Pflanzenschutzmittel

Warum auch Bio-Produkte nicht immer frei von Pestiziden sind

Besser Bio? In den USA zeigen Listen, welche Früchte stark pestizidbelastet sind. Auch in Deutschland gibt es aussagekräftige Tabellen.

Für den Anbau von Bio-Obst und -Gemüse gelten strengere Richtlinien für zugelassene Pestizide als bei der konventionellen Produktion.

Für den Anbau von Bio-Obst und -Gemüse gelten strengere Richtlinien für zugelassene Pestizide als bei der konventionellen Produktion.

Foto: imago/CHROMORANGE

Berlin.  Obst und Gemüse gehören zu einer gesunden Ernährung, keine Frage. Allerdings: Immer wieder geraten die Lebensmittel wegen der Belastung mit Pestiziden in die Diskussion. Denn der Einsatz von chemischen Substanzen, die Schädlinge bekämpfen und Obst und Gemüse vor Krankheiten schützen sollen, ist umstritten. Die Pflanzenschutzmittel stehen im Verdacht, umwelt- und gesundheitsschädigend zu sein.

Viele Verbraucher greifen deshalb zu Bio-Produkten. Auch die Verbraucherzentralen in Deutschland raten: „Eine abwechslungsreiche, regionale und saisonale Auswahl (an Obst und Gemüse, Anm. d. Red.) senkt das Risiko, stärker belastete Lebensmittel in zu großen Mengen zu verzehren. Am sichersten ist es, Obst und Gemüse aus ökologischem Anbau zu bevorzugen.“

Getrost auf Bio verzichten?

Doch ist Bio immer besser als Produkte aus konventionellem Anbau? Geht es nach der amerikanischen Nonprofit-Organisation Environment Working Group (EWG), kann der Verbraucher in bestimmten Fällen getrost auf Bio verzichten und auf konventionelle Produkte zurückgreifen. Einmal im Jahr veröffentlicht EWG eine Liste des „Dirty Dozen“ – des „Dreckigen Dutzend“ – sowie eine Liste der „Clean 15“ – der „Sauberen 15“.

Die beiden Listen basieren auf Daten des US-Landwirtschaftsministeriums und sollen Verbrauchern als Einkaufsrichtlinien dienen. Demnach sollten Verbraucher beim „Dreckigen Dutzend“ lieber zu Bio-Qualität greifen, bei den „Sauberen 15“ sei dies nicht zwingend notwendig. Die Listen für das Jahr 2017 stehen bereits fest:

Das „Dreckige Dutzend“:

  1. Erdbeeren
  2. Spinat
  3. Nektarinen
  4. Äpfel
  5. Pfirsiche
  6. Birnen
  7. Kirschen
  8. Trauben
  9. Sellerie
  10. Tomaten
  11. Paprika
  12. Kartoffeln

Die „Sauberen 15“:

  1. Mais
  2. Avocado
  3. Ananas
  4. Kohl
  5. Zwiebeln
  6. TK-Erbsen
  7. Papaya
  8. Spargel
  9. Mango
  10. Honigmelone
  11. Kiwi
  12. Cantaloupe-Melone
  13. Blumenkohl
  14. Grapefruit

Die Listen lassen sich allerdings nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. Und auch die EU hat bislang keine vergleichbaren Listen für ihre Mitgliedsstaaten veröffentlicht. In dem Bericht des Europäischen Parlaments „Human Health Implication of Organic Food and Organic Agriculture“ („Der Einfluss von Bio-Lebensmitteln und ökologischer Landwirtschaft auf die menschliche Gesundheit“) fordern die Autoren aber als Handlungsoption, für häufig stark mit Pestiziden belastete Obst- und Gemüsesorten Bio-Kaufempfehlungen auszusprechen – zumindest für Schwangere und Kinder.

Wenn auch bislang in Deutschland keine spezifischen Listen verfügbar sind, gibt es immerhin aussagekräftige Studien über die Pestizidbelastung von Obst und Gemüse auf dem deutschen Lebensmittelmarkt. So veröffentlichte etwa das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) erst im März seinen aktuellen Bericht „Pflanzenschutzmittelrückstände in Lebensmitteln“. Der Bericht fasst die Ergebnisse der im Jahr 2015 durchgeführten Untersuchungen zu Schadstoffrückständen bei Lebensmitteln zusammen.

Pestizidrückstände bei zwei Dritteln nachgewiesen

Demnach wurde bei 68,3 Prozent der insgesamt 14.387 Obst- und Gemüseproben Pestizidrückstände nachgewiesen. Bei 306 Proben, also 2,1 Prozent, lag der Wert sogar über der gesetzlich zugelassenen Höchstmenge für Pestizidrückstände auf Lebensmittel.

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Der Bericht enthält eine Liste mit den zehn am meisten beanstandeten Lebensmitteln sowie eine Liste mit Lebensmitteln, bei denen keine Rückstände über dem gesetzlichen Höchstgehalt beanstandet wurden:

Top-Ten der Lebensmittel mit den höchsten Beanstandungsquoten:

  1. Bohnen (mit Hülsen)
  2. Tee
  3. Frische Kräuter
  4. Auberginen
  5. Paprika
  6. Feldsalat
  7. Johannisbeeren (schwarz, rot und weiß)
  8. Knollensellerie
  9. Spinat
  10. Mandarinen

14 Obst- und Gemüsesorten ohne Beanstandung:

In die Listen wurden lediglich Produkte aufgenommen, bei denen mindestens 100 Proben vorlagen. Deshalb sind etwa Guaven, Okraschoten, Passionsfrüchte, Feigen, Granatäpfel oder Ingwer nicht in der Liste enthalten, obwohl die Beanstandungsquoten teils im zweistelligen Bereich lagen – also viel höher als etwa bei Bohnen oder Tee. Solch hohe Beanstandungsquoten träfen dem BVL-Bericht zufolge vor allem exotische Früchte, die verhältnismäßig selten verzehrt würden.

Großteil der Bio-Produkte komplett frei von Pestiziden

Auch Produkte aus ökologischem Anbau wurden auf Rückstände kontrolliert. Das Ergebnis: „Die Belastung dieser Proben war deutlich niedriger als die der konventionell erzeugten“, heißt es in dem BVL-Bericht. Nur bei 35 Prozent der Bio-Waren wurden Rückstände nachgewiesen. Allerdings: Bei 2,3 Prozent der Proben überschritten die Pestizidrückstände die gesetzliche Höchstgrenze.

65 Prozent der Bio-Proben waren komplett frei von quantifizierbaren Pestizidrückständen. Damit ist der Anteil der völlig pestizidfreien Bio-Produkte ungefähr so hoch wie der Anteil der belasteten Produkte beim konventionellen Anbau. Die Zahlen beziehen sich nicht nur auf Obst und Gemüse; auch Getreide, tierische Produkte, verarbeitete Lebensmittel sowie Säuglings- und Kindernahrung fallen in die Betrachtung hinein.

Strengere Regeln für Bio-Produkte

Für Bio-Produkte gelten strengere Regeln als für konventionelle Erzeugnisse. Laut einer EU-Verordnung sind nur wenige Pflanzenschutzmittel überhaupt zugelassen. Deren Wirkstoffe seien Naturstoffe und weniger gesundheitsschädigend als die beim konventionellen Anbau eingesetzten Pestizide, erläutert Greenpeace in einer Broschüre. Werden Rückstände nachgewiesen, gilt laut BVL ein Grenzwert von 0,01 Milligramm pro Kilogramm, „um zu entscheiden, ob Waren als ökologisch/biologisch vermarktet werden dürfen“.

Pestizide, die in der Bio-Landwirtschaft eigentlich verboten sind, könnten durch Wind oder ablaufendes Wasser von konventionelle bewirtschafteten Feldern in der Nachbarschaft auf die Bio-Felder gelange, erklärt Greenpeace, warum auch auf Bio-Produkten manchmal Spuren solcher Pflanzenschutzmittel gefunden werden. Auch die Kontaminierung bei Transport und Lagerung sei denkbar, heißt es aus der Verbraucherzentrale Berlin auf Anfrage unserer Redaktion.

Über die Beanstandungs-Listen hinaus hat das BVL eine weitere Tabelle veröffentlicht: Sie listet Lebensmittel auf, die durch Mehrfachrückstände aufgefallen sind. Das heißt, nicht unbedingt die gesetzlichen Höchstwerte einzelner Pestizide wurde überschritten, dafür konnten aber mehrere Pestizidrückstände in einem Lebensmittel nachgewiesen werden.

18 Lebensmittel mit den prozentual meisten Mehrfachrückständen:

  1. Johannisbeeren
  2. Mandarinen
  3. Tafeltrauben
  4. Rucola
  5. Erdbeeren
  6. Kirschen
  7. Feldsalat
  8. Pfirsiche
  9. Bananen
  10. Aprikosen
  11. Birnen
  12. Orangen
  13. Himbeeren
  14. Knollensellerie
  15. Äpfel
  16. Grüner Salat
  17. Bohnen (mit Hülsen)
  18. Zitronen

Das Problem der Mehrfachbelastung: Noch sei nicht klar, ob und wie die einzelnen Wirkstoffe miteinander reagieren, stellen die Verbraucherzentralen heraus. Es sei aber möglich, dass sich ihre Wirkung nicht nur addiere, sondern verstärke.

Sind nun Obst und Gemüse gar nicht so gesund wie gedacht? Sollte der Verbraucher lieber auf Früchte verzichten, weil sie mit Pestiziden belastet sind? Oder im Zweifelsfalls zu Bio-Produkten greifen?

Keine Rückschlüsse auf konkrete Produkte

Als Einkaufstipps taugen die Listen des BVL jedenfalls nur bedingt. Denn die „Angaben zu Rückständen in Lebensmitteln zeigen immer nur, was in der Vergangenheit analysiert wurde“, heißt es bei den Verbraucherzentralen Deutschland. Rückschlüsse auf aktuelle Rückstandsbelastungen konkreter Produkte ließen sie nicht zu.

Dennoch ließen sich aus den Untersuchungen über die Jahre Trends ablesen. Als Faustregel könne etwa gelten, „dass empfindliche Produkte wie Beeren, Aprikosen, Birnen, Tomaten oder Paprika häufiger Pestizidrückstände enthalten als die verschiedenen Kohlarten, Möhren oder Kartoffeln“, so die Verbraucherzentralen.

Auch Weintrauben, Blattsalat und Erdbeeren seien – abhängig vom Herkunftsland – dafür bekannt, häufig stark pestizidbelastet zu sein, heißt es bei der Verbraucherzentrale Berlin auf Anfrage unserer Redaktion.

Verbraucherzentrale: Positive Wirkung überwiegt

Zudem würden sehr hohe Überschreitungen der zulässigen Höchstmengen häufig bei Produkten aus Drittstaaten, also Nich-EU-Ländern, festgestellt. Vor allem Produkte aus der Türkei und aus Übersee seien in der Vergangenheit aufgefallen. Bei Produkten aus Spanien, die in der Vergangenheit in Verruf geraten waren, sei die Belastung hingegen zurückgegangen.

Im Endeeffekt, so raten die Verbraucherzentralen, überwiege – Rückstandsbelastung hin oder her – die positive Wirkung von Obst und Gemüse. Denn: Obst und Gemüse gehören eben zu einer gesunden Ernährung.

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