Kleine Fluchten

Die Waschmaschine läuft. Ein Wischeimer steht im Weg. "Anne Tismer ist schon längst da", sagt man uns im Hof des Theaters.

Die Waschmaschine läuft. Ein Wischeimer steht im Weg. "Anne Tismer ist schon längst da", sagt man uns im Hof des Theaters. Der Backstage-Bereich, den wir durchqueren, ist unaufgeräumt wie eine WG-Küche in den achtziger Jahren. Als uns Anne Tismer lachend entgegenkommt, fällt uns als Erstes auf: Diese Frau hatten wir noch nie lachen gesehen. Das spitze Antlitz strahlt. Die Augen plinkern. Mit dieser berühmten Schauspielerin muß irgendwas vorgefallen sein. Etwas stimmt da nicht. Irgendwas ist da neu.

Ein Star und eine Königin, das war sie eigentlich. Als Ibsens "Nora" an der Berliner Schaubühne ging sie scharf mit dem Revolver auf den Ehemann los. In Kroetz' "Wunschkonzert", einsam auf weiter Bühne, ordnete sie ihr klägliches Single-Dasein bis zum tödlichen Schluß. Und als Lulu, blutgebadet, eine verletzte Männerjägerin, war sie die ätherisch-herbste Diva, die das deutschsprachige Theater der vergangenen 25 Jahre hatte. Anne Tismer: Eine Schaubühnen-Königin - und legitime Nachfolgerin von Jutta Lampe und Edith Clever. Und gerade das will sie jetzt nicht mehr sein?

Anne Tismer hat leise, wie es typisch für sie ist, ihren Abschied von der Berliner Schaubühne verkündet. Nach wie vor ist sie mit deren Leiter Thomas Ostermeier liiert. Doch gerade die Trennung von Beruflichem und Privatem falle ihr immer schwerer, sagt sie im Ballhaus Ost, wo wir sie treffen und wo sie jetzt ihre Zukunft sieht. Mit Anne Tismer sagt eine der Großen der Zunft dem Kurfürstendamm Ade. Wieder eine, möchte man sagen. Daß das Publikum sie nicht genug geliebt hätte, kann der Grund dieses Rückzugs nicht sein. Denn "Nora", "Wunschkonzert" und "Lulu", das waren die Renner im wuselig kleinteiligen Spielplan am Lehniner Platz - und sind es zum Teil noch.

Vor einigen Wochen hat Anne Tismer ihr eigenes Theater aufgemacht. In Prenzlauer Berg. Und schreit auf, wenn man sie scherzhaft "Theaterdirektorin" nennt. Das will sie nun gar nicht sein. Bei Prinzipalinnen, da denkt man in Deutschland noch immer an Ida Ehre in Hamburg oder an Ruth Drexel in München. Nein, so etwas ist nichts für den sehnigen Teamgeist und die auf Kollektiverotik setzende Anne Tismer. Eine Virtuosin des Verschwindens, eine Untergeherin fast, war sie schon oft.

Wegen "unflätigen Benehmens" wurde Tismer, die Scheue, 1983 in Bonn hinausgeworfen - sie hatte die Arbeit verweigert. "Ich hatte zu viele Rollen abgelehnt. Man hielt mich für arrogant, undiszipliniert, untragbar." Auch im Ensemble von Bochum und Stuttgart hielt sie es nicht lange aus. Tatsächlich riß Anne Tismer schon mit 17 von zu Hause aus. Lange Nächte in der Disco, so erzählt sie, waren mit einem geregelten Familienleben nicht länger vereinbar. Sie zog ins Hamburger Karolinenviertel zur Untermiete.

Dem Familiensinn hat das nicht geschadet. "Der sicherste Ort" sei für sie die Familie, bekennt sie. Berufliche Versetzungen ihres Vaters, eines Industrie-Managers, brachten es mit sich, daß Anne Tismer, in Versailles geboren, an verschiedensten Orten in Frankreich, Holland, Spanien und den USA aufwuchs. "Wir blieben immer zwei Jahre. Dann war es mit den Freundschaften wieder vorbei." Familie war ihre Karawane. Von ihren fünf Geschwistern wohnt eine Schwester heute im Kreuzberger Nebenhaus.

Auch im Ballhaus Ost spielt der Familiengedanke mit. Jeder soll hier tun, was er kann. Ob Kunst, Lesungen oder Theater, findet sich. Schon an die Schaubühne kam Anne Tismer im Jahr 2001, weil die Zusammenarbeit mit Schauspielerinnen wie Stefanie Eidt, Cristin König und Julika Jenkins sie anzog. Wenn sie davon mit schwerem Augenaufschlag erzählt, klingt das nach einer schmerzvollen Episode. Sie hat es dem Haus nie ganz verziehen, daß jene Schauspielerinnen gingen, als Anne Tismer dort angekommen war.

Das ist der Berliner Teil dieser Geschichte. Denn die Schaubühne, die Tismer zum Star machte, war immer das Königinnen-Lager unter den Berliner Theatern. Hier wurden Stücke für Jutta Lampe, für Angela Winkler oder Edith Clever gemacht. Das demokratische Selbstverständnis war eher Vorwand für den autokratisch gesonnenen Peter Stein. Mit ihm - wie mit vielen der großen Alten - hat auch Anne Tismer gearbeitet.

Mit Stein in Salzburg, mit Luc Bondy in Wien und irgendwann auch mit dem noch jungen Christoph Marthaler. Den Durchbruch erlebte sie in Matthias Hartmanns neonblauer Uraufführung von Botho Strauß' "Kuß des Vergessens" (an der Seite von Otto Sander). Es hagelte Hymnen. Doch gerade dieses Startum, wodurch sie der Schaubühne nach deren schlingerndem Neubeginn erstmals Bodenhaftung verlieh, behagte ihr nicht.

"Die Vereinsamung war groß", sagt sie über die tolle Nora. Brillant herauszukommen, ohne selbstbestimmt verantwortlich zu sein, diese merkwürdige Balance fiel ihr angeblich schwer. Kein Zweifel, daß sie "Hedda Gabler", den Erfolg ihrer "Nachfolgerin" Katharina Schüttler, gern gespielt hätte. Daß man es sie nicht tun ließ, verbitterte ihr manches. "Es gibt zahllose Rollen, die ich nie spielen möchte", meint sie. Weder Gretchen noch Luise, weder Lady Milford noch die Arkadina! Diese Rollen seien doch hauptsächlich von Männern geschrieben, die sich mit Frauen nicht richtig ausgekannt hätten. Also folgte der Einsamkeit auf der Bühne die berufliche Einsamkeit überhaupt.

Dabei machte die Neigung zur Querschlägerei Anne Tismer zu einer der modernsten, stachlig-attraktivsten Schauspielerinnen der Gegenwart. Als Unberührbare wirkt sie kühler, als Streßfigur anziehender als viele ihrer Kolleginnen. Einleuchtend, daß sie mit den Betrieben nicht dauerhaft klarkommen konnte. Schiller hält sie für schwer vermittelbar. Tschechow? "Fürchterlich langweilig", meint sie. Immerhin: Angesichts der Berliner Überversorgung mit "Kirschgärten", "Möwen" und "Drei Schwestern" hat eine solche Ansicht etwas durchaus Erfrischendes.

Von Shakespeare dagegen möchte sie alles Mögliche. Am liebsten die Männerrollen. An einer Hamlet-Idee werkelt man im Verborgenen. In Frischs "Mein Name sei Gantenbein", verteilt auf zwei Schauspieler, spielt Tismer demnächst die Titelrolle. Nicht im Ballhaus Ost, sondern im Hebbel am Ufer. Denn neben dem No-Budget-Projekt im Osten muß man halt irgendwo auch noch Geld verdienen. Und das HAU ist genau das Theater, welches Anne Tismer zur Zeit am meisten bewundert.

"Meine Antriebskraft ist: Ich will verschwinden", hat sie einmal gesagt. Leer werden, um mit neuer Arbeit wieder die Aggregate aufzuladen. Die Phase, in der sie sagen konnte: "Ich werde benutzt", hat Tismer jetzt für beendet erklärt. Freiheit: das Größte. Das will sie weitergeben. Um das zu vermitteln, hat sie auch ihre Tochter (aus ihrer Ehe mit dem Schauspieler Robert Hunger-Bühler) auf eine Waldorfschule geschickt. Und schwärmt naiv von der zwanglosen Bildung dort. Demnächst wird Tochter Okka 17 Jahre alt. Als Tismer selbst in dem Alter war, war sie erstmals ausgerissen. Da bedeutete Freiheit für sie etwas Dunkles, Unheimliches. "Das Schwierigste ist, mit der Freiheit umgehen zu lernen", meint sie.

Ihre Tochter hat übrigens entschieden, daß die beiden jetzt nur noch allein, ohne den Lebenspartner der Mutter, zusammen leben wollen. Ihr reichte es. Anne Tismer erzählt das lachend. "Wir wollen alle die Welt verbessern", schließt sie. Was soll ihr Theater in der Pappelallee uns also lehren? "Daß man nicht immer nach Gründen suchen soll", antwortet sie. "Im Theater kann man sein Leben ändern." Aber wie? "Indem man lernt, loszulassen."

An Anne Tismers kleinen Fluchten zeigt sich, wie schwer es ist, heutzutage eine große Schauspielerin zu sein. "Ich bin immer ausgerissen", bringt sie ihre zwanzigjährige Bühnenlaufbahn auf den Punkt. Und ist stolz darauf. Jetzt ist Anne Tismer im eigenen Theater angekommen. Damit sie auch da ausbrechen kann, hat sie die Verantwortung auf möglichst viele Schultern verteilt. "Gutes tun", heißt ihre neue Produktion. Für sich selbst hat sie Gutes zu tun versucht. Die Königin der Schaubühne ist abgehauen. Und sie wirkt wie befreit.

Ballhaus Ost, Pappelallee 15, Berlin-Prenzlauer Berg (U-Bhf. Eberswalder Straße), Vorstellungen von "Gutes tun" im Ballhaus Ost am 3., 4., 5. und 6. August