Fünfundzwanzig Sonntagsfragen an Hanna-Renate Laurien

Wo wachen Sie auf?

Nicht obdachlos unter einer Brücke, nicht im Luxusappartement, nicht im Himmelbett, nein, ganz "normal" in meinem Bett, in meinem Schlafzimmer.

Was liegt auf dem Nachtisch?

Mein Wecker, meine Lampe, meine kleine Skulptur und ein kleiner Flügelaltar: die "Mutter vom Guten Rat" (Maria mit Jesuskind umrahmt von zwei Erzengeln, Freundesgeschenke) und eine Tube Augencreme Liposic.

Und wer liegt neben Ihnen?

Ich bin Single!

Wie sollte der Sonntag sein?

Er beginnt immer mit Frühstück und Atem verleihendem Besuch der Heiligen Messe, dann sollte er weitere, durchaus unterschiedliche Stationen des Atemholens umschließen.

Sind Sie ein Sonntagskind oder haben Sie sich erkämpft, was Sie sind?

Ich bin tatsächlich an einem Sonntag (15.4.1928) zur Welt gekommen. "Erkämpft" - nein, aber auch nicht in den Schoß gefallen. Ich habe die mir geschenkten Gaben aufnehmen und - auch mit Bemühen und Anstrengung - entwickeln dürfen. SONNTAGSLÄUTEN

Wenn ich es höre, denke ich . . .

. . . dass Gott mich ruft und dass meine Schwester, mein Schwager und meine drei engsten priesterlichen Freunde sonntäglichen Gottesdienst feiern.

Wann haben Sie zuletzt gebetet? (Verraten Sie uns, um was?)

Diese Frage geht an meiner Wirklichkeit vorbei. Ich bete täglich - seit Jahrzehnten - aus dem "Stundengebet" der Kirche morgens die Laudes und abends Vesper und Komplet. Nach dem morgendlichen Vaterunser bete ich stets, dass die Mitglieder meiner Familie, meine engsten Freunde und - wechselnd - Menschen, die ihre Anliegen, Nöte oder Wünsche an mich herangetragen haben, behütet sein mögen, und mir wünsche ich des "Geistes klare Trunkenheit" und den Erhalt meiner Sehkraft.

Falls Sie nicht an Gott glauben - in welcher Situation haben Sie es bedauert?

Entfällt.

Gott ist . . .

. . . unfassbares Geheimnis in Gott Vater, in Jesus fordernde und tröstende, dichteste Nähe, im Heiligen Geist lenkende Kraft.

Der Mensch ist . . .

. . . Geschöpf, nicht Macher seiner selbst, und in seiner Freiheit, Liebender und Mörder sein zu können, ein nie auszulotendes Geheimnis.

SONNTAGSBRATEN

Der Duft löst bei mir . . .

. . . Appetit und fröhliche Dankbarkeit aus.

Familie ist . . .

. . . auch und in besonderer Weise Mahlgemeinschaft, nicht Schnellimbiss, nicht Häppchen!

Heimat ist . . .

. . . der Ort, in dem ich lebe, wo ich gebraucht werde und Freunde finde.

Deutschland bedeutet mir . . .

. . . Annehmen der Verantwortung für unsere ganze Geschichte; Land mit herrlichen Landschaften und Städten (ich verbringe seit Jahrzehnten meinen Sommerurlaub immer in Deutschland); Teil einer begeisternden europäischen Kultur in Dichtung, Musik und Bildender Kunst.

Wen laden Sie zu Ihrem letzten Mahl, und was wird serviert?

Wenn mit "letztem Mahl" das Mahl vor meinem Tod gemeint ist, dann hoffe ich, dass ich so gnädig sterben darf. Zu meinem, vorletzten Mahl lade ich meine Schwester mit Mann, Söhnen, Schwiegertochter und Enkelin und meine drei innigsten priesterlichen Freunde (vielleicht auch einen vierten . . .) ein und serviere (nicht: Es wird serviert!) Fondue, weil man dabei gut sprechen und selbst wählen kann, was man nehmen will. Zu meinem letzten Mahl: niemand, da will ich mit meinem Gott allein sein.

SONNTAGSSPAZIERGANG

Wohin?

Ich spaziere nur im Urlaub am Sonntag.

Was war der schönste Weg Ihres Lebens?

Das war kein "Spaziergang", das war der Weg zu meiner Kirche.

Was war der schwerste Weg Ihres Lebens?

Meiner schon an Alzheimer erkrankten alten Mutter den Tod ihres Mannes zu vermitteln.

Wozu sind Freunde gut?

Sie sind gut, Zuverlässigkeit zu erfahren, Trost in Nöten geschenkt zu bekommen, durchaus scharfe Kritik aus Liebe zu erhalten und herrlich miteinander zu speisen und nachdenklich zu diskutieren.

Welchen Satz hätten Sie lieber nie gesagt - und zu wem?

Über keine Frage habe ich so lange nachgedacht, wie über diese. Verdrängung? Mir fallen eher Sätze ein, die ich hätte sagen sollen. Also "kleine Münze": Ich habe - bis heute - in einem Gremium mit Stasi-Belasteten zu tun (inzwischen 82 "Fälle"). Da habe ich einmal zu früh gefragt: "Empfinden Sie denn da keine Schuld?" und verschloss damit seinen Mund.

MORGEN IST MONTAG

Was erwartet Sie?

Ein Frühstück - wie wir es seit Jahren so etwa sechsmal im Jahr praktizieren - mit einem ehemaligen hohen Schulaufsichtsbeamten (SPD!) und dann Besuch einer Kranken, Post vom Postfach holen und erledigen und Offenheit für alles, was kommt.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich arbeite u. a. an einem Referat im Januar in Frankfurt/M. über die sozialpolitischen Grundsätze von Prof. Nell-Breuning, deren Aufnahme in der Würzburger Synode (197l-75), im Sozialwort beider christlicher Kirchen heute, im neuen Wort der Deutschen Bischofskonferenz und deren Verhältnis zu den politischen Reformvorschlägen heute. Ufff! Und: Vorbereitung für die ökumenische Bibel-Woche meiner geliebten Pfarrei "Mater Dolorosa" Berlin-Lankwitz mit der hervorragenden evangelischen Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde. Thema: Hosea. Die beiden Pfarrer und ich haben je einen Abend zu gestalten. Freude!

Arbeit bedeutet mir . . .

. . . Forderung, Wirken dürfen, aber nicht letzter Lebensinhalt . . . Totale Tätigkeit scheitert. Aktion lebt aus Besinnung, aus Meditation. Auch wenn ich nicht mehr arbeiten könnte, hat, so schmerzlich das sein würde, mein - und auch dein - Leben Sinn.

Wen möchten Sie diese Woche auf keinen Fall sehen?

Jeder Mensch ist Begegnung, auch wenn es mir manchmal nicht ganz leicht fällt.

Wo sieht man Sie nächstes Wochenende?

Um elf Uhr bei der Heiligen Messe und um 18 Uhr bei der Vesper in Alt-Lankwitz. Ansonsten werde ich viel lesen.

Hanna-Renate Laurien war in Berlin Schulsenatorin (1981-89), Bürgermeisterin und Stellvertreterin des Regierenden Bürgermeisters (1986-89) und Präsidentin des Abgeordnetenhauses (1991-95). Sie ist Vorsitzende der Vereinigung ehemaliger Mitglieder des Abgeordnetenhauses.