Heimweh und blinde Wut. Große Familien und kleine Gesten der Integration

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Uta Keseling

Arabische Torten sind eckig. Die Konditoren an der Sonnenallee bieten sie in allen Formaten an, weiß bestrichen mit Sahne oder grellgrün verziert mit Pistazien.

Arabische Torten sind eckig. Die Konditoren an der Sonnenallee bieten sie in allen Formaten an, weiß bestrichen mit Sahne oder grellgrün verziert mit Pistazien. Die Menschen hier schenken sich gern Süßes. Vielleicht, um den bitteren Beigeschmack Neuköllns zu lindern. Vielleicht, weil es zu Hochzeiten, Geburtstagen, Geschäftseröffnungen Tradition ist. Konjunktur haben hellblaue und rosafarbene Minitörtchen mit kleinen Zuckerpüppchen darauf. Sie werden gekauft, wenn ein Kind geboren wird. In Zeiten wie diesen kommen viele Kinder zur Welt.

Die Sonnenallee - ein Reißverschluß quer durch Neukölln, quer durch die unterschiedlichsten Kulturen. Am einen Ende war früher die DDR. Es folgt das ausdruckslose Betongesicht Westberlins. Dann wird es türkisch, in den Seitenstraßen folgen indische, vietnamesische, schwarzafrikanisch bewohnte Häuserblöcke. Am Wegesrand: Das größte Arbeitsamt Deutschlands. Mindestens eine suspekte Moschee. Eine der meistbeschäftigten Polizeiwachen. Und die Schule mit den derzeit schlimmsten Schlagzeilen - die Rütlischule. Kurz vorm Hermannplatz haben viele Ladenschilder nur noch arabische Schrift. So viel weiß man. Aber wer sind eigentlich die Menschen, die hier wohnen und arbeiten?

Youssef Bassal , 34, handelt mit Heimweh. Nicht, daß er Menschen damit schaden möchte. Er führt einen dieser Telefonläden, die billige Gespräche in alle Welt anbieten. In den Telefonzellen an der Nr. 36. verwandeln sich seine Kunden plötzlich für Minuten in ganz andere Leute. Sie wechseln Sprache, Tonlage, Gesichtsausdruck. Plötzlich haben sie Bilder und Gerüche und Farben im Kopf, die so weit weg sind von der grauen Welt der Sonnenallee, weiter weg als der Mond. Vielleicht sind die Telefonzellen solcher Läden deshalb immer aus grauem Sperrholz. Heimweh läßt sich nicht stylen. Bassal baut zur Zeit noch einen zweiten Laden auf - für Jugendliche. "Billard, harmlose Computerspiele, kein Alkohol, damit die Jungen nicht zocken gehen auf der Straße", sagt er und haut spaßeshalber seinen halbwüchsigen Cousins auf die Schultern, die gerade auf dem Heimweg von der Schule bei ihm vorbeigekommen sind. Sie gucken artig. Klar will Bassal an dem neuen Geschäft auch etwas verdienen. Doch die Erziehung der Jungen obliegt an der Sonnenallee älteren Brüdern, Onkeln oder Cousins wie ihm. Denn die Sonnenallee ist eine Männerstraße. Ja, natürlich gibt es auch Frauen - dazu später. Zu den angesehensten Männern zählen Boxer. Zwei davon arbeiten fast Tür an Tür, doch sie wissen es nicht. Einer von ihnen ist Detlef Koch , 56, zweimal Berliner Meister im Halbmittel- und Weltergewicht. Sein Geschäft, "Kochis Spezialhaus" an der Nr. 56, gibt es seit 41 Jahren, auch er hat es von seinem Vater übernommen. Manchmal hilft heute noch seine Mutter aus, sie ist 86. Koch tauscht und verkauft antiquarische Romanhefte und Bücher, Simmel, Konsalik, G.F. Unger. Im Zweitjob ist er, der früher Koch im Kempinski war, Ring- und Punktrichter. Der zweite Boxer ist so alt wie Koch damals, und auch er arbeitet in einer Küche. Issam Abdul Rahim , 25, ist Kickboxer. Im gelben Trikot steht er in der Pizzeria, die zum Lebensmittelgeschäft Azzam Hassoun gehört. Doch eigentlich steht er im Ring, immerzu, in seinen Gedanken, in seinem Träumen. Allein schon, damit kein Platz für Sehnsucht nach der Familie im Libanon bleibt. Rahim ist keiner von diesen Spaßhabern und Herumstehern, von denen die Sonnenallee so viele hat. Viele, die ihn umringen und mit ihm prahlen. Drei Jahre lang wurde er in Deutschland nur geduldet, trotzdem schaffte er es dreimal zum Deutschen Meister. Jetzt hat er eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, endlich, und träumt von Europa- und Weltmeistertiteln. 21 Kämpfe hat er in der Heimat schon gekämpft, war zweimal arabischer Meister. Er kam nach Deutschland, um Profi zu werden. Eines Tages kam die Polizei ins Übergangswohnheim und fand in den Schränken der anderen Bewohner Rauschgift. In seinem fanden sie diesen Gürtel: mit der riesigen, silbernen Schnalle. Danach bekam er ein Zimmer für sich allein. Wie gesagt, Boxer zu sein verschafft Respekt. Dabei gebührt der größte Respekt an der Sonnenallee eigentlich den Frauen. Solchen wie Aykut Fazilet , die seit eineinhalb Jahren "Sissy Braut- und Festmoden" an der Nr. 27 führt. Aykut Fazilet hat Modedesign am Letteverein studiert. Sie war die einzige türkische Schülerin in der Klasse. Viele ihrer Braut- und Abendkleider entwirft sie selbst. Aykut Fazilets Kunden sprechen meist arabisch oder serbokroatisch. Sie kennt inzwischen die unterschiedlichen Traditionen. In manchen Kulturen tragen alle eingeladenen Frauen weiß, in anderen, wie in Deutschland, wird nur die Braut weiß gekleidet. Manche ihrer Kunden geben sehr viel Geld für die Hochzeit aus, die als größter Tag im Leben einer muslimischen Frau gilt. Manche der Frauen, die Aykut Fazilet einkleidet, sind jedoch noch gar keine Frauen, sondern "Mädchen von 13 oder 14 Jahren". Das macht sie wütend. Was man dagegen unternehmen kann, weiß sie auch nicht. "Die Mädchen wollen es ja selber. Woher sollen sie auch wissen, daß es viel besser ist, mit dem Heiraten zu warten, bis man Mitte 20 ist?" Wenn Aykut Fazilet auf ihrem roten Samtsofa im Laden sitzt, leuchten die bunten Abendkleider in ihrem Schaufenster in der Nachmittagssonne manchmal plötzlich auf. Wie ein Hoffnungsschimmer. Einen solchen Schimmer verbreitet auch Nazik Balabanoglu . "Möchten Sie Bananen?", fragt sie die Leute, die an ihrem Lebensmittel-Supermarkt vorbeiströmen. Erst seit Februar hat sie diesen zusammen mit ihrer Schwägerin und deren Mann übernommen. Nazik Balabanoglu wohnt mit ihrem Mann und den drei Kindern ein paar Häuser weiter, über einer Pizzeria. "Aber die ist uns eigentlich zu laut. Vor allem im Sommer, wenn die Leute unten auf der Straße sitzen", sagt Nazik Balabanoglu. Ein großer Teil ihrer Kunden spricht türkisch, viele arabisch, der Rest deutsch oder jugoslawisch. Was die Leute hier am meisten geärgert habe, sagt ihr Mann Ergin, sei der Polizistenmord an der nahen Fontanestraße gewesen. Nicht nur wegen der grausamen Tat. Sondern wegen der maßlosen Respektlosigkeit, die die Menschen hier darin sehen. Nazik und Ergin Balabanoglu sind Deutsche. Ihre Eltern kamen in den 60er Jahren aus Anatolien. Hinter der Fleischtheke hängen einige Suren aus dem Koran, vorn klebt ein Plakat mit gebetsmühlenartigen Sätzen unter einer durchgestrichenen Flagge der Türkei: "Wir versichern, daß unser Geflügel aus Deutschland stammt. Wir versichern, daß unsere Eier aus Deutschland stammen..." und so weiter. "Das Schild ist wegen der Geflügelpest", Frau Balabanoglu lacht. Wenn man für Integration einen Grad "Normal Null" festlegen wollte, er würde hier liegen: im "Balaban Market", Sonnenallee, Deutschland. Ghassan Hassoun , 49, nennt seine Straße "arabische Allee". Stolz. Im Berlin-T-Shirt thront Hassoun über dem Schriftzug "Libanonfalafel" an der Nr. 40. Früher hatte er einen Blumenladen in Tempelhof, 35 Jahre lang. Im Imbiß helfen ihm seine drei Söhne, "alle helfen Baba", sagt Hassoun stolz; einer ist eigentlich Autohändler, der andere arbeitet bei einer Sicherheitsfirma. Die Imbisse an der Sonnenallee tragen einen tödlichen Kampf aus. Hassoun bietet "alles für ein Euro" an, er lacht, bitter, "wir machen die Preise kaputt, aber das ist besser als Hartz IV. 13 Imbisse gibt es allein an der Sonnenallee!" Einer seiner Söhne möchte unbedingt über die Rütlischule sprechen, die um die Ecke liegt. Die Lehrer der Schule hatten gesagt, die Söhne der Sonnenallee hätten keinen Respekt, zumindest nicht vor ihnen, und gefordert, die Schule zu schließen. "Der Staat sollte den Eltern mehr Freiheit bei der Erziehung geben", sagt Hassouns Sohn. Auch Dirk Weyer , 33, ist ein Sohn der Sonnenallee. Er führt das gleichnamige Blumengeschäft an der Nr. 51 in der dritten Generation. Weyer ist oben in dem Haus großgeworden, dessen Fassade ein riesiger Blumenstrauß ziert. Nach der Schule zog er eine Weile in einen anderen Bezirk, jetzt ist er wieder hier, in der ehemaligen Wohnung seiner Eltern - mit Frau und Kleinkind. Wenn auch in erster Linie, um Zeit zu sparen. Sein Arbeitstag geht von 6.30 bis 19.30 Uhr. Und auch er hat etwas über die Rütlischüler zu sagen: "Am Ende des Schuljahrs stehen sie bei mir immer um einzelne Rosen an. Damit bedanken sie sich bei ihren Lehrerinnen für das vergangene Schuljahr." - An der Sonnenallee wirken die schönen Geschichten um so faszinierender, je abstoßender die Kulisse ist. Weyer erzählt von Jugendfreunden aus unterschiedlichen Kulturen. "Wir haben auch mal darüber geredet, wie viel Respekt man vor seinem Vater haben muß." Vielleicht ist es einfach das. Dieses unaufgeregte Reden über Unterschiede. Dabei verliert sich das Gefühl der Fremde, je näher man sich kommt. Auf beiden Seiten. An der Sonnenallee gibt es einen Mann mit goldenen Fingern. So heißt jedenfalls sein Friseurladen an der Nr. 13, es ist eine direkte Übersetzung aus dem Arabischen, und wer hierher kommt, zu Toufic Al-Rifae , 38, wird auf arabische Weise bedient. Das bedeutet: Tee. Es bedeutet, daß die Herren im vorderen Teil rasiert werden - auch Deutsche kommen gern, um sich schmissige Koteletten oder einen Bart rasieren zu lassen, der, aus dem Arabischen übersetzt, "Ziegenbart" heißen würde. Toufic Al-Rifae ist Palästinenser. Er hat das Friseurgeschäft seit zwei Jahren. Wenn deutsche Kunden kommen, übersetzen die Praktikantinnen oder seine Frau, die im Hinterzimmer arbeitet. Dort geht es zum Beispiel um Hochsteckfrisuren, die unter Kopftüchern gut aussehen. Die Praktikantinnen wissen Bescheid, sie tragen selbst Kopftuch, die Chefin jedoch nicht. Die Ecke, wo Neukölln am schönsten brüllt, ist "Zum Ambrosius - gemütliche Ecke" an der Nr. 28. Täglich ab sieben Uhr geht der Kampf los: Bier, Schnäpse, Bouletten und Würste, alles für einen Euro. Die Gäste sind eine Familie. "Helmut, alter Stinkstiefel" schreit Rudi quer über den Tresen, Helmut singt dann das Westfalenlied und Achim küßt seinen Hund auf die Schnauze. Samstags und dienstags ist Tanztag im Ambrosius, dienstags kommen die Senioren. Wirt Walter Schlüter , 59, schiebt die einen Rollstuhl zur Tanzfläche, umarmt die nächsten und stellt dem übernächsten eine Suppe hin, die er noch essen kann ohne Zähne und mit zitternden Händen. Walter weiß, wo die meisten seine Gäste wohnen - oder ob sie überhaupt noch wohnen. Wenn im "Ambrosius" die Musik spielt, kann man dem zahnlosen Neukölln direkt in die Seele blicken, dann hält die Welt draußen an, die man von drinnen ohnehin kaum noch sieht durch all den Qualm und die gesprungene Glasscheibe in der Tür. "Die Tür bleibt so, das ist eben Kiez", sagt Walter dazu nur, "da wollte mal eener rin, war aber schon zu". Um 23 Uhr ist Feierabend im Ambrosius, wie in den meisten Kneipen und Imbissen der Gegend. Zu gefährlich. Die Wirte wissen, daß sie ab diesem Zeitpunkt weder Alkoholspiegel noch Aggressionen ihrer Gäste noch unter Kontrolle zu halten sind. Die Sonnenallee ist eine Straße der Widersprüche. Es duftet nach Minze und gebratenem Fleisch. Die Minze hat der 18jährige Azzam Azzam in die Auslage des Lebensmittelladens an der Nr. 54 gelegt: Frischgemüse aus Jordanien, Konserven aus Ägypten, Syrien, Libanon. Kunden stapeln Fladenbrote und Konserven auf den Ladentisch. Sie unterhalten sich. Das geht so: Sprechen die Alten, schweigen die Jungen. Sprechen die Männer, schweigen die Frauen. Azzam bedient alle höflich. Er arbeitet als Aushilfe im Laden seines Vaters Azzam Mansour. Das ist der Platz, wo er hingehört. Azzam gehört zu den glücklicheren Söhnen der Sonnenallee, weil er Arbeit hat. Die Arbeitslosigkeit hier liegt bei etwa 30 Prozent. Die Frage nach seinem "Traumberuf" treibt ihm einen fragenden Ausdruck ins Gesicht. "Hab' ich nicht", sagt er dann. Vor zwei Jahren hat er Hauptschule beendet. Seine Schule, die Thomas-Morus-Oberschule, hatte einst einen ähnlichen Ruf wie die Rütli-Schule, heute gilt sie als Vorzeige-Projekt. Azzam war elf, als er mit seinen Eltern aus dem Libanon kam. Er ist nie wieder dagewesen. Er kann nicht viel über sich erzählen. Nicht, weil er nicht will. Eher deshalb, weil er ein Leben im Plural führt: er hat sechs Geschwister, vier Brüder und drei Schwestern. Er ist der zweitälteste. Wenn er nicht zu Hause ist, steht er im Laden - oder unternimmt was mit Freunden. Alleine zu sein geht an der Sonnenallee nicht. "Es ist eine Straße, an der immer viel los ist", sagt Azzam. Einer der ganz wenigen, die hier wieder wegwollen, ist Medizinstudent Said Shalayel , 22, aus Gaza. Er jobbt zwischen deutschen Islambilderbüchern und bunten Wasserpfeifen im "Orient", Nr. 36. Er ist nach Deutschland gekommen, um Medizin zu studieren und als Arzt seinem Land zu helfen. "Wenn man gesehen hat, wie Bomben explodieren und die Schreie der Frauen gehört hat, die ihre Kinder vermissen", sagt er, "das kannst du nicht vergessen. Das bleibt in deinem Herz". Der Abend der Sonnenallee gehört den Typen in den tiefergelegten BMW, die mit wummernden Bässen durch die Straßen kreisen, als fänden sie keinen Ausweg aus ihrem einfältigen Leben. Von ihren Plänen will die Tagschicht der Sonnenallee lieber nichts wissen. Polizisten ließen sich ohnehin kaum noch blicken, sagen sie, schon gar nicht zu Fuß und nachts. Seit 1990 haben die Gewaltdelikte im Bezirk um 300 Prozent zugenommen. Der größte Teil der Jugendgewalt geht auf das Konto von Jungen aus fremden Kulturen. An der Sonnenallee gibt es Leute, die sagen: Daß arabische Kunden nur in Läden kaufen, wo es keinen Alkohol gibt und nur Verkäuferinnen mit Kopftuch. Daß alevitische Türken wegen ihrer gemäßigten Auffassung des Islams bedroht werden. Daß sich die einen über die anderen erheben: woher "Jugoslawen" so viel Geld haben? Warum Araber so viele Kinder bekommen? Und Muslime so umständlich und geschwätzig sind, die Deutschen so arrogant? An den Sonnenallee fühle man sich nicht wie in Deutschland: diesem Satz stimmen viele hier zu. Die einen mit Abscheu, die anderen mit Sehnsucht. Von Multikulti will niemand etwas wissen. Wie gesagt, die Sonnenallee ist ein Reißverschluß der Kulturen. Fragt sich nur, ob die Menschen hier die Kraft aufbringen, ihn zuzuziehen.