Nahrungsergänzung

64 Prozent der Magnesium-Produkte sind überdosiert

In vielen Tabletten steckt mehr Magnesium als für den Tagesbedarf nötig. Bei empfindlichen Menschen kann das Beschwerden hervorrufen.

Die Verbraucherzentralen haben Nahrungsergänzungsmittel getestet. Bei zwei Dritteln der Präparate fanden sie überschrittene Richtwerte.

Die Verbraucherzentralen haben Nahrungsergänzungsmittel getestet. Bei zwei Dritteln der Präparate fanden sie überschrittene Richtwerte.

Foto: HeikeRau / Getty Images/iStockphoto

Berlin.  Für viele Jogger, Fußballer, Fitness- und Hobbysportler gehört die Brausetablette zum täglichen Frühstück wie die Tasse Kaffee. Eine Portion Magnesium am Morgen wird gerne mit anderen Mineralien oder Vitaminen kombiniert. Viele versprechen sich davon, dass die Muskeln locker bleiben und Krämpfe vermieden werden. Doch nur die wenigsten achten auf die Dosierung.

Dabei steckt in den meisten Produkten deutlich mehr Magnesium als für den Tagesbedarf notwendig. So können in manchen Fällen die Nebenwirkungen größer sein als der Nutzen. Dies hat ein bundesweiter Marktcheck der Verbraucherzentralen ergeben, der dieser Redaktion vorliegt.

27 Präparate mit zu hohen Tagesdosierungen

Das Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln – wie Magnesium, Calcium, Zink oder Vitamine – ist riesig. Für jeden zugänglich und ohne Rezept verfügbar, stehen sie in den Regalen von Supermärkten, Discountern, Drogerien und Apotheken. Eine Untersuchung von 42 Magnesium-Produkten hat jetzt ergeben, dass 27 der Präparate zu hohe Tagesdosierungen enthalten – das entspricht 64 Prozent.

Im Klartext: Fast zwei Drittel der Tabletten beinhalteten jeweils mehr als 250 Milligramm Magnesium – jene Menge, die vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) als Tageshöchstdosis empfohlen wird. Im Durchschnitt wiesen die überdosierten Produkte in dem Markttest 423 Milligramm Magnesium pro Tagesdosis auf.

Wirksamkeit ist umstritten

Für Verbraucher ist ein Mehr aber nicht immer unbedenklich. „Bei empfindlichen Menschen kann eine zusätzliche Magnesiumzufuhr von täglich 300 Milligramm zu Durchfall, Erbrechen oder Magen-Darm-Beschwerden führen“, heißt es in der Studie. Manche Verbraucher könnten auch mit Schlafstörungen oder Hautirritationen reagieren.

Selbst die von vielen Konsumenten erhoffte Wirksamkeit ist umstritten. Ob Magnesium überhaupt gegen Muskelkrämpfe etwas ausrichten kann, ist wissenschaftlich bislang noch nicht belegt, wie vor Kurzem eine Auswertung der Stiftung Warentest ergab. Dennoch werben 40 Prozent der im Internet vertriebenen Produkte mit nicht zugelassenen Gesundheitsaussagen wie „Für Personen mit erhöhtem Magnesiumbedarf“ oder „In jeder Lebensphase“.

„Häufig sind Produkte Geldverschwendung“

Viele Stoffe werden auch ungünstig kombiniert. So gebe es Magnesium mit Calcium gemischt, bemängelt die Ernährungsreferentin der Verbraucherzentrale Hessen, Andrea Schauff: „Diese beiden Stoffe verhalten sich wie Gegenspieler und können sich wechselseitig in der Aufnahme behindern.“

Viele Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln vermitteln Verbrauchern, „sie würden ihrer Gesundheit etwas Gutes damit tun“, kritisiert Klaus Müller, Vorstand vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). „Häufig aber sind solche Produkte Geldverschwendung, manchmal sogar gesundheitsgefährdend.“

Regeln für Dosierung gefordert

Das Problem: Bisher sind für Magnesium keine Grenzwerte gesetzlich festgelegt. Es gibt nur Empfehlungen verschiedener Institute. „Wir brauchen dringend klare Regeln für sinnvolle Dosierungen und definierte Anforderungen an die Inhaltsstoffe“, fordert Müller.

Obwohl Nahrungsergänzungsmittel als Tabletten, Dragees oder Pulver angeboten werden, gelten sie rechtlich als Lebensmittel. Wie auch bei Schokolade, Chips oder Limonade sind die Hersteller somit zwar für die Sicherheit ihrer Produkte verantwortlich, nicht aber dafür, wie viel man davon zu sich nimmt.

Umsatz mit Nahrungsergänzungsmitteln steigt

Tatsächlich sind Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland beliebt und ein großer Markt. Allein im Geschäftsjahr 2015/2016 (31. März) stieg der Umsatz um 0,6 Prozent auf 1,175 Milliarden Euro, berichtet der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL). Bei Mineralstoffen verkaufte sich dabei Magnesium mit Abstand am besten, gefolgt von Säure-Base-Produkten, Calcium, Kalium und Zink. Unter den Vitaminen gehören Vitamin C, Multivitamine und Vitamin-B-Kombinationen zu den Topsellern.

Verbraucherschützer sehen in Nahrungsergänzungsmitteln keine „herkömmlichen Lebensmittel“. Vielmehr setzen sich die Verbraucherzentralen für eine Prüfung und Zulassung durch den Staat ein. Auch sollte eine Meldestelle für Beschwerden eingerichtet werden. Als einen ersten Schritt zu mehr Klarheit über die möglichen Nutzen und Risiken starten die Verbraucherzentralen deshalb am Mittwoch eine neue Informationsseite im Internet (www.klartext-nahrungsergänzung.de), die unabhängig von den Anbietern über die Produkte informiert.

„In der Regel überflüssig“

In vielen Fällen sind zusätzliche Nährstoffe hierzulande nicht notwendig. „In der Regel sind Nahrungsergänzungsmittel für gesunde Personen, die sich normal ernähren, überflüssig“, sagt ein Sprecher des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Nur in bestimmten Situationen können sie sinnvoll sein, „dies sollte dann mit einem Arzt abgestimmt werden“.

Dies gilt auch für Magnesium. Gewöhnlich nimmt laut BfR jeder Bürger schon mit seinem Essen täglich rund 350 Milligramm davon auf – und damit mehr als vom BfR empfohlen. Magnesium steckt nicht nur in Brot, Milch, Nüssen, Vollkornprodukten, Kartoffeln, Hülsenfrüchten, Reis, grünem Gemüse und Fleisch, sondern auch in Schokolade, Kaffee und Tee. Und diese Produkte stehen wohl bei den meisten auf dem Speiseplan.