Gerhard Schulze

In der Not der Nachkriegszeit erfanden die Deutschen die "Schiebewurst". Wenn es einer Familie überhaupt gelang, eine Wurst zu ergattern, mußte sie rationiert werden. Jeder bekam pro Scheibe Brot nur eine Scheibe Wurst. Um diese Scheibe möglichst intensiv auszukosten, schob man sie beim Essen des Brotes mit den Zähnen bis zum letzten Bissen weiter. So hatte man sie schon eine Weile gesehen, gerochen und geschmeckt, bevor man sie schließlich mit geschlossenen Augen aß. Schnell kam dann den Deutschen die Kulturtechnik der Schiebewurst wieder abhanden; viele legten sich die Wurst bald doppelt und dreifach auf das Brot und aßen sie schließlich ohne Brot.

Bei der Schiebewurst gibt es einen Moment des reinen Glücks: die Ekstase des letzten Bissens, des Bissens mit der Wurst. Hier entsteht das Glück noch aus der Eindeutigkeit des Mangels heraus; es verlangt einem keine besondere Raffinesse ab. Die Schiebewurst: Das war ein Beispiel für Lebenskunst unter einfachen Bedingungen. Der Moment der Erlösung ist beseligend, aber kurz. Läßt er sich nicht doch irgendwie verlängern?