25 Minuten Stalin

Durch die Doppelfenster meines Zimmers im Hotel Novi Moskwa starrte ich mein Ziel auf der anderen Seite des Flusses an - den Kreml. Ich hatte meinem Berliner Redakteur versprochen, nicht ohne ein Bild von Stalin zurückzukommen, und hier stand ich nun, nur wenige hundert Meter vom Ziel meiner Wünsche entfernt.

Über dem Rand der Kreml-Mauer konnte ich Soldaten exerzieren sehen, das zackige Manöver einer leichten Geschützbatterie. Der Wind trieb Schnee vor sich her. Ich spähte durch meinen Sucher und fragte mich, unter welchem dieser verrückten Dächer Stalin wohl saß. Wie konnte ich die Hürden der Bürokratie und diese uneinnehmbaren Mauern überwinden? Wie konnte ich bei Stalin hineinplatzen? Ein Name kam mir in den Sinn und gab mir Hoffnung: Walter Duranty. Der gebürtige Brite war der Moskauer Korrespondent der New York Times. Ich war schon in seiner Wohnung gewesen und gastfreundlich empfangen worden. Ich war sicher, dass ich auf seinen Einfluss zählen konnte. Außerdem hatte ich Referenzen der New York Times. Duranty hatte sich von Anfang an für die Sache der Bolschewiken engagiert, und daher öffneten sich für ihn ein paar Türen, die für die meisten geschlossen blieben. Aber er war skeptisch, als ich mit meinem Anliegen zu ihm kam.

"Womit haben Sie Ihren Lebensunterhalt verdient", sagte er, "bevor Sie es zu Ihrem Beruf gemacht haben, ein Foto von Stalin zu bekommen?"

Ich gab ihm in ein paar hundert Worten einen Abriss meiner beruflichen Laufbahn. "Könnten Sie nicht zu Ihrem alten Job zurückkehren?", sagte er mit finsterem Gesicht. So viel dazu. Unglücklich ging ich zurück in mein Hotel. Um die Zeit totzuschlagen, schnappte ich mir eine Ausgabe des Berliner Tagblatts, wo mein Blick auf einen erstaunlichen Artikel fiel, der eindeutig nicht für russische Augen bestimmt war.

Er gab mir den entscheidenden Hinweis, legte mir den Coup zu Füßen. Die Schlagzeile lautete: "Stalin angeblich schwer krank - Gesundheitszustand verschlechtert sich zusehends - Deutscher Spezialist eilt in den Kreml". Ich war mir sicher, dass dieser Bericht nicht zutraf, und ich war mir genauso sicher, dass das Außenministerium einsehen würde, welchen Schaden solche Gerüchte der sowjetischen Kreditwürdigkeit zufügen würden, die 1932 nicht sonderlich gut war.

Außer Atem kam ich im Presseraum des Außenministeriums an. Das Glück war auf meiner Seite. Der diensthabende Beamte war Padolsky. Padolsky sah aus wie ein gelehrter Mönch. Er war völlig kahlköpfig und hatte einen wild wuchernden Bart. Er erinnerte mich an eine Sanduhr, die abgelaufen war. Aber er war ein lustiger Mann, und er kannte mich.

"Nun, Abbe, was ist los?", fragte er auf Englisch, eine der acht Sprachen, die er beherrschte.

Ich zeigte ihm die deutsche Zeitung mit der Nachricht, dass Stalin schwer krank sei. Er las den Artikel von vorne bis hinten, lehnte sich zurück und sah mir in die Augen. Er wusste so genau, was ich vorhatte, als hätte ich ihm meinen Plan schriftlich vorgelegt. Bevor er etwas sagen konnte, tat ich es.

"Ihr könntet hundert sowjetische Fotografen ein Bild von Stalin machen lassen und ihre Fotos ins Ausland schicken, und niemand würde glauben, dass euer Staatschef bei bester Gesundheit ist. Sie würden sagen, das Ganze sei ein bolschewistischer Trick. Aber wenn ich als Amerikaner ihn fotografieren dürfte ..." Ich sah ihn bedeutungsvoll an, und Padolsky erhob sich mit einem stillen Lächeln auf den Lippen, reichte mir die Hand und sagte: "Überlassen Sie alles mir. Im Namen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken danke ich Ihnen dafür, dass Sie uns vor dem Untergang gerettet haben."

Ich hörte nichts mehr bis zum nächsten Abend, an dem ich meinem Freund bei einem Bankett über den Weg lief, das dem Beginn der Touristensaison gewidmet war. Padolsky zog mich beiseite und flüsterte mir zu, dass der Kreml von meinem Vorhaben beeindruckt sei. Walter Duranty, der zuvor meinen Plan für verrückt erklärt hatte, sollte als Vermittler auftreten. Stalin schickte Duranty eine Botschaft, in der er fragte, wie ich mir die Fotos vorstellte, die ich machen wollte, und wie lange ich dafür brauchen würde, sie zu machen.

In Durantys Augen war ich auf einmal keine Nervensäge mehr, sondern ein Star, der kurz vor einem Triumph stand. Unsere Anspannung nahm zu, als wir darüber diskutierten, ob meine Antwort an Stalin auf Russisch oder Englisch (er konnte kein Englisch) erfolgen solle. Sowjetische Regierungsbeamte haben es gern, wenn man ihnen die Kenntnis einer Fremdsprache zutraut, und das gab für uns den Ausschlag. Duranty unterzeichnete den Brief, der auf Englisch geschrieben war.

Ich entschied mich für eine gewöhnliche Kodak, die mir bei vielen Gelegenheiten gute Dienste erwiesen hatte. Eine letzte Sorge: Wie konnte ich Stalin und sein Gefolge davon überzeugen, dass sich wirklich Blitzbirnen in meiner Tasche befanden, und keine Bombe! Fanatiker auf der ganzen Welt würden frohen Herzens sterben für die Publicity, ein Attentat auf Stalin verübt zu haben. Was sollte ich machen, wenn der Kreml mich in letzter Minute für einen Attentäter hielte? Nun ja, wir würden sehen.

Der Portier schob mein Paket mit den vierzig Blitzbirnen neben mich in den Wagen, und wir fuhren los. Ich wünschte mir so, die alte Bande von Mack Sennett hätte am Bordstein gestanden und mir zum Abschied zugewinkt - sie hätten ihre Freude an dieser halb komischen, halb ernsten Szene gehabt!

Der Genosse Heinz Neumann vom Außenministerium, den ich noch aus Paris kannte, wo er als Presseattaché an der Sowjetbotschaft gearbeitet hatte, war schlank, leicht gebeugt und hatte einen geschmeidigen Gang. Sein fuchsartiges Gesicht konnte sein Erstaunen darüber nicht verhehlen, dass Stalin sich schließlich doch von mir fotografieren lassen wollte. Widerwillig sagte er, er habe Stalins Sekretär versichert, dass ich vertrauenswürdig sei.

Auf halber Strecke zum Kremltor hätten wir fast eine breithüftige Bäuerin mit Kopftuch überfahren. Sie kam zur Fahrerseite des Wagens gelaufen und ließ den Chauffeur wissen, was sie von seinem Fahrstil hielt. Ich fragte Neumann, ob er den Eindruck habe, die alte Frau wisse, dass dies Stalins Wagen war.

Am Wallgraben des Kreml (in dem inzwischen ein Park angelegt worden ist) wurden wir von einem Bajonett angehalten. Neumann zog einen Passierschein für uns hervor; und wir wurden zu dem Rundbogentor in der dicken Mauer durchgewinkt, wo uns zwei weitere Bajonette den Weg versperrten. Diesmal wurden wir durchsucht. Ein Wachoffizier wurde herbeigerufen, und er erwog die Möglichkeit, dass es sich bei meinen Blitzbirnen um tödliche Bomben handelte.

Schließlich nahm die Wache Haltung an, und wir fuhren durch das Tor. Jetzt war ich im Kreml, im kommunistischen Allerheiligsten, der erste ausländische Fotograf, der je eine Verabredung mit dem Furcht einflößenden Einsiedler hatte, der darin lebte.

Was könnte ich mit meinen beschränkten Russischkenntnissen wohl zu ihm sagen? Sollte ich ihn mit "Eure Hoheit" anreden, wie ich es mal beim schwedischen König getan hatte, oder mit seinem Vornamen wie bei Jack Dempsey, als er Weltmeister aller Klassen war? "Nennen Sie ihn einfach Mr. Stalin", riet Neumann mir.

Die Fahrt vom Kremltor bis zu dem Palast, in dem Stalin arbeitete, dauerte eine Minute. Neumann wiederholte eine Bedingung, die er bereits vorher aufgestellt hatte: Ich dürfe auf keinen Fall bekannt geben, welches Gebäude das Stalins war, oder es auch nur beschreiben. Wenige der etwa tausend Menschen, die innerhalb der Kremlmauern Dienst taten, wussten, welche Fenster zu Stalins Arbeitszimmer gehörten!

Wir vier, der Chauffeur und der Zivilbeamte eingeschlossen, marschierten die Marmortreppe hoch, und jeder von uns trug einen Teil meiner Kameraausrüstung - wahrlich eine seltsame Prozession, die sich in den Palast hineinbewegte.

Schließlich kamen wir in ein geräumiges Büro, wo ich zwei Funktionären als "Miester Abbe, Amerikansy Fotografie" vorgestellt wurde. Neumann und ich wurden in ein weiteres Büro geführt, in dem sich Stalins Sekretär befand, ein kleiner, etwa fünfunddreißigjähriger Mann mit einem runden Gesicht. Er erzählte mir sofort, dass er selbst einmal hauptberuflicher Fotograf gewesen sei, und seine Finger hatten tatsachlich immer noch tiefbraune Flecken von der Entwicklerflüssigkeit. Inwiefern, fragte ich ihn, qualifizierte ihn sein Vorleben als Fotograf zum Privatsekretär eines Herrschers über 160 Millionen Menschen?

Er wich dieser Frage aus, indem er selbst eine stellte: Wo meine Kamera sei? Ich zeigte ihm zwei, meine kleine Kodak und eine andere auf ihrem Stativ und mit Blitzlicht. Er war fasziniert.

"Was?! Kein Rauch, kein Knall, keine Asche? Wundervolle Menschen, die Amerikaner!" Erst Jahre später erfuhr ich, wer dieser Mann war - Georgij Malenkow, der kurzzeitig Stalins Nachfolger werden sollte.

Plötzlich sah er auf seine Uhr. Sie machen sich besser fertig, sagte er. Es war fünf Minuten vor dem vereinbarten Termin um 17 Uhr.

Wir redeten miteinander, bis die große Glocke im Kreml-Turm fünf Mal dröhnte. Meine Stunde war gekommen. Stalin trug eine einfache graue, mit Außentaschen versehene Uniformjacke aus einem vorzüglichen Stoff, der wie Gabardine aussah, eine dazu passende Reithose und altmodische weiche Stiefel aus schwarzem Leder. Die Jacke saß perfekt an seinem Hals. Ich konnte ihn mir gut bei seinem Schneider vorstellen: Er machte keine Vorschläge, sah nicht mal in den großen Spiegel, ob ihm sein neuer Anzug passte. Beim Friseur wäre es vermutlich genauso.

Er hatte volles schwarzes Haar, das von einzelnen grauen Strähnen durchzogen war. Es stand ihm nicht wild vom Kopf ab wie bei den Hyde-Park-Revolutionären oder den Salonkommunisten. Er hatte nichts von einem Fanatiker an sich; seine ganze äußere Erscheinung brachte Kraft zum Ausdruck.

Pockennarben auf seinem Gesicht erinnerten daran, dass er mit einer tödlichen Krankheit gekämpft und sie besiegt hatte, und irgendwie entstellten sie ihn nicht.

Stalin fragte Neumann auf Russisch: "Warum will er mich fotografieren?" Dann wandte er sich, ohne eine Antwort abzuwarten, an mich: "Schnell, schnell."

Ich fühlte mich in meiner Fotografenehre gekränkt. Spontan rief ich aus, dass man kaum von mir erwarten könne, in fünf Minuten den Mann zu fotografieren, der mit einem Fünf-Jahres-Plan Russland industrialisieren wolle. Stalin spürte den emotionalen Gehalt meiner Worte und bat Neumann um eine Übersetzung.

Glücklicherweise sagte ihm mein lahmer Scherz zu, und er bot mir zehn Minuten an. Tatsächlich gewährte er mir letzten Endes fünfundzwanzig.

Stalins Augen waren eindrucksvoll. Meine Jahre als Fotograf hatten mich zu der Überzeugung geführt, dass die Augen fünfundsiebzig Prozent eines Gesichts ausmachen. Stalin hatte mich nur wenige Sekunden mit seinem Röntgenblick gemustert, aber ich hatte trotzdem den Eindruck, dass er mich gründlich erforscht hatte; die Negative waren bereits entwickelt und als Belege für später in seinem geistigen Archiv abgelegt.

In Stalins Augen sah ich seinen einzigen schwachen Punkt: die Furcht davor, für krank gehalten zu werden. Er war dreiundfünfzig und hasste alle Anzeichen körperlicher, geistiger oder moralischer Schwäche an sich. Er hatte sich nicht aus Eitelkeit damit einverstanden erklärt, sich von mir fotografieren zu lassen, sondern weil er der Weltöffentlichkeit durch das Medium meiner Kamera klarmachen wollte, dass seine Konstitution so kräftig war wie eh und je.

Ais ich Stalin in die entsprechende Position für meine erste Aufnahme bugsiert und meine kleine Kodak auf einem Stativ aufgebaut hatte, bekam ich einen Riesenschreck. Der Sucher an der Seite der Kamera fehlte! Ich drehte mich um und rannte aus dem Raum. Der Sucher musste im Nebenzimmer sein. Warum ich nicht als Attentäter auf der Flucht erschossen wurde, weiß ich bis heute nicht. Aber bevor irgendjemand auf einen solchen Gedanken kommen konnte, hatte ich mir den Sucher geschnappt und war wieder in Stalins Büro.

Stalin saß immer noch dort, wo ich ihn hingesetzt hatte, über seinem Kopf ein Porträt von Karl Marx, vor ihm auf dem Tisch Karaffen, Tintenfässer und Zigarettendosen.

Als ich den Sucher an meinem Fotoapparat befestigte, murmelte ich: "A-a-h!" Ich kann mich erinnern, wie Stalin mich nachäffte, "A-a-h!" sagte und laut auflachte. Ich winkte Neumann beiseite und verewigte Stalin für die Nachwelt.

Nach dieser Aufnahme aus der Distanz ging ich für einige Großaufnahmen näher an Stalin heran, während er sich mit Neumann unterhielt. Ich konzentrierte mich auf sein Gesicht, seinen Kopf und seine Hände, insbesondere auf seine linke Hand, die laut ärztlichem Attest "verkümmert" gewesen sein sollte und ihn daher vom Wehrdienst im Ersten Weltkrieg befreit hatte. Jedenfalls konnte ich nichts Abnormes an ihr erkennen.

Ich fragte Stalin, ob ich meine Fotos freigeben könne, ohne sie zu retuschieren. Seine Antwort bestand in einem amüsierten "Nitschewo" (das ist mir egal). Er bat auch nicht darum, die Kontaktabzüge zu sehen. Allerdings machte er mich darauf aufmerksam, dass wir fünfundzwanzig Minuten seiner Zeit in Anspruch genommen hätten. Neumann und ich sammelten rasch die leeren Filmdosen, die Kameras, Stative und Blitzbirnen ein, die über das ganze Büro verteilt waren.

Ich bot Stalin an, ihm einen Satz Fotos zu schicken, worauf er höflich erwiderte: "Spasibo" (Vielen Dank).

Als ich mich anschickte, den Raum zu verlassen, ging er zu seinem Schreibtisch zurück, ein einsamer Mann, der soviel Macht ergriffen hatte, dass er vom Rest der Menschheit abgeschnitten war.

Draußen fragte ich Neumann: "Hab ich irgendwas falsch gemacht?"

"Es gab Augenblicke", antwortete er, "da wurde mir etwas mulmig."

Vom 2. Oktober bis zum 9. Januar 2005 wird im "Museum Ludwig" im Kölner Museum Ludwig, Bischofsgartenstr. 1, unter dem Titel "Shooting Stalin" eine große James-Abbe-Ausstellung gezeigt. Öffnungszeiten und Eintrittspreise unter www.museum-ludwig.de oder Tel.: 0221/221 27380 oder -23468.