100 Hitlers für Mecklenburg

Als ich den ersten Hitler fertig hatte, ging es mir besser", sagt Günter Schumann.

Als ich den ersten Hitler fertig hatte, ging es mir besser", sagt Günter Schumann. Die kalte Morgenluft formt jedes seiner Worte zu einer Wolke Dampf. Es wurden dann "100 Hitler für Mecklenburg" - ein kreuzqueres Armausstrecken mitten auf dem Hof: "Weil es immer mehr als einen Hitler gibt."

Gleich nebenan steht Bill Clinton mit runtergelassener Hose, der Zigarre im Mund und zwei Fingern zum Schwur aufgestellt. Vor ihm kniet eine Frau mit großem Maul. "I had never sex with that woman", ist auf Bills Jacke zu lesen, "ich hatte nie Sex mit dieser Frau." Warum er das gebaut hat, fällt Günter Schumann auf Anhieb gar nicht mehr ein. "Ach ja, das war ein Zyklus zu den amerikanischen Präsidenten." Der andere, Georg W. Bush, hängt hinter der Wiese - "an den Eiern" im Gestrüpp. Mohammed Ali thront mit seinen fünf Metern wie ein Aufpasser dazwischen. Schaut auf Jürgen Sparwassers 1:0 gegen die Bundesrepublik Deutschland und allerlei anstößige Figuren, etwa zwei Polizisten beim analen Liebesakt. Einfach mit der Motorsäge in Baumstämme gesägt. In Mecklenburg herrscht seitdem Aufregung. Die Staatsgewalt fühlt sich beleidigt und schlägt zurück. Mit Verfassungsschutz und verdeckten Ermittlern.

Woserin in Mecklenburg. Ruckelpflasterstraßen, vielleicht 30 Häuser. Im letzten, unten am See, wohnt Günter Schumann. "Der verrückte Bildhauer", wie sie ihn hier nennen. Sein Hof steht wie in einer Schüssel, der Ackerboden wellt sich vom See weg aufwärts. Am Tor ein Schild: "Vorsicht freilaufende 2 Rottweiler". In Wirklichkeit streunt hier nur eine getigerte Katze. Wer würde überhaupt ungebeten einen Hof betreten, auf dem 100 Hitlers warten? Einmal sei jemand nachts gekommen und hätte einen geklaut, sagt Schumann. Manche Leute wollen auch einen kaufen. "Sie sind wohl Nazi, wa?" fragt Schumann dann immer. Einige antworten, sie würden sich nur für Geschichte interessieren. Schumann verkauft aber nicht. Sollen sie sich doch selber einen bauen.

Günter Schumann werkelt an einem Hubschrauber. Zwei lange Holzbretter versucht er oben anzunageln - die Rotoren. Ein charmant naives Modell, wie ein Spielzeug für Kinder. Es gibt jetzt keine große Leiter mehr auf dem Hof, sie ist im Hubschrauber verbaut. "Wir werden sie mit unseren ausgeklügelten Waffen, die sie sich nicht leisten können, solange bearbeiten, bis sie um Gnade winseln", malte Schumann mit weißer Farbe auf den Helikopter. Ein Zitat des US-Generals Westmoreland, Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte in Vietnam.

Schumann ist ein Opfer der Wirklichkeit. Sie fällt ihm vor die Füße, und er kommt nicht daran vorbei: "Ausdenken kann man sich so etwas ja nicht." Daß eine Soldatin etwa einen Gefangenen wie einen Hund an der Leine führt. Dieses von unzähligen Fotos bekannte Gespann steht bei Schumann lebensgroß in der Einfahrt. Gleich daneben liegt ein Gefangener mit Kapuze über dem Kopf im Schnee.

Das Kunstmagazin "art" schrieb zu dieser Figur, es sei die "anrührendste Darstellung der geschundenen Kreatur" und gesellte den Künstler in einem mehrseitigen Porträt zu den "Großen" der naiven Kunst. Schumann selbst, seit 1989 in der "Weltenzyklopädie Naive Kunst" gelistet, nennt sich einfach "Holzschnitzer". Man könnte ihn auch als Karikaturisten bezeichnen, der nicht mit spitzer Feder auf Papier, sondern mit der Motorsäge im Holz arbeitet. Zu DDR-Zeiten schnitzte er einen riesigen Holz-Hundertmarkschein. Auf denen prangte seinerzeit Karl Marx. Der doch wissenschaftlich bewiesen hatte, daß der Kapitalismus auf der Strecke bleibt und dann der Kommunismus folgt. "Geld wäre damit doch eigentlich überflüssig", stellte sich Schumann damals "vielleicht ein bißchen naiv" vor und wollte auf diesen Widerspruch zwischen Marxscher Lehre und der real existierenden DDR-Banknote hinweisen. Auch beim Nachbau der Fußballmannschaft des 1. FC Lok Leipzig glückte ihm ein feiner Fauxpas. Ein "Staatsauftrag": elf Spieler, 2,50 Meter hoch - die am Ende allerdings das falsche Trikot, nämlich das vom Lokalrivalen Chemie Leipzig und augenscheinlich die Frisur von Günter Netzer trugen. Schumann mußte noch mal ran, nachschneiden.

Nein, er wolle nicht provozieren, behauptet er. Darum ginge es doch gar nicht. Er sei auf der Suche danach, was er wirklich glauben könne und nicht nur glauben soll. Er wolle die Gesellschaft verstehen lernen, mit Eichenholz die Wahrheit ausloten. Er tut dies mit kindlichem Trotz. Eine manische Uneinsichtigkeit, als Folge eines früh erlebten Mißverständnisses: Als zehnjähriger Junge glaubte er, Stalin wäre ein Gott. Im Klassenzimmer hing sein Porträt: Genosse Stalin, in weißer Uniform. Dann starb er und der kleine Junge merkte verdutzt, daß sich die Welt trotzdem weiterdrehte. Auch ohne Gott. Irgendwann mußte ein Mitschüler den Genossen Stalin von der Wand nehmen. Günters Gott landete im Papierkorb, der Mitschüler trat ihn mit dem Fuß richtig tief rein. Die gleichen Erwachsenen, die ihm gesagt hatten, Stalin sei ein Gott, behaupteten nun, er sei ein Verbrecher.

Stalin steht natürlich auch bei ihm auf dem Hof. Noch ganz klein, ein erster Versuch. Er hält ein kleines Kind auf dem Arm. "Danke, Genosse Stalin für meine glückliche Kindheit", schrieb Günter auf seinen verlorenen Gott. "Der muß natürlich noch viel größer werden", sagt er.

So funktioniert das hier auf dem Hof. Die Dringlichkeit seiner Werke läßt sich ganz einfach in Metern ablesen. Groß sind zum Beispiel die beiden kopulierenden Beamten, wohl über zwei Meter, gleich hinter Stalin. Schumann nennt das Epos unumwunden "Die Arschficker". Es handelt sich bereits um die zweite Auflage. "Stark verbessert", sagt Schumann fachmännisch. Viel größer eben, mit Kondom und beweglich gelagertem Skrotum. Das Original stellte Schumann im Vorjahr vor dem Schweriner Regierungssitz wohl eher ab denn auf. Die Szene ist einer Schlagzeile nachempfunden, nach der in einer sächsischen Polizeischule eine Reinigungskraft in den Verkehr des dortigen Chefs mit einem Untergebenen platzte. Ausdenken kann man sich so was ja nicht. Die Polizei konfiszierte die anal verkehrenden Kollegen umgehend.

Die Beamten beim Verkehr bilden den vorläufigen Höhepunkt eines provokant-possierlichen Aufmüpfens gegen die Staatsgewalt, nun tagen die Gerichte. Es ging soweit, daß der Bildhauer nach eigener Auskunft für den "höchsten Kulturpreis, der in Mecklenburg vergeben wird" vorgesehen war: die Einlieferung in die Klapsmühle. Die zuständige Amtsärztin stand bereits bei ihm auf dem Hof, um ihn einzuweisen. Die Dame ist seitdem nicht zu sprechen. Staatsanwaltschaft und Landratsamt wissen von nichts. Schumann will, daß bei dem Rechtsstreit "zumindest Beamtenbeleidigung herausspringt". Zur Sicherheit schnitzt er bereits an einer dritten Auflage. Ein Polizist von über zehn Metern liegt bei Schumann schon angefangen auf dem Hof. Sollte er jemals stehen, müßte die Figur nach dem "Landes-Flugkontrollgesetz" eine Positionsleuchte an der Polizeimütze tragen.

Ohne das Holz bliebe nur der Schnapsladen oder die Klapse. Schumann muß sich eine Gegenwelt schaffen, um im Gleichgewicht zu sein. Sei es, wenn Polizisten im Winter einen Obdachlosen am Stadtrand von Stralsund zu Tode aussetzen oder in Erfurt ein Schüler sechzehn Leute erschießt. "Ich kann verstehen, wie sich der Junge gefühlt hat", sagt Schumann. Auch er flog mit 15 von der Schule. Schlagzeilen und Lebensgeschichten werden zu Holzarbeiten, genau wie die Streitigkeiten mit den vom sonntäglichen Sägelärm genervten Nachbarn. Die ihn verprügelten, und die Polizei schaute zu. "Pleite-Peters" und "Polizeirat Eichwitz" stehen dafür jetzt - ihre üppigen Phallen massierend - auf Schumanns Grundstück. Der dünnbeinige Riesenvogel mit der überproportionierten Vagina ist wohl die Amtsärztin.

Günter Schumann arbeitet seinen Ärger direkt in die Mecklenburger Einöde. Schnitzt und schnitzt, berauscht von der eigenen Schaffenskraft und blind vor den aufziehenden Problemen. Die Frau verzweifelte dabei. "Du weißt doch, daß die Welt schlecht ist. Warum mußt du sie dann auch noch hier auf den Hof stellen?" schimpfte sie. Dann war sie mit den Kindern weg und Schumann blieb allein, mit dem ganzen Elend der Welt auf seinem Hof. Er könne das alles nicht mehr sehen, sagt er. "Die Frage ist aber, ob ich damit aufhören kann. Ich mache ja weiter, trotz der Katastrophe." Er sägt jetzt an einem kleinen brennenden Mädchen und zwei Katzen. "Struwwelpeter", erklärt Schumann. Auch das Mädchen spielte mit dem Feuer und bemerkte trotz des Wehklagens der Katzen Mio und Mio nicht das nahende lichterlohe Unglück. Am Ende heißt es: "Verbrannt ist alles ganz und gar. Das arme Kind mit Haut und Haar."