Für Anna von Griesheim ist ein Kleid zwar nur ein Kleid.

Manchmal kommen sie im Schlaf. Ideen für neue Entwürfe, für Kleider und Jacken und Stoffe und Farben. "Du musst aufstehen und zeichnen!", drängt es sie dann. Doch Anna von Griesheim bleibt liegen. Es ist viel zu tief in der Nacht. "Das findet irgendwo so weit hinten im Kopf statt, dass ich nicht wirklich aufwache. Und am nächsten Morgen ist dann alles wieder weg." Ja, sie hat versucht, diese Träume zu fangen. Sie lacht, wenn sie davon erzählt, wie sie schlaftrunken an den Zeichentisch wankte und schließlich daran scheiterte, diese inneren Bilder auf Papier festzuhalten - "weil ich einfach zu müde war". Und dieses herzhafte Lachen ist ein bisschen erstaunlich, weil es auf den ersten Blick nicht passen will zu dieser zierlichen Frau mit dem zarten Schneewittchengesicht. Aber die Berliner Modemacherin kann beides sein: feinsinnig und bodenständig. Und das ist wohl auch das Geheimnis ihrer Kleider.

In ihrem Laden am Wilmersdorfer Ludwigkirchplatz verführen Gehröcke aus glatten, glänzenden Stoffen zum Drüberstreichen, Blusen in Seide und Chiffon zeigen offen ihre Zerbrechlichkeit. Und Hosenanzüge, zurückhaltend wie gute Architektur, wenden Abendkleidern die kühle Schulter zu, welche wiederum ihre Trägerinnen wie tropisch große Blüten umspielen. Aber ob verspielt oder klassisch - ihre Entwürfe, meist in unifarbenen italienischen oder französischen Stoffen, haben immer etwas Klares. Und Gestandenes, das auch. "Weil sie Frauen kleiden, die im Leben stehen und trotzdem weiblich sind, auch wenn sie sich in Männerberufen bewähren."

Ihre Modelle sind figurbetont. Aber die Luft anhalten muss frau trotzdem nicht. "Kleider sollen das Wohlbefinden unterstützen. Das wichtigste am Outfit ist der Kopf." Es ist diese Mischung aus sinnlich und sachlich, die sich durch ihre Kollektionen zieht. Und irgendwie auch durch ihr Leben. Mode hat die gebürtige Münchnerin immer fasziniert. Wie Yves Saint Laurent schon in früher Kindheit Puppenkleider nähte, so staffierte sie als kleines Mädchen Papierpuppen mit eigenen Entwürfen aus. Mit 18 wollte sie dann doch lieber Schauspielerin werden. "Aber ich kam mir irgendwie kindisch vor, das zu sagen." Wehmut über einen nicht gelebten Traum? Ach nein. Schließlich landete sie bei der Haute Couture, und zwar bei einer der besten deutschen Adressen. Elise Topell, bis zu ihrem Umzug nach Wiesbaden 1948 eine Institution der Berliner Modewelt, nahm Anna von Griesheim in die Lehre. Nicht Kunst - Handwerk lernte sie bei ihr, von der Pike auf.

Handwerk, mit dem sie mehr anfangen konnte als gerade zuzuschneiden und perfekte Säume zu nähen. Elise Topell erkannte das, doch als sie ihrer Schülerin nach drei Jahren eine Assistenz anbot, sagte Anna von Griesheim: "Nein." Die Liebe war stärker als die Aussicht auf eine Karriere im Topellschen Atelier. Ein Architekturhistoriker in Berlin war es, der damals der Stärkere war und mit dem sie bis heute ihr Leben teilt. Und so folgte sie dem Herzen und zog kurz vor dem Mauerfall in die Stadt. Für ein Designstudium an der HdK war sie schon zu weit. Sie besuchte eine Privatschule und nahm Zeichenunterricht. Ihre erste kleine Kollektion entstand. Die zeigte sie Freunden. "Das kam so gut an, dass ich mich entschloss, einen eigenen Laden zu eröffnen." Das war 1991. Sie war 25. "Ich war völlig naiv - was hieß eigentlich Buchhaltung?" Egal. Anna von Griesheim hatte sich entschieden. Und der Erfolg gab ihrer Intuition bald Recht, denn es sind vor allem ihre Entwürfe, die Berlin wieder in den internationalen Ruf von so etwas wie einer Modemetropole gebracht haben.

Wenn Christina Rau zu einer Benefiz-Modegala ins Schloss Bellevue lädt, ist natürlich Anna von Griesheim dabei. Für Anouschka Renzi hat sie ebenso die Filmgarderobe entworfen wie für Gudrun Landgrebe. Helen Schneider fegte in ihren Modellen schon über die Bühne, und auch privat mag Berlins neue Promi-Szene Anna von Griesheims Kleider nicht missen - nicht nur Franziska von Almsick. Sabine Christiansen ist ihrem Stil ebenso zugetan wie Katharina Witt und Esther Schweins. Heute beschäftigt die 37-Jährige gemeinsam mit ihrer Partnerin Carola Krauthahn acht Mitarbeiter.

Und aus welcher Quelle schöpft sie nun ihre Ideen, wenn die nächtlichen Träume zu fern zum Abmalen sind? "Ich habe so eine Art Sehkrankheit. Natürlich inspirieren mich auch die Pariser Schauen - aber wichtiger ist dieses ständige Wachsamsein. Bin ich unterwegs, egal ob auf meinem Weg zur Arbeit oder in der Welt, nehme ich alles wahr. Volksgruppen, Farben. Dann versuche ich zu filtern: Was wäre davon mein Look?" Aber da meldet sich auch schon wieder die sachliche Anna von Griesheim. Denn Anschauen ist erst der Anfang eines kreativen Prozesses. "Der hat sehr viel mit klaren Entscheidungen zu tun: Hier kommt der Ausschnitt hin, da der Knopf."

Und was ist mit dem Bild von dem Designer-Genie, das nächtelang überm Zeichentisch grübelt? "Das ist Quatsch! Irgendwann probiert man nicht mehr 100 verschiedene Varianten aus, sondern sagt sich: Das geht jetzt so." Mode ist ihr Leben, aber nicht das ganze. "Ich kann mir kein erfülltes Leben vorstellen, das nur aus einer Sache besteht." Sie liebt es, sich zu Hause mit Freunden zum Essen zu treffen, verreist gern in ihre südfranzösische Wohnung. Und ist froh, dass ihr Lebensgefährte einer ganz anderen Arbeit nachgeht als sie. Im Süden versucht sie dann, viele Briefe zu schreiben. "Schreiben gehört zu den Dingen, die untergehen, wenn man nicht aufpasst."

Sie hütet solche Schätze. Auch mit ihrem Lebenspartner tauscht sie sich bisweilen in Briefen aus, obwohl sie seit Jahren zusammenleben. "Das ist geblieben von unserer langen Beziehung auf Distanz." Und was trägt sie zu Hause? "Dasselbe wie bei der Arbeit. Ich mache mich auch hübsch, wenn ich allein bin. Praktische Kriterien finde ich scheußlich." Was natürlich eine Mode voraussetzt, die das Unpraktische nicht zum Dogma erhebt. In der man sich wohl fühlen kann. Eine Mode wie ihre eben. Entwürfe, die dem Bedürfnis von Frauen Raum geben, bei aller moderner Nüchternheit eine Frau zu bleiben.

Aber das ist schon fast zu viel Theorie. Zu viel Theorie über ihre Mode nämlich ist ihr nicht recht. "Mode ist spannend und schön", sagt sie, "aber am Ende ist ein Kleid doch nur ein Kleid, und damit ist es gut." Das war jetzt keine Theorie, das war eine Wahrheit. Schlicht und ergreifend. Ja, wir wissen - es war die Liebe, die sie hierher lockte. Aber irgendwie passt Anna von Griesheim wirklich nach Berlin.