Manchmal hasst Platten-Pedro seine Kunden

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Auf Geben und Nehmen beruht die Geschäftswelt - doch nicht immer erfüllt sich ihr Grundgesetz auf so unberechenbare Weise wie bei "Platten-Pedro". Manch einer lässt 500 Euro hier und verlässt den Laden dafür um 15 seltene Country-Singles und ein paar unbeschreibliche Glücksgefühle reicher. Manche geben nicht ganz so viel aus und bekommen trotzdem gratis zu ihren Einkäufen eine Lehrstunde von dem Mann, der mehr als jeder andere in Deutschland über Schallplatten weiß. Andere bezahlen mit ihrer guten Laune und erhalten als Gegenwert nur die Aufklärung, dass Karajan-Aufnahmen von 1969, gerade wenn sie "prämiert" sind, geringen Marktwert haben. "Prämiert heißt: Dit ham viele gekauft. Die hab' ich alle schon dreimal", belehrt Pedro, der eigentlich Peter Patzek heißt, die Dame, die ihn in der "Abendschau" gesehen hat und daraufhin den weiten Weg nach Charlottenburg antrat. Er schlägt dabei jenen ruppigen Ton an, der in Berlin als Folklore durchgeht. Aber nicht deshalb sagt Pedro: "Manchmal hasse ich meine Kunden!". Richtig beschimpft hat er den Typen, der neulich eine komplette Sammlung für viiiiiel Geld erwarb. "Die hatte ich selber gerade gekauft. Darunter Platten, die ich seit 20 Jahren nicht gesehen hatte. Die erste Velvet Underground mit unabgepelltem Bananenschalen-Cover beispielsweise. Ich konnte sie gar nicht schnell genug ins Hinterzimmer stellen, da kam er rein und nahm sie alle. Irgendwann hatte ich dann zwar eine virtuelle Summe von 4000 Euro auf meinem Konto. Aber, Mann, ich konnte mir die Platten noch nicht mal anhören!" Seit 27 Jahren existiert das größte Schallplattenantiquariat Deutschlands. Zunächst als "Der 45er" nach jenen Singles, die bis heute die Mehrzahl der mehr als 250 000 Platten auf 110 Quadratmetern inklusive labyrinthischer Hinterzimmer voller deckenhoher Regale ausmachen. Dann - mit wachsendem Weltruhm seines Besitzers - einfach nur noch als "Platten-Pedro". Steven Spielberg schickte seine Requisiteure aus Prag, als er für "Schindlers Liste" ganz bestimmte Schellacks brauchte. Und der Herr, den man beim Rausgehen trifft, sieht aus, als hätte er extra den langen Weg von Japan hierher zurückgelegt - er wäre nicht der einzige. So kommt die weite Welt eben zu Pedro, der in den fünfziger Jahren an der Schönhauser Allee von Kanada und vom Rock'n'Roll träumte, und schließlich bloß auf Umwegen in Rolf Edens erster Disco an der West-Berliner Damaschkestraße landete - als berühmt-berüchtigter DJ immerhin. 1969 gründete er seinen ersten Laden, ging pleite und wagte es 1976 noch mal. Die Schallplatte wurde zwar irgendwann von der CD in einen Nischenmarkt abgedrängt, aber Pedros Geschäft blieb davon völlig unberührt. Seine Kunden hassen CDs so wie er. Sie wissen, dass bestimmte Obertöne auf den digitalen Tonträgern unterschlagen werden, weil das menschliche Ohr sie angeblich sowieso nicht hört. Und sie wissen nicht, warum sie etwas sammeln sollten, das ohne Verlust endlos reproduzierbar ist und das - Plastik in Plastik - niemals die lebendige Aura von antikem Vinyl erlangen wird. Wer je eine Schallplatte aufgelegt hat, die älter ist als er selbst, ahnt, wovon die Rede ist. Und die anderen sind für die Obertöne des Lebens genauso taub wie für diejenigen der Musik. Matthias Heine

Platten-Pedro, Tegeler Weg 100, Berlin-Charlottenburg, montags bis freitags von 10 - 18 Uhr, sonnabends von 10 - 13 Uhr. Tel.: 344 18 75