Bub statt Revoluzzer

Typisch Schweiz: Selbst in Berlin thront sie in der Mitte der Mitte. Nämlich an der Kreuzung Friedrichstraße/Unter den Linden.

Typisch Schweiz: Selbst in Berlin thront sie in der Mitte der Mitte. Nämlich an der Kreuzung Friedrichstraße/Unter den Linden. Wie ein Zentralmassiv steht hier das Haus der Schweiz seit siebzig Jahren. 1936 wurde die Bastion der Eidgenossen eingeweiht, selbstbewußt markiert mit dem Schriftzug an der Fassade zu den Linden. Auch zu DDR-Zeiten stand dort immer "Haus der Schweiz". Es war allerdings nie ein Haus des Schweizer Staates, wohl aber der mächtigsten Schweizer Branche: Der Banken. Ihnen gehörte das Geschäftshaus durchgehend. Ironie der Geschichte: So präsentierte sich ausgerechnet die urkapitalistische Finanzwelt aus Zürich jahrzehntelang ganz unverblümt mitten im sozialistischen Ostberlin.

DDR-Ideologen konnten dennoch beruhigt sein. Schräg unter dem Schweiz-Schriftzug sorgte ja eine Tell-Figur für den Ausgleich. Der Freiheitskämpfer in Bronze thront an der Ecke im ersten Geschoß und wacht über die Kreuzung. Außerdem nährt diese Plastik bis heute den immer gleichen Irrtum. Sie stellt nämlich nicht Wilhelm Tell dar, wie alle denken, sondern Walther Tell, den Sohn des Schweizer Nationalhelden. Den, der nur seinen Kopf hinhalten mußte. "Tellebub" oder "Waltherli", wie die Schwyzer sagen. Ganz der Bruder Tell -bei genauem Hinsehen entpuppen sich allerdings Gesicht und Körper der Bronzefigur als allzu jugendlich. Ein kunstsinniger Passant sagt: "Das ist mehr ein Amor als ein Widerstandskämpfer."

Vieles deutet auf einen Trick hin, den die Erbauer des Hauses im Jahre 1936 anwandten. Weil die Nationalsozialisten keine Darstellung eines Aufrührers wie Wilhelm Tell dulden wollten, schwächten die Schweizer die Zurschaustellung ihres Selbstbewußtseins entsprechend ab: Unschuldiger Tellebub statt Revoluzzer. So konnte niemand etwas gegen die Tell-Plastik einwenden.

Diese Schummelei war allerdings auch die einzige Unbotmäßigkeit der Bauherren. Ansonsten paßten sie sich dem Baustil der Nazis an. So erhielt das Haus der Schweiz, das nach Plänen des Architekten Ernst Meier aus Appenzell errichtet wurde, seine Kolonnaden und darin die für die späten dreißiger Jahre typischen Gewölbe mitsamt grottenhafter Beleuchtung. Das ganze Bauvorhaben war ein notgedrungenes Arrangement mit den Nationalsozialisten. Die restriktive Devisenpolitik der Deutschen zwang die Schweizer gewissermaßen zu dem Bau. Bankhäuser aus dem neutralen Alpenstaat besaßen aus früheren Finanzgeschäften in Deutschland große Reichsmarkguthaben, die nun als "Sperrmarkbeträge" eingestuft wurden. Eine Transaktion auf Züricher Konten wäre mit riesigen Kursverlusten verbunden gewesen, die der deutsche Staat kassierte. Mit diesem Verfahren bereicherten sich die Nazis ja auch an den Vermögen von Auswanderern.

Also beschlossen die Schweizerische Bodenkreditanstalt, das Bankhaus Leu und die Schweizerischen Bundesbahnen im Jahr 1934, ihr deutsches Geld in Deutschland selbst anzulegen. Sie kauften das Grundstück Unter den Linden 24, damals war es noch Hausnummer 47, ließen das Geschäftshaus abreißen und errichteten für sich einen sechsgeschossigen Kontorbau. Das war eine markante Schweizer Aussage auf dieser illustren, eher wienerisch geprägten Ecke: Vis à vis lagen die schnörkelig verzierten Kaffeehäuser Kranzler, Victoria und das Café Unter den Linden, das frühere Café Bauer. 1936 eröffneten die Besitzer aus Zürich hier ihre Firmenrepräsentanzen, auch das Schweizer Verkehrsbüro zog ein.

Wie ein Bollwerk überlebte der moderne Schweizer Stahlskelettbau die Bombenangriffe, auf Fotos von 1945/46 steht er allein und relativ unversehrt da. Die Cafés gegenüber waren längst in Schutt und Asche gegangen. Das erste kulturelle Ereignis der Nachkriegszeit, das Unter den Linden stattfinden konnte, übernahm dann das Schweizerhaus 1946 mit der Ausstellung "Berlin im Aufbau".

Danach zogen die Ostberliner Sparkasse und die DDR-Außenhandelsbank ein. Das eher spröde Gebäude fügte sich perfekt ein in den neuen Charakter der Linden. Die Züricher Banker versuchten unterdessen, ihre Immobilie auf verlorenem Posten loszuwerden. Allerdings konnten sie sich mit der DDR nicht einigen, weil sie neben dem Verkaufspreis auch eine Ausfallentschädigung verlangten. Also blieb das Haus der Schweiz wohl oder übel in der Hand der Schweiz. 1990 dürfte man sich dazu im Zürcher Bankenviertel beglückwünscht haben.