Schicksals-Oper "Aida"

Immer hat es Opernaufführungen gegeben, die dem Hörer unvergesslich geblieben sind. Für die einen (wie Herbert von Karajan) gehörten dazu die Gastspiele der Mailänder Scala unter Arturo Toscanini in den späten 20erJahren. Für andere war es das unverhoffte Emportauchen der als dekadent verschrieenen "Salome" von Richard Strauss in den deutschen Spielplänen während des Zweiten Weltkriegs. Den einen wurden die Wunderbesuche in der Arena von Verona zu den Höhepunkten, den anderen die Neu-Enthüllung des "Ring des Nibelungen" in Bayreuth durch die Meisterhand von Patrice Chéreau.

Das Wunderland der Oper hatte aber stets auch höchst tragische Überraschungen parat. Eine von ihnen war auf den Namen Giuseppe Sinopoli getauft. Er starb vor zwei Jahren, am 20. April 2001, in der Deutschen Oper Berlin mitten in einer "Aida"-Aufführung: an jenem Pult, an dem er quasi über Nacht berühmt geworden war, als er am 3. Februar 1980 in der Inszenierung von Luca Ronconi Verdis "Macbeth" dirigiert hatte.

"Aida" aber sollte die Schicksalsoper Sinopolis werden. Mit dem Werk, das aktuell wieder auf dem Spielplan steht, hatte der abtrünnige Doktor der Medizin nach Studien bei Hans Swarowsky in Wien und am Pariser Conservatoire 1978 in seiner Geburtsstadt Venedig debütiert. Sinopoli war auf Bitten von Götz Friedrich zu einem Versöhnungsauftritt an die Deutsche Oper zurückgekehrt, die er kurz nach seinem Amtsantritt als musikalischer Leiter des Hauses in Zwietracht wieder verlassen hatte. Er hatte sich in der Folge der Leitung der Dresdner Staatskapelle verschrieben - und der klassischen Archäologie. Nun aber war die Rückkehr nach Berlin mit der "Aida"- Aufführung eingeleitet, an deren Ende für Sinopoli, 54-jährig, die ewige Ruhe stand.

Gerade erst war das Publikum aus der Pause in den Saal zurückgekehrt. Die Musik verstummte. Auf offener Bühne liefen die Sänger zur Rampe und starrten in den Graben. "Vorhang! Vorgang!", ließen sich panische Stimmen vernehmen. Der Vorhang fiel. Sinopoli war mitsamt dem Dirigentenpult zu Boden gestürzt. Man brachte ihn ins Hospital. Der Stein hatte sich nicht einzig über Aida und Radames geschlossen.