Bürgersteig mit Wampe

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Jörg Niendorf

In Sachen Schweinebauch hat Berlin viel zu bieten. Überall wimmelt es von Sonderangeboten, und jetzt im Herbst kommt auch der Berliner Linseneintopf mit Schweineschwarte wieder groß heraus.

In Sachen Schweinebauch hat Berlin viel zu bieten. Überall wimmelt es von Sonderangeboten, und jetzt im Herbst kommt auch der Berliner Linseneintopf mit Schweineschwarte wieder groß heraus. Und dann gibt es da noch die unzähligen Schweinebäuche auf der Straße. Auch sie sind typisch für Berlin: Die Granitplatten, über die die Stadt läuft. Ihre Trittfläche oben ist glatt geschnitten, die Unterseite aber nur grob behauen. Diese Partie ähnelt der Wampe eines Hängebauchschweins. Daher stammt der Name. Der eigentliche Bauch ist also gar nicht zu sehen. Aber er ist enorm praktisch: Mit ihm gräbt sich der zentnerschwere Stein in den Berliner Sand ein und fixiert sich gewissermaßen selbst. Gehwegplatten dieser Art gibt es nur in Berlin, vor allem in seinen Altbauvierteln. Allenfalls in Leipzig findet man noch großformatige Granitsteine auf den Trottoirs. Aber an die Dimensionen hiesiger Schweinebäuche reichen sie nicht heran.

"Üblicherweise sind die alten Berliner Bürgersteigplatten einen Meter breit", sagt Rainer Lemke, Leiter der Tiefbauabteilung im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Aber nur soviel haben alle gemein. Die andere Kantenlänge variiert: Es gibt nahezu quadratische Gehwegplatten, schmale Streifen oder riesige Rechtecke. Jede Platte ist einzigartig. Viele sind matt grau, manche schimmern rötlich. Kein Quader gleicht dem anderen.

Seit über einhundert Jahren absolvieren sie einen harten Straßeneinsatz, das hat Spuren hinterlassen. Viele haben abgeschlagene Ecken oder ausgefranste Kanten. Hier einen Rollkoffer hinter sich her zu ziehen, ist oft ein Balanceakt. Immer öfter sind Gehwege geflickt mit Asphalt oder mit modernen Kunststeinen im sturen 35-mal-35-Zentimeter-Maß. Oft läuft man heutzutage über ein Patchwork der Stile, gewarnt durch das Hinweisschild "Gehwegschäden". Aber trotz aller Schönheitsfehler gilt: Der Schweinebauch gibt am Boden den Ton an. Lemke fügt hinzu: "Wo er liegt, da liegt er gut." Nämlich unerschütterlich. Schwer genug ist es jedenfalls, ihn wegzustemmen. Dieses Leid kennen Bauarbeiter. Liegt er dann am Rande einer Straßenbaustelle, offenbart sich seine Wampe.

Der harte Stein schien wie geschaffen für die wachsende Metropole Berlin. Planer und Bauträger importierten den 600 Millionen Jahre alten "Granodiorit" im 19. Jahrhundert gleich hunderttausendfach aus der Lausitz und Schlesien. Der erste wurde 1824 vor der Weinhandlung Lutter & Wegner auf dem Gendarmenmarkt verlegt. Von da an lösten die Schweinebäuche die Pflasterungen mit Feldsteinen ("Katzenköpfen") ab. Um 1880 wurde das Bürgersteigdesign dann verfeinert. Die großen Platten wurden nun von Mosaikpflaster eingerahmt. Von "Bernburger Rogenkalk" zum Beispiel oder anthrazitfarbenen Basalten. Im Jugendstil entstanden sogar regelrechte Mosaik-Orgien. Heute bestechen sie dadurch, dass sich der Boden hier so verspielt aufwellt.

Das Prunkstück unter den Schweinebäuchen ist und bleibt das Modell Charlottenburg. Dieser Stein liegt auf der Hardenbergstraße, hat das doppelte Format und ist zwei Meter breit. So breit ist nicht einmal der sonst prachtvolle und gut erhaltene Granitteppich vor dem Berliner Dom, dem eigentlichen Paradestandort des preußischen Berlins. Ebenso wenig kann die Pflasterung im benachbarten Lustgarten mithalten. Die großen Steine glänzen wie frisch poliert und sind scharfkantig, aber sie sind schließlich neu, ebenso wie die im Regierungsviertel. Aus China wurden sie alle per Schiff hergeschafft. Schlesische Schweinebäuche, die es auch wieder gibt, haben im Preiskampf kaum eine Chance.

Alte Gehwegplatten, von denen viele auf den Bauhöfen der Bezirke liegen, werden nicht mehr wieder verwendet. Jedenfalls nicht auf Bürgersteigen. Sie müssten neu angeschliffen und zugeschnitten werden, um den Vorschriften für den öffentlichen Straßenraum zu genügen, heißt es in den zuständigen Verwaltungen. Und das sei schlicht zu teuer. Auch Denkmalschützer dürfen nicht mitreden, wenn es um die Gestaltung von Straßenbelägen geht. Die Sicherheitserfordernisse gehen vor. Meistens werden die Granitplatten daher an die Gartenbauämter übergeben. In Grünanlagen sind die Vorschriften lockerer, die Steine können hier ohne kostspielige Generalüberholung verwendet werden.