Salome - eine Verkörperung von Gewalt, Lust und Anarchie

Am 5. April hat "Salome" von Richard Strauss Premiere. Für Regisseur Achim Freyer ist diese erste Inszenierung einer Strauss-Oper die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches. Für Dirgent Marc Albrecht ist "Salome" nach Messiaens Oper "Saint François d Assise" die zweite Premiere an der Deutschen Oper Berlin. Freyer und Albrecht beantworten Fragen zum Werk. Frage: Die "Salome" gilt als ein sehr modernes Werk des Musiktheaters. Worin besteht diese Modernität? Achim Freyer: Da kann man nur mit Picabia antworten, der, gefragt nach der Moderne, sagte: "Du kannst eines nicht vermeiden, modern zu sein." Das heißt, dass auch Strauss' gesellschaftliche oder politische Haltung immer modern und aktuell bleiben wird, auch wenn die Zeiten sich inzwischen geändert haben. Denn zu Strauss' Zeit war diese Haltung modern und muss somit für die folgenden Realisierungen des Werkes erkennbar bleiben. Das Moderne heißt, dass man in der Zeit lebt, in der man ist, mit all ihren Widersprüchen, mit dem Reaktionären, mit den Konventionen und den Modernitäten, den progressiven Entwicklungen. Es gibt keine Kunst, die Zukunft ist, es gibt nur Kunst, die Zukunft hat. Und die hat Kunst immer. Strauss hat mit "Salome" einen neuen Typ der Literaturoper geschaffen, indem er direkt vom Drama zur Komposition gegangen ist - ohne den Umweg eines Librettos. Ist dadurch die Verbindung zwischen Drama und Musik besonders eng? Marc Albrecht: Es gibt in diesem Werk kaum ein Wort, das Strauss nicht im Orchester illustrieren oder kommentieren würde. Wildes Text inspiriert ihn zu einer Fülle solcher kompositorischer Anmerkungen, die dann dem sinfonischen Gewebe die Glanzlichter aufsetzen. Text und Musik der "Salome" sind also auf denkbar engste Weise miteinander verknüpft. Die Modernität der Partitur lässt sich auch dem "wissenden" Orchester ablauschen: Salome bleibt nach dem Fluch Jochanaans allein auf der Bühne zurück. Das Orchester intoniert in diesem Augenblick ein neues Thema. Viel später erst wird deutlich, was Salome in diesem Moment gedacht hat, wenn dasselbe Thema ihre Forderung unterstreicht: "Gib mir den Kopf des Jochanaan!" - Musik im Zeitalter der Psychoanalyse.

"Salome" ist für uns heutzutage ein wunderschöner Klangrausch. Die Zeitgenossen der Uraufführung haben die Musik allerdings eher als misstönend empfunden. Wie geht man mit solch einer Diskrepanz um?

Albrecht: Das ist es ja gerade, was die Bewältigung solcher Partituren für uns alle so schwer macht, denn der Klangrausch bedarf gleichzeitig der maximalen Differenzierung und Klarheit. Da ist so viel an motivischem Material, das übereinander gelagert ist oder sich mehrfach durchdringt. Große Transparenz ist gefragt, damit diese faszinierende Musik nicht zur Klangsuppe zerkocht wird

Der "Salome"-Stoff ist ja seit der Bibel immer wieder bearbeitet worden, Wildes Fassung spielt mit dem für das späte 19. Jahrhundert typischen Klischee der Femme fatale. Was ist Salome ihrer Meinung nach: Kind, Femme fatale oder beides zusammen? Freyer: Salome ist eine Figur, die an der Hochblüte oder Hauptschwelle des Kapitalismus steht, eine verwöhnte Tochter, die gelernt hat, sich zu nehmen, was sie braucht. Diese Haltung, die Salome - stellvertretend für uns - spiegelt, gibt es bis heute. Ganz am Schluss ahnt sie dann, dass es mehr geben kann im Leben als Besitz und das Verfolgen von fanatischen Ideen, die zu Besitz und Macht führen. Gibt es einen konkreten Auslöser für diese Ahnung? Freyer: Ja. Sie versucht, die Liebe Jochanaans mit Gewalt zu erzwingen, von ihm Besitz zu ergreifen, indem sie ihm den Kopf abschlagen lässt. Nun kann sie mit dem Kopf machen, was sie will, weil er keinen Körper mehr hat. Es fehlt genau dieser Widerstand; der Körper und der gegenseitige Blick fehlen. "Warum siehst du mich nicht an?" singt Salome. An diesem nicht erwiderten Blick, dieser unerwiderten Liebe kann auch die Besitznahme des Kopfes nichts ändern. Besitz - notfalls auch durch Gewaltanwendung erreicht - bedeutet nicht zwangsläufig Erfüllung. Das ist die Erkenntnis, die sie ganz kurz hat, wenn sie die wesentlichen Fragen stellt: War das Liebe, die bitter schmeckt, oder nur das Blut? Dann sagt sie: Egal, ich habe ihn geküsst, das habe ich erreicht. Schon ist die Vision wieder weg. Strauss hat an vielen Stellen versucht, die mythologische und die psychologische Dimension der Salome gleichzeitig zu erfassen, passiert ist ihm aber, dass sie zur Ware geworden ist. Man könnte sagen, dass alle Figuren in gewisser Weise entindividualisiert und zur Ware geworden sind. Ähnlich wie die Monroe, die sich selbst in der Figur, die aus ihr in der Öffentlichkeit gemacht wurde, nicht mehr wieder finden konnte, die aber einen hohen Marktwert hatte. Ich finde, dass die Salome in ähnlicher Weise eine Verkörperung von Gewalt, Lust, Anarchie und Raubtier in sich hat. Auch diese Begriffe sind als Ware auf dem Markt des vorigen und auch unseres Jahrhunderts. Und zur Ware gehört nun einmal das Geschäft, sie muss verkauft werden. Indem man die Ware erwirbt oder verkauft, kann man auch Macht erwerben - Konsumenten wie Händler glauben daran. Diese Facetten der Salome, die wir alle in uns selbst wieder entdecken können, werden hinterfragt: "Sind das meine individuellen Bedürfnisse? Meine persönlichen Sehnsüchte?" Sehen Sie einen Zusammenhang zischen Salomes Obsession und Jochannaans Prophetentum und, was noch viel wichtiger ist, zwischen Liebe und Tod? Freyer: Ich würde das Ganze als ein großes, sexuelles Drama sehen. Da ist der Tod immer neben der Liebe eine zwangsläufige Erscheinung. Ich kann mir vorstellen, dass es eine interessante Arbeit an diesem Stoff wäre, nur über dieses Thema der aufkeimenden Liebe und der Gegenwart des Todes, zu sprechen. Bei mir ist der Tod auch gegenwärtig, er ist sehr spät ins Konzept gekommen, aber es funktionierte sofort. Für mich war natürlich der Satz des

Pagen: "Es wird etwas Schreckliches geschehen", den Herodes dann aus anderen Motiven wiederholt, zuerst dasjenige, was uns in dieser schrecklichen Zeit passiert. Man kann nur über etwas sprechen, das gerade gesellschaftlich und menschlich sehr wichtig ist. Nicht nur für das Individuum, sondern eben für die Gesellschaft - da kann man nicht ausweichen. In meiner Inszenierung ist das Geheimnis der Liebe die Exstase, der Triumph. Salome kann Jochanaan lieben, die Liebe existiert, aber der Mann ist tot. Ist von dem Mythos der Femme fatale, von Salomes Faszination, Schönheit, Gefährlichkeit bei Strauss' Figur noch etwas zu spüren? Albrecht: Strauss selbst hat sie Cosima Wagner gegenüber als "soubrettenhaft" beschrieben. Sehr kokett und in jeder Situation ihre erotische Wirkung einsetzend. Meiner Meinung nach könnte sie aber auch nur eine Projektionsfläche für die Fantasien der anderen Figuren des Stückes sein, ohne dass sie diese provoziert. Liegt ihre Schönheit in der Musik? Albrecht: Ja, bestimmt. Die Sinnlichkeit des Klangs ist das herausragende Merkmal dieser Oper. Auch die Abgründe und Hässlichkeiten haben bei Strauss immer ihren Reiz. Er provoziert, nimmt den Hörer aber auch gleichzeitig mit. Verschiedene Zeitgenossen haben ihm vorgeworfen, dass er sogar noch im existentialistischen Aufschrei immer noch ein guter Verkäufer seiner selbst und seiner Musik war. Das ist sicher ein Widerspruch in seiner Persönlichkeit. In den betörenden Klangmischungen der "Salome", denen man auch oft die Zeitgenossenschaft Debussys anmerkt, finden sich Dinge, die er später so nicht mehr gemacht hat; ganz feine Texturen, die das Stück ungeheuer reizvoll machen.

Freyer: Deswegen komme ich ja auch auf Ware, weil Ware ähnliche Kleider hat, die verführen und gleißend und schillernd sind. Auch soubrettenhaft - sie dürfen nicht in die Tiefe gehen. Bergs Marie in "Wozzeck" beispielsweise, die auch einem sexuellen Begehren folgt, ist in keiner Weise eine Ware, sondern Opfer dieser Warenwelt. Bei Strauss sind die Figuren keine Opfer, sondern sind die Akteure. Und das ist eine große Modernität und Wahrheit, mit der sich sonst kaum einer beschäftigt hat. Da sind sonst immer die Leidenden, die Opfer, die Widerstand Leistenden, was ja wunderbar ist, aber wer hat noch wirklich das wahre Gesicht unserer Zeit komponiert? In so einer schillernden, verführenden, gleißenden Schönheit, Verherrlichung würde ich sagen: niemand.