Was gibt's Neues in Berlinchen?

Eigentlich ist das Ortsschild ja die Geschichte. Es ist die Verniedlichung. «Berlinchen, wie nett», denkt man. 150 Kilometer von der großen Stadt entfernt gibt es noch ein anderes Berlin. Mit 300 Einwohnern statt 3,5 Millionen, ohne Fernseh- oder Funkturm, ohne Siegessäule, ohne aus dem Boden gestampfte Einkaufscenter mit Neonlicht. In Berlinchen hat das Handy nur bei der kleinen, weißen Kirche auf dem Hügel in der Mitte des Dorfes Empfang. So richtig stört das aber niemanden. In Berlinchen besucht man sich nämlich oder wartet, bis man den anderen zufällig trifft. Es gibt keine Bauten aus Stahl und Glas oder sechsspurige Autobahnen, stattdessen nur vier Straßen aus Kopfsteinpflaster - und die properen Häuser bleiben bescheiden niedrig.

Es ist wie hingetupft in der Landschaft aus Winterfeldern, aus Wiesen, bestäubt vom Schnee der vergangenen Tage, und Äckern, deren grobe Furchen wie mit einem riesigen Kamm gleichmäßig durch den märkischen Sand gezogen wurden. An den Feldwegen, links und rechts der Dorfstraße liegt frisch geschlagenes Holz. Die Berlinchener Luft duftet süß nach Harz.

Auch die Menschen sind anders als in der großen Stadt. Sie lächeln. Sie sind freundlich. Sie sagen «Guten Tag», wenn sie einen Fremden sehen, als wäre dies das Normalste der Welt. Bleibt man vor einem Haus stehen, bewegen sich fast automatisch die Gardinen hinter den Fenstern, Hunde bellen, Kühe muhen, und eine Katze schnurrt herüber, um sich streicheln zu lassen.

So ist es kein Wunder, dass Silvia Gardemin lächelt. Die 27-jährige Friseurmeisterin ist in Pankow aufgewachsen und hat in Siemensstadt gelernt. Vor sieben Jahren ist sie mit dem zweijährigen Sohn Rico von Berlin nach Berlinchen gezogen. Sie kennt beides: die Stadt und das Dorf. Am ersten Mai, dem Tag des jährlichen Dorffestes, eröffnete sie ihren Salon «Lockentheater» an der Seestraße. In der Hauptstadt flogen zur gleichen Zeit Steine, Polizisten versuchten, mit Wasserwerfern und Gummiknüppeln dem Chaos in Kreuzberg Herr zu werden. Beim Dorffest in Berlinchen gab es Musik, Tanz, Bier und Gegrilltes.

Zwei Kundinnen warten in Baststühlen, das Radio verspricht Hits aus drei Jahrzehnten. Frau Gardemin sagt: «Bei Udo Walz würde ich nicht arbeiten. Zu hektisch, das Ganze.» Stattdessen schneidet sie die Haare eines jungen Wittstockers und summt die Hits aus dem Radio mit. Die Kacheln im Laden hat sie selber ausgesucht: eine Tropenlandschaft mit gelben Papageien.

«Es ist ruhiger als in der Stadt, und man kennt sich. Die Stadt ist so anonym, und wenn ich wirklich nach Berlin fahren will, setze ich mich halt ins Auto», sagt sie. «Man kann auch abends um den kleinen See wandern, es gibt Dorffeste und Polterabende, zu denen jeder eingeladen wird. Viele meiner Freunde kommen aus Berlin nach Berlinchen, um auszuspannen.»

«Gibt's denn keine Probleme?»

«Keine. Außer der Arbeitslosigkeit natürlich. Deshalb gehen auch viele junge Leute nach Lübeck, Hamburg oder Berlin.» Sie wendet sich dem Wittstocker zu. «Gel oder Haarspray?»

Die Arbeitslosigkeit: Früher gab es die LPG mit 130 Angestellten. Es gab einen Schlachter, einen Konsum und die Grundschule für Berlinchen und die acht umliegenden Gemeinden, sagt Uwe Monzer, der Bürgermeister von Berlinchen. Er betreibt eine Kfz-Werkstatt im Dorf. Jetzt läuft er um einen kleinen Kasten auf Rädern herum, den er zum Kippanhänger umbauen will. «Ja, so war das früher», sagt er, sein Lehrling zückt den Schweißbrenner, wir gehen ins Büro. Früher, das heißt soviel wie «zu DDR-Zeiten» in Berlinchen.

Monzer kümmert sich um Bauanträge oder schlichtet Streitereien im Dorf. Vor sieben Jahren ist er aus der CDU ausgetreten. «Was hab' ich von der CDU», sagt er. Zu seinen Pflichten gehört, dass er im Winter das Wasser auf dem Friedhof abstellt. Das kann er auch ohne Angela Merkel. Früher kam einmal im Monat ein Arzt ins Dorf, sagt er. Es gab OTB, ein Textilkombinat, für das mehr als 4000 Frauen arbeiteten. Heute beträgt die Arbeitslosenquote im Landkreis 26,5 Prozent, ABMler und Umschüler nicht mitgezählt. Monzers 19-jährige Tochter hat ihre Lehrstelle als Friseurin in Potsdam nur wegen einer Aktion der Bild-Zeitung erhalten. Manchmal komme Neid im Dorf auf, sagt er. Weil der eine ein neues Auto hat. Oder Arbeit. Oder beides. «Es gibt noch die Volkssolidarität von früher. Die kümmern sich um die Alten.» Von September an wird die Gemeinde von Wittstock aus verwaltet. Dann ist Monzer kein Bürgermeister mehr. Die DDR wird Geschichte werden, wie die erste urkundliche Erwähnung des Dorfes im Jahr 1274, wie die beiden Brände, der letzte im Dreißigjährigen Krieg und die Neubesiedlung danach. Wie das Bataillon der Wehrmacht, das sich im April 1945 noch mit der Roten Armee in Berlinchen einen Kampf geliefert hat. Wie die alten Männer, die ab und an noch einmal hierhin kommen, um den Ort zu sehen, an dem ihre Kameraden starben. «Früher ist dann endgültig vorbei», sagt Monzer. Doch Spuren werden bleiben.

Berlinchens Mittelpunkt ist die Kneipe von Gertrud und Ferdinand Ottradovetz. An der Wand vier Ansichtskarten. Auf einer eine nackte Frau und ein Schaf, das die Leute an der Theke mit einem freundlichen «Hello from Ireland» grüßt. Die Zigaretten liegen im Schrank, Marlboro, Cabinet, F6. Aus einem Kofferradio plärrt Julio Iglesias von Sonne, Meer und Mädchen, von der «lauen Sommernacht, die immer uns beiden gehört.»

Ferdinand ist 69 Jahre alt, kommt eigentlich aus Hamm in Westfalen, war Bergmann, Vertreter und Baustellenleiter. Er war auf Montage, als er 1993 in Berlinchen sein Glück fand: Sein Glück heißt Gertrud und betreibt seit 1981 die Kneipe «Unter den Linden».

Der Name hat nichts mit der Hauptstadt zu tun, sondern mit den Bäumen. Linden machen die Dorfstraße zu einer Allee. Auf einer grünen Insel in der Mitte, ebenfalls von Linden umstellt, erinnert ein Kriegerdenkmal an die Toten der beiden Weltkriege.

In der Kneipe gibt es einen Saal von 1906, der von einem Ofen aus der gleichen Zeit beheizt wird. Hier haben die Berlinchener den Jahreswechsel verbracht. Sie treffen sich auch nach Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen in diesem Saal, feiern Karneval und das Erntedankfest. Klaus Falk, ein Nachbar von Frau Gardemin, hält seit ein paar Jahren jedes Ereignis auf Video fest. Auf dem Dorffest zeigt er jedes Jahr einen Zusammenschnitt. Dann tritt auf der kleinen Bühne auch die Tanzgruppe der Dorfjugend auf.

Annika und Sandra kommen gerade aus dem Berlinchener Jugendclub, setzen sich an einen der freien Tische. «War nichts los heute», sagen sie und bestellen bei Ferdi zwei Cola. Annika ist 15, Sandra 16 Jahre alt. Natürlich ist es oft langweilig für sie. Es gibt keine Diskos oder Clubs in Berlinchen, und die Szene des Dorfes besteht aus dem 18 Jahre alten DJ Adrian Marnitz, der manchmal ein paar Platten spielt. Sandra macht zur Zeit ein Praktikum im Krankenhaus Wittstock, möchte als Krankenschwester zur Bundeswehr. «Ich will etwas von der Welt sehen, will rauskommen, in fremde Länder reisen.» Annika will Kinderkrankenschwester werden, «am liebsten in Berlin», wo bereits ihre große Schwester lebt und arbeitet. Der Bus zur Realschule nach Wittstock fährt für sie um 6.30 Uhr. Es ist spät, sie verlassen die Kneipe und treten in die Dunkelheit.

Berlinchen bei Nacht ist anders: Nebel kommt über das Dorf, kriecht die Häuserwände empor, die Rollläden sind heruntergelassen, Mondlicht spiegelt sich auf dem Pflaster. Es ist so still, dass man sein Herz schlagen hört. Es fehlt das Getöse der S-Bahn, das Rauschen der Autos, das Brummen der Leuchtreklamen, das Geklapper von Geschirr, Musik, Gerede, schnappende Autotüren, klackernde Absätze. Die Stille ist für Hauptstädter nicht leicht zu ertragen. Sie ist laut. Sie stört beim Einschlafen.

Berlin ist allgegenwärtig im Dorf. Man findet den Namen auf dem Kriegerdenkmal und dem Friedhof. Der Name ist weit verbreitet, er kommt aus dem slawischen und bedeutet «sumpfiges Land», das Land, auf dem Berlin wie Berlinchen gegründet wurden. Es gibt auch eine Frau, die so heißt: Stefanie Berlin ist 46 Jahre alt und betreibt einen Reiterhof im Dorf: 28 Pferde, Kühe, Esel, Hunde, Katzen und ein Hängebauchschwein. 20 Jahre lang war sie Hausfrau und Mutter in Bergisch Gladbach, bevor ihr Ex-Mann nach der Wende den ehemals elterlichen Hof im Osten umbaute und sie als Geschäftsführerin einsetzte. Nur auf dem Papier, hieß es, doch als 1996 die Angestellten nicht mehr klarkamen, musste sie nach Brandenburg. Ihre Ehe zerbrach. Nun hat Frau Berlin vier Gerichtsverfahren am Hals, weil der Hof auf seinem Namen steht. Heute soll sie ein Papier unterschreiben, das sie in die persönliche Haftung für laufende Kredite nimmt. Frau Berlin setzt sich in ihr Auto und fährt zur Bank. So sehr unterscheidet sich Berlinchen dann doch nicht von Berlin. Außer, dass die Pferde wiehern, das Schwein grunzt und die Kühe fröhlich vor sich hin muhen.