Die Männer hinter der Maske

Sie ergreifen Terroristen, stürmen Häuser, zielen mit Präzisionswaffen - das Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei.

Sie ergreifen Terroristen, stürmen Häuser, zielen mit Präzisionswaffen - das Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei. Der Fotograf Fabrizio Bensch durfte sechs Monate bei der Ausbildung zusehen. Er stellte fest: Wichtigste Waffen dieser Elite sind Ausdauer und Vernunft

Der Geruch, der ihnen später als Erinnerung bleiben wird, ist nicht nicht der Feuerqualm der Blendgranaten, mit denen sie geübt haben, nicht der beißende Schwarzpulverdampf. Es ist nicht das Aroma des heißen Metalls nach dem Schuss, nicht die feine Note des Waffenöls beim Reinigen danach.

Es ist der Schweiß.

Stumpf und kalt wie eine Wand hat er sie jeden Morgen empfangen, in der Übungshalle, wo sie gestern schon geboxt, gerungen und sich gegenseitig über die Schulter geworfen haben. Sauer ist er ihnen in die Augen gelaufen bei Dauermärschen und endlosem Klettern mit Gasmaske über Häuser und Hindernisse. Bitter schmeckte er, dieser Schweiß, wenn alles umsonst war. Nur neun von 18 Kandidaten schafften vergangenes Jahr diesen Ausbildungslehrgang der Polizei in Berlin, sechs zum Spezialeinsatzkommando (SEK) und drei zum Präsizionsschützenkommando (PSK) Berlin. In anderen Jahren waren es nur drei. Die Berliner SEK-Schule gilt als die härteste in Deutschland.

Es ist keine wirkliche Schule. Sie galt bisher als streng geheim. Weder wie noch wo die Ausbildung ablief, noch gar wer daran teilnahm, wurde publik gemacht. Erstmals ließ nun die Berliner Polizei einen Fotografen zuschauen. Über sechs Monate kam er oft mehrmals die Woche vorbei, "bis die Beamten mich gar nicht mehr wahrnahmen", sagt Fabrizio Bensch, 37, der in Berlin für die Presseagentur Reuters arbeitet. Am Ende hatte er 350 Bilder gesammelt. Ein Fotoalbum, das nur auf der ersten Blick aussieht wie das Drehbuch einer gruseligen "Tatort"-Folge. Die Bilder erzählen in Wirklichkeit von sehr harter Arbeit - an Waffen, an Körpern, aber auch an Seelen.

"Fighting City" heißt der Ort, an dem die SEKs trainieren. Eine Hinterlassenschaft der britischen Soldaten, die dort den Häuserkampf übten. Eine Stadt aus Rohbauten, ein Parcours aus Mauern, Gerüsten und Seilen, die immer wieder überwunden werden müssen, auf Zeit, im Team. Aus einer Wand schrauben sich Kufen in den Himmel - eine Hubschrauberattrappe, an der Abseilen geübt wird. Vier Männer schweben grazil in der Luft, wie ein Seiltanz. Das Schwierige dabei sei die Gleichzeitigkeit, sagt ein Ausbilder. Ein Wort fällt hier sicher hundert Mal jeden Tag: "Team". Immer nach dem anderen gucken. Niemanden hängen lassen: Pfadfindertugenden, Lippenbekenntnisse - in der Theorie. Nach 70 Kilometern Nachtmarsch, Schießübungen, einer Schlauchbootfahrt, nach Hause geschickt, dann doch wieder "nachalarmiert" - am Rande der eigenen Kräfte also, werde fast jeder zum verzweifelten Einzelkämpfer, sagt Polizeioberrat Frank Wuthe, Kommandoführer der SEK und PSK. SEKlern darf das nicht passieren. Wenn doch, sind sie raus. "Den ganzen Lehrgang über schauen wir, ob sich ein Beamter für das SEK eignet", sagt Wuthe. "Eignen" bedeutet hier weit mehr als nur gut zu schießen und schnell zu laufen. Fast nie geht es darum, einfach loszurennen wie die Helden im Film, sagt Wuthe.

Ein bisschen hört sich das an wie eine Mission - das ist es im Grunde auch: Die SEKs sollen Berlin vor Verrückten, Verzweifelten und Getriebenen schützen, die andere in ihre Gewalt bringen, mit Waffen, Sprengstoff und anderen Gefahren hantieren. Wichtigste Waffen des SEK: Vernunft und Taktik. Die Männer in den schwarzen Einsatzanzügen sind besser ausgerüstet als andere Polizisten, auch besser ausgebildet. Doch seit der Gründung der SEKs 1972 haben die Berliner im Dienst nur fünf Mal Waffen gegen Menschen eingesetzt, dazu einige Male gegen Kampfhunde. Und das bei rund 500 Einsätzen im Jahr.

Insgesamt hat das Kommando in Berlin vier Spezialeinsatzgruppen und zwei Präzisionsschützengruppen mit jeweils 15 Polizisten. Die Bewerber müssen bereits ausgebildete Polizisten sein, zwischen 25 und 32 Jahre alt, und schon einige Dienstjahre dabei. Einmal im Jahr findet ein Auswahlverfahren statt. Die Kandidaten werden von Ärzten und Psychologen begutachtet, es gibt Intelligenztests. Und danach folgen vier Tage lang Schieß- und Sportüberprüfungen, Rollenspiele und Interviews. Von 40 Kandidaten blieben 2005 jene 18 übrig, von denen letztlich nur neun die ganze Ausbildung durchhielten. Nur drei Frauen haben sich jemals beworben. "Sie scheiterten meist an den Kraftanforderungen", sagt Wuthe.

Die sechs Monate Basis-Ausbildung sollen die Polizisten an ihre Grenzen bringen, "damit sie wissen, was sie leisten können", so der Kommandoführer. Dazu dienen die "Belastungswochen". In der anderen Zeit trainieren die Männer Schießen, Jiu-Jitsu, Boxen. Und das Überraschen. Wie man Täter überrascht und überwältigt, wird in Häusern, in Autos, im Stockdunkeln, wird immer und immer wieder geübt. Dass Berliner SEKler so selten schießen, sagt Wuthe, liege daran. Deswegen fordert er von jedem Team, Einsätze genauestens zu planen und auszuwerten. Bei der Busentführung in Steglitz 2003 ließen sich die Beamten erst ein baugleiches Modell bringen, um die Erstürmung des echten Busses zu planen. "Jeder hat konkrete Aufgaben", sagt Wuthe, "z. B. als Rettungssanitäter".

Die Einheiten sollen zusammenhalten "wie eine kleine Familie". Sie rufen sich mit Spitznamen. In der Ausbildung gibt es sogar eine Art kollektives "Spielzeug": "Bill" heißt der Teddy des SEK. Seine Stoffhaut ist speckig vom vielen Herumtragen und Retten. Nicht alle Auszubildenden haben ihn gern. Er wiegt 50 Kilo. Von einer echten Familie unterscheiden sich die SEKler auch durch die schwarzen Gesichtsmasken. Der Identitätsschutz soll die Beamten vor der Rache der Verbrecher bewahren, denen sie eins zu eins gegenüberstehen.

Das SEK ist eine Elite ohne Gesichter und Namen. Und ohne Vergünstigungen. 150 Euro Gefahrenzulage, das ist alles. Und mit 40 droht den Beamten die Rückkehr zur Normalität, in die Dienststelle, die Uniform. Fast wie bei Spitzensportlern - nur dass die ihre Namen und Erfolge nach der Karriere zu Geld machen können. "Wir versuchen, die Kollegen auf die Rückkehr vorzubereiten", sagt Wuthe. Der Ausbilder neben ihm im Einsatzanzug lächelt vorsichtig. Die Eliteschule der Polizei ist auch eine Schule der großen Gefühle - Stolz, Ehre, Verantwortung. Die Männer müssen lernen, wie man sie im Zaum hält. Später bleibt ihnen nur die Erinnerung. An Schweiß, an Spaß. Und an gemeinsam verhinderte Katastrophen.