Der Beutekunst auf der Spur

Cembalostücke aus der Vor-Bach-Zeit, die spielt Christoph Wolff am liebsten. «Bei Bach», meint er ganz richtig, «muss man zu viel üben.» Dennoch hat sich Christoph Wolff, der wohl berühmteste Forscher zu Leben und Werk des Leipziger Thomaskantors, um Johann Sebastian Bach und um den Nachlass der Bach-Söhne besonders verdient gemacht. Er ist der Entdecker des berühmten, lange verschollenen Archivs der Sing-Akademie zu Berlin.

Heute kehrt das eine halbe Million Seiten umfassende Notenarchiv der Sing-Akademie quasi offiziell aus Kiew nach Berlin zurück. In einem Festakt in der Philharmonie - bei dem Mitglieder der Berliner Philharmoniker bereits Stücke aus dem zurückgeführten Notenbestand spielen - nimmt Außenminister Joschka Fischer das Archiv vom ukrainischen Botschafter Anatoli Ponomarenko in Empfang. So schlicht und höflich geht ein über 50-jähriger Beutekunst-Krimi zu Ende, an dessen Auflösung Christoph Wolff maßgeblichen Anteil hat.

Seit 1945 bestand in Deutschland völlige Unklarheit darüber, wo die nach Schloss Ullersdorf bei Glatz (Oberschlesien) ausgelagerten Bestände der Sing-Akademie verblieben waren. Gab es sie noch? Der Fall glich dem eines musikalischen Bernstein-Zimmers. Zwar nährten einzelne, in der Staatsbibliothek Ost-Berlin wieder aufgetauchte Stücke zur Zeit des kalten Krieges den Verdacht, nein: die Hoffnung, das gesamte Archiv könne in Moskau sein. Schließlich führte ein Rote Armee-Dokument auf die Spur nach Kiew. Im Juni 1999 erhielt ein Forscherteam um Christoph Wolff die Erlaubnis der ukrainischen Behörden, den Fond 411 «Sammlung europäischer Musik des 17.-19. Jahrhunderts» persönlich in Augenschein zu nehmen. Die Nachricht, dass es sich hierbei um die historischen Notenbestände der Sing-Akademie handelte, verbreitete sich lauffeuerartig.

Dem Helden des Tages, Harvard-Professor Christoph Wolff, ist es nun zuzutrauen, die wissenschaftliche Auswertung und Katalogisierung der Sing-Akademie-Bestände voranzutreiben. Darunter befinden sich hunderte von Werken der Bach-Söhne. Dazu Opern, Chor- und Instrumentalmusik der Gebrüder Carl Heinrich und Johann Gottlieb Graun, Hasses, Cherubinis, Glucks und Agricolas, von Telemann, Benda, Buxtehude, Händel, Holzbauer und Wagenseil. Ein Riesenkomplex frühklassischer und nachbarocker Musik, für den inzwischen der Terminus «Berliner Klassik» im Schwange ist.

Der 1940 geborene Christoph Wolff, der zuvor in Erlangen, Toronto und New York lehrte, erwarb sich seinen Ruf zunächst durch zahlreiche Beiträge zur Musikgeschichte des 15. bis 20. Jahrhunderts, vor allem zu Bach und Mozart. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten erhielt er 1978 die Dent-Medaille der Royal Musical Association in London, 1992 den Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen, 1996 den Forschungspreis der Alexander von Humboldt-Stiftung und 2001 das Große Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Seit Januar vergangenen Jahres ist er Leiter des Bach-Archivs in Leipzig. Christoph Wolff war im vergangenen Jahr Fellow der American Academy in Berlin. Er ist Herausgeber des Bach-Jahrbuchs, Mitglied des Herausgeberkollegiums der Neuen Bach-Ausgabe und Verfasser einer neuen Bach-Biographie, die im Verlag S. Fischer erschien.

Dass Bach für den zurückhaltenden, höflich und gentleman-like auftretenden Mann kein bloßer Germane, sondern ein Repräsentant der Weltkultur ist, demonstriert Wolff durch seinen internationalisierten Lebenslauf. Freundschaften mit Musikern wie William Christie und die Betreuung des Bach-Festes in Leipzig stehen dafür, dass die Schätze der Sing-Akademie künftig nicht nur archivarisch aufbereitet, sondern auch musikalisch aufgeführt werden sollen. Musikern wie Ton Koopman und Martin Haselböck juckt es schon jetzt in den virtuosen Fingern. Die Welle der Alten Musik schwappt also demnächst wohl in Richtung Bach-Söhne. Und nach Berlin. Man darf sich hier freuen. Und viel Musik kennenlernen, die noch auf keine CD gebrannt, in keinem Konzertprogramm gespielt wurde.