind die beiden glücklich verheiratet und haben vier Kinder!“ Sein Erfolgsgeheimnis liegt scheinbar darin, Menschen auf so charmante und originelle Weise miteinander bekannt zu machen, dass sie sich auf Anhieb sympathisch sind. „Ich glaube fest an Liebe auf den ersten Blick“, beteuert er.

Hochsaison hat Willie Daly beim jährlichen Matchmaking-Festival, das den ganzen September dauert. Dann ziert sein Gesicht Schaufenster, Poster und einen Foto-Aufsteller mit zwei Gesichtsausschnitten und der Aufschrift „Ich habe meinen Partner durch Willie Daly gefunden“. Schon um 1850 trafen sich die Bauern nach der Ernte in Irlands einzigem Kurort Lisdoonvarna, um in den Heilquellen Heiratspläne zu schmieden.

60.000 Besucher jährlich wollen die große Liebe finden

In den vergangenen 50 Jahren hat sich aus dem regionalen Erntedankfest der wohl größte Heiratsmarkt der Welt entwickelt. Rund 60.000 Besucher reisen jedes Jahr in die 800-Seelen-Gemeinde, um die große Liebe zu finden. Im letzten Herbst hat Marketing­direktorin Julie Carr sogar 80.000 Gäste gezählt, darunter Heiratswillige aus Amerika, Südafrika und Australien. „Wir sprechen zwar von Europas größtem Singles-Festival“, stellt sie klar, „aber im Grunde ist es der einzige Event dieser Art auf der ganzen Welt.“

Auch in diesem Jahr wird das Dorf an der irischen Westküste wieder vier Wochen lang mit Blumen, Schildern und Fähnchen herausgeputzt. Vom 31. August an ist täglich ab elf Uhr morgens in allen Bars Stimmung angesagt. In den Pubs wird irischer Folk gespielt, aus den Hotels dudeln Tanzrhythmen, coole Beats hämmern aus einem Discozelt, und auf einer Wiese feiern 10.000 Leute bei Countrymusik.

An den Wochenenden werden Speed-Dating-Nächte, Traffic-Light-Partys und LGBT-Events organisiert, doch die meisten ziehen einfach durch die Straßen. Mit einem Guinness in der Hand spricht vor den Pubs bald jeder mit jedem, egal ob Single oder Tourist. „Die Atmosphäre ist lockerer als bei jedem anderen Dating-Event“, sagt Julie Carr. „Man kann auch allein kommen, ohne dass es peinlich wird.“

Irische Frauen mögen fleißige und vernünftige Deutsche

Am vollsten ist es in der Matchmaker Bar an der Hauptstraße. Dort hat Willie Daly ein Separee, wo er während des Festivals täglich von 19 bis 1 Uhr morgens Amor spielt. „Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele junge Leute mich aufsuchen, die gar keine Hilfe nötig hätten“, sagt er. In der Schlange vor seiner Tür stehen attraktive und weniger attraktive Partnersuchende jeden Alters aus dem In- und Ausland.

„Deutsche und amerikanische Frauen mögen irische Männer, weil man mit ihnen gut singen, tanzen und Spaß haben kann“, so der Heiratsvermittler. „Am besten harmonieren irische Frauen mit deutschen Männern. Die sehen besser aus, sind fleißiger und vernünftiger als Iren.“

Festival sei Gegenstück zum Online-DatingIrische Frauen und deutsche Männer

Tagsüber schlendert der Liebesbote durch den Ort und verschießt Charme statt Pfeile. „Eigentlich brauchen mich die Leute während des Festivals gar nicht“, sagt er. „Sie spüren den Zauber und finden einander ganz von selbst.“ Für Marketingfrau Julie Carr liegt der Erfolg im persönlichen Kontakt. „Das Matchmaking-Festival ist das Gegenstück zum Internet-Dating “, sagt sie.

„Wir wollen, dass die Menschen ihre Smartphones wegstecken, miteinander reden und tanzen.“ An den Wochenenden tun das eher 18- bis 30-Jährige, unter der Woche Ältere bis weit über 70. „In den Altersheimen ist das Festival ein großes Thema, denn viele haben hier ihre Partner kennengelernt“, sagt Julie Carr. „Manche Paare kommen jährlich zurück, um ihr Kennenlernen zu feiern.“

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Tipps & Informationen

Anreise: ab Berlin z. B. mit Ryanair nach Dublin. Weiter im Mietwagen oder mit dem Bus.

Festival: 31.8.–30.9.2018 , www.matchmakerireland.com, Willie Daly, Tel. 00353/87/ 6712155, www.williedaly.com

Angebot: Zwei Nächte im Hydro Hotel, DZ/Frühst. inklusive Eintritt zu zwei Matchmaking-Events für 199 Euro, www.hydrohotel.ie

(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch Tourism Ireland.)

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