Gesundheit

Nahrung und Medizin: Wie Genuss Genesung verhindern kann

Wer Medikamente nimmt, muss bei einigen Lebensmitteln vorsichtig sein. Riskantes Halbwissen steht der richtigen Handhabung oft im Weg.

Grapefruit können etwa die Wirkung von Blutdrucksenkern verstärken – und von Viagra.

Grapefruit können etwa die Wirkung von Blutdrucksenkern verstärken – und von Viagra.

Foto: smartstock/iStock / iStock

Berlin.  Antibiotika sollte man nicht mit Alkohol kombinieren – lieber mit Milchprodukten, das ist gut für den Magen. Wer Medikamente mit Leitungswasser herunterspült, kann grundsätzlich nichts falsch machen: Keine dieser Annahmen stimmt – sie können sogar zu gefährlichen Wechselwirkungen führen. Selbst lebensbedrohliche Irrtümer über die Beziehung von Lebensmitteln und Medikamenten halten sich seit Jahren hartnäckig, sagt Professor Martin Smollich, Fachapotheker für Klinische Pharmazie und Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Er hat ein Buch über die komplizierte Beziehung von Genuss und Genesung geschrieben und erklärt, wie sich Risiken vermeiden lassen.

Schnaps, Wein, Bier und Co. haben Gemeinsamkeiten mit Antidepressiva, Beruhigungs- oder Schlafmitteln: Sie hemmen die Reizübertragung im zentralen Nervensystem. "Wird beides geschluckt, addiert sich die Wirkung", erklärt Smollich. Dieser Effekt gilt als Ursache für zahlreiche prominente Todesopfer, denn "durch die Kombination kann es zu gefährlichen nächtlichen Atemaussetzern kommen", sagt Smollich. Auch "eine verzögerte Wirkung ist möglich – ein Schlafmittel wirkt dann etwa noch den ganzen nächsten Vormittag." Denn meist docken Alkohol und Medikament im Körper an die gleichen Rezeptoren an. Während der Körper also den Alkohol abbaut, warten die Arzneistoffe noch auf ihren Einsatz.

Das richtige Schmerzmittel gegen den Kater

Alkohol kann zudem die Magenschleimhaut schädigen. "Wird dazu ein Blutverdünner wie Aspirin mit dem Wirkstoff ASS gegen Kopfschmerzen eingenommen, werden Blutungen der Schleimhaut nicht gestoppt", sagt Smollich. Paracetamol wiederum kann die Leber schädigen, "gemeinsam mit Alkohol verstärkt sich dieser Effekt", erklärt der Experte. Bei der Wahl des richtigen Schmerzmittels gegen den Kater solle man deshalb darauf achten, welche Organe eventuell schon Vorschäden haben – und darauf Rücksicht nehmen.

"Dass sich Alkohol und Antibiotika beeinflussen, stimmt übrigens für die meisten Antibiotika nicht", so Smollich. Alte Antibiotika hätten früher dazu geführt, dass Alkohol in der Leber nicht gut abgebaut wurde. Der Kater war dadurch stärker. "Das ist heute kein Pro­blem mehr", so der Apotheker. Kombinieren sollte man die beiden trotzdem nicht. Denn "Antibiotika werden ja gegen einen Infekt verschrieben – und Alkohol trägt nicht zur Genesung bei".

Grapefruit verstärkt die Wirkung von Viagra

Die Grapefruit enthält von allen Zitrusfrüchten die größte Menge des Pflanzenstoffs Naringenin sowie diverse sogenannte Furanocumarine – ebenfalls Pflanzenstoffe, allerdings aus einer anderen Gruppe. "Beide hemmen in der Darmschleimhaut Enzyme, welche die Arzneistoffe abbauen oder transportieren", sagt Smollich. So kann es, je nach Mittel, zur Überdosierung oder aber Unwirksamkeit kommen. "Studien zeigen etwa, dass der Gerinnungshemmer Clopidogrel, der Thrombosen vorbeugen soll, in Kombination mit Grapefruit seine Wirkung verliert", so Smollich – das bedeutet Lebensgefahr für Risikopatienten, "ohne dass die Info im Beipackzettel steht". Die Wirkung sogenannter Calciumkanalblocker, die Bluthochdruck regulieren sollen, wird hingegen durch Grapefruit verstärkt. "Der Blutdruck wird stärker gesenkt als vorgesehen", warnt Smollich. Der Effekt betrifft auch Potenzmittel: Grapefruit kann etwa die Wirkung von Viagra verstärken und zu "gefährlichen Herzrhythmusstörungen führen", sagt Smollich.

Schon ein kleines Glas Grapefruitsaft, etwa 200 Milliliter, kann die für die Verwertung von Medikamenten wichtigen Enzyme innerhalb kürzester Zeit außer Gefecht setzen. "Der Effekt hält bis zu zwei Tagen an", sagt Smollich, "ein Zeitabstand von ein paar Stunden reicht also nicht, um Wechselwirkungen zu vermeiden". Auch eine sichere Verzehrmenge gebe es nicht, Patienten sollten komplett auf Grapefruit sowie auf ihre Verwandte, die Pomelo, verzichten.

Kaffee blockiert Antidepressiva

Kaffee und schwarzer Tee enthalten Gerbstoffe, die mit bestimmten Anti­psychotika und Antidepressiva – solchen mit Stickstoff – schwer lösliche Komplexe bilden. Sie werden dann in gebundener Form wieder ausgeschieden – fast oder vollständig ohne zu wirken. "Der Hinweis darauf ist nicht verpflichtend und steht nicht immer in der Packungsbeilage", erklärt Smollich. Fatal für psychisch kranke Patienten, die etwa unter Angstzuständen, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen leiden. "Ob ein Arzneistoff stickstoffhaltig ist, steht nicht dabei, das können Patienten nie wissen", sagt Smollich, "sie sollten die Mittel deshalb nie mit Kaffee oder schwarzem Tee einnehmen."

Wasser und Milch können Antibiotika außer Gefecht setzen

Calcium und Casein, eine Proteingruppe, die wichtig für die Käseherstellung ist, sind wesentliche Bestandteile von Milch. Wie auch die Gerbstoffe bilden die beiden mit einigen Arzneimittelstoffen Verbindungen, wodurch diese nicht vom Körper aufgenommen werden. Problematisch ist das etwa für Osteoporose-Patienten. "Sie nehmen meist sogenannte Biphosphonate, die den Knochenabbau bremsen sollen. Gleichzeitig trinken viele zusätzlich Milch, das Calcium soll die Knochen stärken", sagt Smollich. Das Problem: Milch und Milchprodukte setzen Biphosphonate außer Kraft. "Gefährlich ist auch die Kombi von Antibiotika und Milchprodukten", warnt Smollich.

Sogenannte Tetracycline werden häufig bei Erkrankungen der Atemwege oder Mittelohrentzündung eingesetzt. Bei Patienten, die zu den Pillen etwa beim Frühstück Käse oder Joghurt essen, verringert sich ihre Wirksamkeit deutlich. "Viele machen das sogar mit Absicht, weil sie glauben Milchprodukte erhöhen die Verträglichkeit der Medikamente", sagt Smollich.

Leitungswasser kann zu viel Calcium enthalten

Nicht nur dauert die Infektion so im Zweifelsfall länger, es können sich auch Antibiotika-Resistenzen bilden. Die gleichen Pro­bleme ergeben sich auch bei sehr calciumhaltigem Leitungs- oder Mineralwasser, warnt der Apotheker. Diese Werte können je nach Wohnort oder Quelle des Mineralwassers stark schwanken. Bei Mineralwasser muss der Gehalt auf dem Etikett stehen und sollte für die Einnahme mit Medikamenten unter 40 Milligramm pro Liter liegen. Der Calciumgehalt des Leitungswassers lässt sich oft beim zuständigen Wasserwerk erfragen.

"Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln und Lebensmitteln", Martin Smollich/Julia Podlogar, Wis. Verlagsgesellschaft Stuttgart

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