Der geheime Garten

Staub liegt in der Luft, auf dem Bürgersteig. Und bald auch auf den Schuhen, wenn man hier entlang geht.

Staub liegt in der Luft, auf dem Bürgersteig. Und bald auch auf den Schuhen, wenn man hier entlang geht. Es wird gehämmert und gesägt, eine Baustelle reiht sich an die nächste. Die Straßenbahn rattert vorbei, Autos poltern über das Kopfsteinpflaster, Geplauder und Geschirrgeklapper lärmt aus den offenen Fenstern der Cafés. Die Kastanienallee ist kein ruhiger Ort. Und auch kein grüner. Hier gibt es zwar Kastanien, die einst der Straße ihren Namen verliehen, aber sie reichen - kleingehalten durch Minniermotte und Asphalt - höchstens zum zweiten Stock. Umso mehr überrascht die kleine Oase, die sich hinter den meist noch unrenovierten Altbaufassaden an der Ecke Kastanienallee, Oderberger Straße verbirgt: der Hirschhof.

Von der Straße deutet nichts darauf, dass sich hier ein richtiger kleiner Park mit Spielplatz verbirgt. Nur Insider wissen, dass man zu ihm über eine Zufahrt in der Oderberger Straße 19 oder durch die mit Graffiti bedeckte Haustür der Kastanienallee 12 gelangt. Dahinter folgen drei charakterlose Hinterhöfe, dann eine weiße, niedrige Tür, hinter der man einen Heizungsraum vermutet. Doch stattdessen führt sie in den Hirschhof, ein verwunschenes Stück Grün, in dem die Kastanien noch bis in den Himmel ragen. Auch der Lärm ist nicht mehr zu hören. Als gäbe es hier irgendwo einen Schalter, den man von Straßenlärm auf Blätterrauschen gestellt hat.

Ein Park an diesem Ort ist an sich schon merkwürdig. Noch viel merkwürdiger aber sind die Trümmerblöcke, die über die Grünfläche verteilt und vor allem um den kleinen Spielplatz herum eingebettet sind. Ein steinerner Adler prangt auf einem, das Relief einer Säule auf einem anderen. In den Steinen, auf denen Kinder Sandkuchen backen oder versuchen zu balancieren, steckt Geschichte. Genau genommen die des Berliner Doms, sagt die Kunsthistorikerin Gabi Ivan, die den Hirschhof seit seiner Entstehung kennt.

Lange dachte man, die Steine seien Überbleibsel des 1950 gesprengten Berliner Stadtschlosses. Eine Annahme, die dem kleinen grünen Fleck ganze Busladungen von Touristen bescherten. Sie hatten es vor allem auf den inzwischen kopflosen Adler abgesehen, wollten das Tier fürs Fotoalbum abschießen. Irgendwann kamen wohl auch Fachleute und stellten fest, dass der Adler nicht vom Schloss kommen konnte, weil er die falschen Maße hatte.

Seit dieser Nachricht kommen weniger Touristen. Es hätte auch nicht viel gefehlt, dann hätten sie den Hirschhof ohnehin nicht mehr besuchen könnten, denn das bisschen Grün sollte verschwinden. Und fast hätte es den Hirschhof überhaupt nie gegeben. Denn die Lage direkt an der früheren Mauer war hochsensibel. Daher wollten die DDR-Behörden ursprünglich die Altbauten im Dreieck Kastanienallee, Oderberger Straße und Eberswalder Straße Anfang der 80er Jahre abreißen und stattdessen Plattenbauten errichten. Doch die Anwohner, viele Künstler darunter, wehrten sich, sagt Gabi Ivan. Und so wurden auf Initiative der Wohnbezirksausschüsse (WBA) einige verwilderte Hofgrundstücke zusammengelegt, um daraus einen kleinen Park zu gestalten. Der Bezirksrat soll das Vorhaben sogar mit einer Million Ostmark unterstützt haben.

So begann 1982 die Gestaltung des Hirschhofs. Seinen Namen verdankt er einem Hirsch, zusammengeschweißt aus Metallschrott, der über die Grünanlage wacht. Die Konstruktion ist ein Werk der Bildhauer Anatol Erdmann, Hans Scheib und Stefan Reichmann. Auch andere Künstler, die hier wohnten, setzten Marken: eine inzwischen abgebröckelte Sitzgruppe aus steinernen Früchten und Gemüse, eingelassene Fische und Fliesen in der Mauer, ein Indianerpfahl im Gras. Am eindrucksvollsten aber sind die imposanten Fassadenteile des Berliner Doms. Die Initiatoren hatten sie sich aus der Deponie an der Falkenberger Chaussee beschafft, erzählt Gabi Ivan. Zeugnisse der Berliner Geschichte, auf denen heute gesessen und geklettert wird.

Im 1985 eröffneten Hirschhof gibt es auch eine kleine Bühne für Konzerte, Kinovorführungen, Lesungen und Kinderfeste. Der Platz entwickelte sich schnell zu einem Geheimtipp, zu einem Treffpunkt der Underground-Kultur - und damit auch zu einem Dorn im Auge der Staatssicherheit. Es soll sogar eine meterlange Stasi-Akte "Hirschhof" gegeben haben.

Nach der Wende hatten die Hirschhof-Anhänger mit neuen Problemen zu kämpfen. Jahrelang mussten sie sich gegen Investoren aus dem Westen und deren Luxussanierungspläne wehren. Das Kürzel WBA stand jetzt nicht mehr für Wohnbezirksausschuss, sondern für "Wir bleiben alle". Zunächst hatte das Durchhaltevermögen Erfolg, der Bezirk sanierte den Hirschhof Anfang der 90er Jahre sogar für 50 000 Euro, allerdings ohne sich die Zugangsrechte zu sichern. Ein Fehler, wie sich 2004 herausstellte: Da versperrten die neuen Hausbesitzer nämlich die Zugänge zum Hirschhof.

Das Fleckchen Grün fiel in einen zweijährigen Dornröschenschlaf. Erst reichlich Protest erweckte ihn Ostern dieses Jahres wieder. Seitdem kann man sich im Hirschhof wieder auf geschichtsträchtigen Trümmern vom Trubel der Kastanienallee erholen. Wenn man den Weg dorthin findet.