Depressionen zählen weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen – und sie treffen Frauen fast doppelt so häufig wie Männer. Diese Ungleichheit ist seit Langem dokumentiert, aber ihr „Warum“ blieb umstritten. Eine neue internationale Großstudie, veröffentlicht im Fachjournal „Nature Communications“ setzt nun wichtige Puzzleteile zusammen: Sie zeigt, dass geschlechtsspezifische genetische Effekte einen Teil der Unterschiede erklären könnten – neben sozialen, psychologischen und biologischen Faktoren.
Genetische Ursachen von Depressionen: Forscher analysieren über eine halbe Million DNA-Proben
Das Forschungsteam des QIMR Berghofer Medical Research Institute in Brisbane, Australien, hat mehr als eine halbe Million DNA-Proben ausgewertet – eine der bislang größten Untersuchungen zu den biologischen Grundlagen von Depressionen. Analysiert wurden Daten aus fünf internationalen Kohorten aus Australien, den Niederlanden, den USA und dem Vereinigten Königreich. Die Stichprobe umfasste 130.471 Frauen und 64.805 Männer mit schwerer Depression sowie 159.521 Frauen und 132.185 Männer ohne Diagnose. Ziel war es, im gesamten Erbgut nach charakteristischen Veränderungen zu suchen, die mit dem Risiko für Depressionen in Zusammenhang stehen könnten.
Vereinfacht gesagt, suchten die Forschenden nach winzigen Unterschieden im Erbgut – sogenannten SNPs (Single Nucleotide Polymorphisms). Das sind minimale Variationen im genetischen Code, also einzelne „Buchstaben“ in der DNA, die sich zwischen Menschen unterscheiden können. Anschließend prüften sie, ob bestimmte dieser genetischen Varianten bei Menschen mit Depressionen häufiger vorkommen als bei solchen ohne Erkrankung.
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Depression bei Frauen: Warum Gene ein höheres Risiko erklären könnten
„Wir wissen bereits, dass Frauen im Laufe ihres Lebens doppelt so häufig an Depressionen leiden wie Männer“, sagt Dr. Brittany Mitchell, leitende Forscherin am Labor für genetische Epidemiologie des QIMR Berghofer Instituts gegenüber dem „Guardian“. „Aber bislang gab es kaum konsistente Forschungsergebnisse, die erklären, warum Depressionen Frauen und Männer unterschiedlich betreffen, einschließlich der möglichen Rolle der Genetik.“
Die neue Analyse bringt nun Licht ins Dunkel. 16 auffällige Stellen im Erbgut fanden die Forschenden bei Frauen mit Depressionen, acht bei Männern. Ein Großteil der genetischen Risikofaktoren kommt bei beiden Geschlechtern vor. Doch zusätzlich tragen Frauen offenbar einige spezifische Varianten, die nur bei ihnen mit Depression in Zusammenhang stehen. „Das genetische Risiko scheint bei Frauen höher zu sein, was auf frauenspezifische Varianten zurückzuführen sein könnte“, heißt es in der Studie.
Bei Männern fanden die Forschenden auf den „normalen“ Chromosomen keine ausschließlich männlichen Varianten – wohl aber auf dem X-Chromosom. Dort tauchte ein Gen auf, das bisher nicht mit Depression in Verbindung gebracht wurde: IL1RAPL1. Es spielt eine Rolle im Gehirn, insbesondere im Gedächtnissystem des Hippocampus. „Das ist bemerkenswert“, so die Autorinnen und Autoren, „denn Frauen besitzen zwei X-Chromosomen, Männer nur eines – Unterschiede in diesen Bereichen könnten das Risiko mitbestimmen.“
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Depression und Stoffwechsel: Eine genetische Verbindung bei Frauen
Neben den geschlechtsspezifischen Genmustern stießen die Forschenden auf ein weiteres Muster: Bei Frauen überschneiden sich die depressionsbezogenen Genveränderungen häufiger mit solchen, die den Stoffwechsel beeinflussen – etwa mit dem Body-Mass-Index (BMI) oder dem metabolischen Syndrom, also Faktoren wie Bauchfett, Blutdruck, Blutzucker und Blutfette.
Übersetzt heißt das: Was im Körperstoffwechsel passiert, hat bei Frauen mit Depression häufiger eine genetische Grundlage – bei Männern dagegen deutlich seltener. Ein bekanntes Stoffwechsel-Gen, FTO, tauchte in beiden Geschlechtern auf, doch weitere Überschneidungen fanden sich fast ausschließlich bei Frauen.
Mitautorin Dr. Jodi Thomas erklärt im Bericht: „Diese genetischen Unterschiede könnten helfen zu verstehen, warum Frauen mit Depressionen häufiger metabolische Symptome wie Gewichtsveränderungen oder Energieschwankungen aufweisen.“
Wie stark Stoffwechsel und Geschlecht zusammenhängen, zeigt auch dieser Fall: Frau wiegt 170 Kilo – was die Abnehmspritze mit ihr machte.
„Männliche“ Depression: Warum sie oft übersehen wird
Die genetischen Ergebnisse sind allerdings nur ein Teil der Erklärung. Wie die Forschenden betonen, spielen auch soziale, psychologische und verhaltensbezogene Faktoren eine wichtige Rolle.
So suchen Männer seltener ärztliche Hilfe, wenn sie unter psychischen Belastungen leiden. Statt von Traurigkeit sprechen sie außerdem häufiger von Stress, Wut oder Erschöpfung. Diese Symptome passen nicht immer zu den klassischen Diagnosekriterien – und bleiben deshalb oft unentdeckt.
Eine in „JAMA Psychiatry“ veröffentlichte Studie zeigte, dass Männer sogar häufiger an Depressionen erkranken könnten, wenn sogenannte „männliche Symptome“ wie Reizbarkeit, Schlafstörungen oder Substanzmissbrauch in die Diagnose einbezogen werden. In dieser Untersuchung litten 26,3 Prozent der Männer und 21,9 Prozent der Frauen an depressiven Symptomen – ein Befund, der nahe legt, dass viele männliche Fälle unentdeckt oder falsch eingeordnet bleiben.
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Depression und Geschlechterrollen: Wie Erziehung und Erwartungen das Risiko prägen
Neben biologischen und genetischen Faktoren beeinflusst auch die Sozialisierung das Risiko, an einer Depression zu erkranken. Der Psychiater Prof. Philip Mitchell von der University of New South Wales, der nicht an der Studie beteiligt war, erklärt gegenüber dem „Guardian“, dass kulturelle Rollenerwartungen eine entscheidende Rolle spielen könnten.
„Die vorherrschenden Theorien beziehen sich auf soziale und psychologische Faktoren, zum Beispiel die Auswirkungen der Rolle der Frau in der Familienpflege im Vergleich zur Rolle des Mannes als Verdiener oder die Persönlichkeitsanfälligkeit von Frauen.“ Einige Forscher vermuten, dass Männer deshalb ihre Traurigkeit oder Hilflosigkeit eher verdrängen– und ihre Depression hinter Reizbarkeit, Rückzug oder erhöhter Aktivität verstecken.
Frauen hingegen erleben häufig widersprüchliche gesellschaftliche Erwartungen. Wer sich für Familie und Kinder entscheidet, spürt laut Mitchell oft „gesellschaftliche Abwertung“; wer Karriere macht, stöße wiederum auf Diskriminierung oder Rollenkonflikte. Diese psychosozialen Spannungen wirkten wie ein zusätzlicher Risikofaktor.
Trotz dieser komplexen sozialen Einflüsse zeigt die neue Studie, dass auch biologische Unterschiede eine messbare Rolle spielen.„Diese groß angelegte internationale Analyse liefert starke Hinweise darauf, dass die Unterschiede in der Häufigkeit von Depressionen tatsächlich auf genetische Faktoren zurückzuführen sind“, sagt Mitchell. „Im weiblichen Genom finden sich mehr Regionen, die mit einem erhöhten Depressionsrisiko verbunden sind – und sie überschneiden sich kaum mit denen der Männer.“
Zukunft der Depressionsforschung: Geschlechtsspezifische Ansätze für bessere Therapien
Auch die Autorinnen und Autoren der Studie betonen, dass Depressionen ein komplexes Zusammenspiel vieler Faktoren sind – sie entstehen nicht durch eine einzelne Ursache. In ihrer Veröffentlichung heißt es, Depressionen erforderten einen „vielschichtigen Ansatz zum Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen“, bei dem genetische, biologische, verhaltensbezogene und umweltbedingte Einflüsse berücksichtigt werden.
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Dennoch könnte der genetische Befund künftig Wege zu individuelleren Behandlungen eröffnen. Laut den Studienautorinnen und -autoren lohnt sich bei Frauen ein genauer Blick auf Stoffwechselmarker wie Gewicht, Blutzucker, Fettwerte oder Blutdruck – denn die genetische Verbindung zwischen Depression und Stoffwechsel scheint bei ihnen besonders stark zu sein. Bei Männern hingegen sollten Ärztinnen und Ärzte gezielt nach „untypischen“ Symptomen fragen – etwa Reizbarkeit, Aggression, riskantem Verhalten oder Substanzkonsum –, um Unterdiagnosen zu vermeiden.
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Wenn künftig besser verstanden wird, welche biologischen Mechanismen hinter den genetischen Unterschieden stehen, könnten Therapien und Medikamente stärker auf Frauen und Männer zugeschnitten werden – ein Schritt hin zu einer wirklich personalisierteren Depressionsbehandlung.