Dämonisches Muttersöhnchen

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Kai Luehrs-Kaiser

Seinen Rehblick kennt man. Und fürchtet ihn beinahe. In dem Psycho-Thriller "Funny Games" von Michael Haneke (1996) sprengte Frank Giering auf brutale Weise ein bürgerliches Wochend-Idyll.

Seinen Rehblick kennt man. Und fürchtet ihn beinahe. In dem Psycho-Thriller "Funny Games" von Michael Haneke (1996) sprengte Frank Giering auf brutale Weise ein bürgerliches Wochend-Idyll. Wer es gesehen hat, vergisst es sein Leben lang nicht. Gemeinsam mit einem zweiten Killer-Bürschchen folterte er die Bewohner, gespielt von Ulrich Mühe und Susanne Lothar, grausam zu Tode. Im Terroristen-Film "Andreas Baader" erhielt er daraufhin die Titelrolle. Und kam vom Image des bürgerlichen Psychopathen kaum mehr los. "Ich habe mich immer gewundert: Ach, das sehen die in mir!", sagt er heute. Frank Giering ist das dämonischste Muttersöhnchen der Deutschen.

Er kann tückische Gemeinheit und aggressiven Ekel ausstrahlen. Doch eigentlich sind Frank Gierings Gesichtszüge weich. Am Berliner Savignyplatz - er wohnt um die Ecke - erscheint er noch feucht vom Duschen. Nach Rasierwasser duftend. Mit scheuem Augenaufschlag. "Wenn die Haare trocknen", meint er, "sehe ich aus wie ein Gorilla-Baby." Um sein Foto-Aussehen ist er rührend besorgt. Dass er zuweilen als "der deutsche James Dean" gehandelt wird, findet er nur "echt witzig".

Ist Frank Giering, dieses rabiate Mauerblümchen, etwa zum Nachfolger von Fritz Wepper im deutschen Fernsehen bestimmt? In der neuen Krimi-Reihe "Der Kriminalist", Freitagabends im ZDF, wechselt Giering jetzt vom Täter zum Ermittler. "Ich möchte auf der anderen Seite des Tisches sitzen", meint er. Als Assistent von Kommissar Bruno Schumann (Christian Berkel) ist ihm das Risiko, an solch einer Rolle hängen zu bleiben, durchaus bewusst. Zwanzig Jahre den Assi spielen? "Ich versuche, nicht darüber nachzudenken." Mit Gierings Aufstieg vom Kriminellen zum Kriminalisten bestätigt er jedenfalls, dass Täter und Jäger zuweilen aus ähnlichem Holz geschnitzt sind. Sehen die U-Bahn-Kontrolleure nicht auch meistens aus wie früher die Schwarzfahrer?!

Frank Gierings Werdegang begann nicht wohlgeordnet. Eher mit Abbrüchen und Enttäuschung. Das Scheidungskind aus Magdeburg spielte als Jugendlicher den Clown. "Ich habe mich immer gefragt, warum erkennt denn niemand, wie sensibel ich bin", sagt der heute 35-Jährige. Hellsichtig sprach er in Bochum zwei Rollen vor, die man ihn auch heute abnehmen würde: den wankenden Woyzeck und den wütenden Franz Moor ("Die Räuber"). Dennoch brach er die Schauspielschule ab. "Theater ist der falsche Maßstab für mich", weiß er jetzt. Er sei ständig kritisiert worden, dass "nicht groß genug" sei, was er mache. "Ich war bis zum Eignungstest nur drei Mal im Theater. Ich wundere mich, dass die Lehrer mich genommen haben." Ganz klar: Gierung war für den Film bestimmt.

In Babelsberg besuchte er die Filmhochschule, wurde aber auch hier nicht glücklich: "Ich persönlich würde komplett anders ausbilden, als es da geschieht." Man müsse den Mut finden, man selber zu sein. Das habe er dort nicht lernen können. Er floh wieder. So landete Giering beinahe als Quereinsteiger beim Film. Er sagt heute: "Bei mir würde jeder Schauspieler werden." Eine Weile noch spielte er Rollen am Staatstheater in Cottbus. Dann fand er in Michael Haneke seinen Meister.

"Vertrau dir selbst" sei die Devise von Haneke gewesen. Die ging auf. Die Bedrohlichkeit von "Funny Games" (zurzeit entsteht in Hollywood ein Remake des Films), erkannte niemand am Set. "Wir sollten nichts Bedrohliches ausstrahlen", erzählt Giering. "Sondern vor allem nett zueinander sein. Ich war nett." So wurde Frank Giering ein Killer zum Knuddeln. Gleich zwei Fan-Seiten im Internet streiten sich mittlerweile um die Frage, ob dieser Mann "absolut göttlich" ist. Oder nur ein Gesicht, das man "irgendwo schon mal gesehen" hat.

Seine Beliebtheit macht Giering an diesem Vormittag größten Spaß. "Es gibt Mütter und Töchter, die freuen sich auf mich", staunt er. Fan-Briefe hält er für ein gutes Ergebnis seiner Arbeit. Schon früher habe er immer nach der Vorstellung dieselbe Straßenbahn genommen, in der die Zuschauer nach Hause fuhren. "Ich habe immer gedacht: Ich will. Und deswegen habe ich kontinuierlich immer mehr gewollt." Als wichtigsten Augenblick seines Berufslebens bezeichnet er den Moment, als ihn sein Vater im Auto zur Schauspielschule fuhr und bei den Worten "Machs gut, mein Junge" in Tränen ausbrach. Ein Sentimentaler? Für Frank Giering war die Schauspielerei ein Ticket zur eigenen Persönlichkeit.

Der Junge, der schüchtern an einer Cola light nippt, wirkt privat immer noch wie kurz vorm Abtanzball. "Ich habe mich früher oft geschämt", stöhnt er. "Ich hab nie was gesagt. Mich immer versteckt. Ich war ein Frauenversteher und Kumpel-Typ." Ein Spätzünder also. "Mein erster Kuss kam mit 24", erzählt er freimütig. Richtig geändert habe sich daran bis heute nichts. Seit zwei Jahren habe er kaum noch Sex, plaudert er. Frank Giering: ein Womanizer, dem die Frauen fehlen. Wegen seiner Minderwertigkeitskomplexe, sagt er, sei er bis heute Single. "Melancholie nimmt viel Platz bei mir ein. Ich sehe das nicht negativ."

Dies Schillern zwischen Ernst und verhaltener Erotik, Selbstzweifeln und dem Wunsch groß rauszukommen, kam in zahllosen Filmen gut an. Von "Die Halbstarken" (neben Til Schweiger) bis zu Detlev Bucks "Liebe deine Nächste" wurde Giering zahllose Male besetzt. In Josef Haslingers "Opernball" spielte er einen jungen Nazi. Daneben war er häufig Gast von "Eva Blond", "Rosa Roth" oder dem "Alten". Giering verkörpert eine im deutschen Film derzeit einmalige Mischung aus treuen Augen und Traumata, aus jugendlicher Unbedarftheit und Amok-Lust. Frank Giering macht im Film stets vorbildlich wenig. Durch Zurückhaltung und Understatement zählt er heute zu den besten Filmschauspielern in Deutschland.

Dass er damit zufrieden ist, muss man nicht gleich erwarten. Rasch noch zählt er einige Schwächen auf, die ihn an sich selber stören: "Ich habe noch nie einen Preis bekommen", klagt er. "Zum Haarefärben fehlt mir das Selbstbewusstsein." Aber: "Meine Träume reichen inzwischen nicht mehr für meine Wirklichkeit aus." Er lebe ja seinen Traum. So hat sich Giering durch Erfolg selbstverwirklicht. Und das, obwohl er, als Fan von Action- und Horror-Filmen, nicht zur Zielgruppe der eigenen Filme zählt. "Darstellen zu dürfen, ist ein Gottesgeschenk", meint er noch. Und macht damit der Zweifel-Stunde an diesem Vormittag versonnen ein Ende.

"Irgendwann ziehe ich zurück nach Magdeburg", sagt er beim Abschied. Bis dahin dürfte es noch einige Zeit hin sein. Frank Giering ist der vielleicht zarteste Killer, den es seit Peter Lorre gab. Mit dem Wechsel ins Ermittler-Fach kriegt der Krimi Zuwachs an Dünnhäutigkeit. Bislang war Giering der liebe, wohlerzogene Gymnasiasten-Typ, der nur plötzlich ein Klappmesser aus der Tasche zieht. Jetzt, im "Kriminalisten", wirkt er wie ein Verlierer, der sich auf die Gewinnerseite verirrt hat. Ein Typ aus Deutschland eben: Geringes Selbstbewusstsein, gute Erfolgsquote. Wie das zusammengeht? Wo anders als in Berlin sollte man das ermitteln?!

"Der Kriminalist", ab Freitag, 8. Dezember, wöchentlich im ZDF (20.15 Uhr)