Die Polizei soll woanders schießen

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Carolin Brühl

Charlottenburg - Das 60 Hektar große innerstädtische Waldgebiet «Murellenberg» soll für die Bevölkerung geöffnet werden, fordern die Bündnisgrünen in der Bezirksverordneten-Versammlung (BVV). «Generelle Bedenken gegen eine Freigabe kann es nicht geben, da das Gelände schon für die geplanten Olympischen Spiele 2000 in Berlin vollständig geräumt hätte werden sollen», sagt der baupolitische Sprecher der Fraktion, Jürgen Hess.

Das abgesperrte Areal westlich der Waldbühne wird bereits seit 1840 militärisch genutzt. Heute befinden sich auf dem Gelände ein Munitionsdepot und ein Schießplatz der Polizei sowie die von den Briten erbaute so genannte «fighting city», in der Polizisten aus ganz Deutschland Straßen- und Häuserkampf üben. «Die Polizei hält hier ja sogar einen abgeschlossenen Zugang zu ihrem Hundeübungsplatz für erforderlich», sagt Hess.

Im Mai dieses Jahres wurde auf dem ehemaligen Wehrmachtsgelände am Murellenberg ein «Denkzeichen zur Erinnerung an die Ermordeten der NS-Militärjustiz» der Öffentlichkeit übergeben. Erinnern sollen 104, teilweise beschriftete Spiegel an 230 Wehrmachtsangehörige, die zwischen August 1944 und April 1945 dort erschossen worden sind. Doch nur 20 dieser Denkzeichen sind auf der öffentlichen Seite des Zauns zu sehen. Das Gelände in der Nähe der Hinrichtungsstätte ist nicht zugänglich.

«Wir wollen für das Gelände einen Landschaftsplan aufstellen», sagt Umweltstadträtin Martina Schmiedhofer (B 90/Grüne). Ein Landschaftsplan ist ein naturschutzrechtliches Instrument, das die Bewertung eines Geländes vornimmt und den angestrebten Zustand des Areals festlegt. Es sei aber «Unsinn», wenn dies nur für den schmalen, neun Hektar großen, nicht von der Polizei genutzten Streifen erfolge und der Rest des Geländes ein «weißer Fleck» bleibe.

Wenn die Polizei schon nicht sofort das gesamte Areal räumen wolle oder könne, sollte sie sich auf die Nutzung eines Teilgeländes beschränken, so die Stadträtin.

Interessiert an dem Areal sind die Berliner Forsten: «Es wäre schon schön, wenn der Zaun wegkäme, dann wären wir gerne fachlich mit im Boot», sagt Forsten-Sprecher Marc Franusch. «Wir würden das Areal übernehmen, pflegen und die Nutzung so ordnen, dass sich eine Erholungslandschaft mit geschlossenen Waldflächen und offenen Bereichen ergibt.»

Unterstützung erfährt die Idee inzwischen auch von Berlins oberstem Stadtentwickler, Senator Peter Strieder (SPD). In einem Brief vom 5. Juni an seinen Kollegen, Innensenator Erhart Körting (SPD), schreibt er: «Beim Rundgang über das Gelände wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass sich hier in unmittelbarer Nähe zur Gedenkstätte ein Schießplatz der Berliner Polizei befindet. In Anbetracht der besonderen Geschichte dieses Ortes empfinde auch ich diese ,Nachbarschaft' als unvereinbar und möchte Sie bitten, eine Verlegung dieser Polizeianlage an einen anderen Ort zu prüfen und zu unterstützen.»

In der Innenverwaltung reagiert man bislang reserviert auf den Vorstoß Strieders und der Bezirkspolitiker. «Innensenator Körting kenne den Brief Strieders noch nicht, weil er auf der Innenministerkonferenz in Bremen ist», sagt sein Sprecher Peter Fleischmann. Bisher sei aber nicht daran gedacht, der Polizei diesen Schießplatz wegzunehmen. Der Bau eines alternativen Standorts sei angesichts der finanziellen Situation der Stadt derzeit auch nicht zu vertreten. Auch Polizeisprecher Wolfgang Saddig sagt: «Die Polizei lehnt die Öffnung und Durchwegung des Geländes ab.»

Kein Argument für die Grünen im Bezirk: «Wenn die Olympia-Bewerbung damals erfolgreich gewesen wäre, hätte das Gelände auch geräumt werden müssen», so Hess.