Hellersdorf: "Zirkus is' nich'"

Sein Kopf wirkt groß, sein entschlossener Gang zu erwachsen für einen so kleinen Jungen.

Sein Kopf wirkt groß, sein entschlossener Gang zu erwachsen für einen so kleinen Jungen. Mit der kleinen Schwester an der Hand eilt Dominik zur Straßenbahn. "Bleib stehen", weist er die Kleine im Mutti-Tonfall an, "oder willst du überfahren werden". Ein Ziel haben die Kinder nicht. Sie fahren einfach rum, ohne Fahrschein, erklärt Dominik. "Ich sag' dann, ich bin erst fünf. Meine Mutter hat eben nicht so viel Geld, die Gläschen für meinen kleinen Bruder kosten ja auch viel." Neulich, erzählt Dominik, habe seine Schwester die Notbremse gezogen, das gab vielleicht Ärger. "Wenn du das wieder machst, knall' ich dir eine", droht er, um dann sorgfältig darauf zu achten, dass das Mädchen sicher in die Tram steigt.

Berlin-Hellersdorf, im Sommer 2006. Dunkle Wolkengebirge über Hochhausschluchten. Dramatische Musik. Zunächst wirkt ein bisschen dick aufgetragen, was sich kurze Zeit später zum wirklichen Drama steigert: wie ein kleiner Junge seiner alleinerziehenden Mutter hilft - helfen muss - durchs Leben zu kommen. An manchen Tagen fährt er mit der Schwester ins Kinderzentrum "Arche". Dort darf er wenigstens ab und zu selbst mal Kind sein. "Mama, du hast lecker gekocht", sagt Dominik zu seiner Mutter. Die steht rauchend im Wohnzimmer mit Blick auf den strampelnden Säugling und antwortet leise: "Das freut mich". Es klingt unendlich traurig.

40 Minuten ist "Zirkus is' nich'" lang, sechs Wochen haben die Dreharbeiten gedauert. Ein Jahr lang hat Astrid Schult, auch sie von der Filmakademie Baden-Württemberg, dafür den Kontakt zu der Familie aufgebaut. Zunächst ohne, dann mit Kamera ging sie zum Zahnarzt, zur Schule, zum Spielen mit in die "Arche". So sind quälend genaue Bilder entstanden, die erklären, wie die Spirale der Armut funktioniert. Hausaufgaben vorm Fernseher, ein Achtjähriger, der in Mathe bei "Sechs mal Zwei" den Kopf auf den Tisch sinken lässt, eine Lehrerin, die einfach wegguckt. "Ich will nicht, dass meine Kinder später so werden wie ich", sagt Dominiks Mutter an einer Stelle. Zuvor hat sie geschildert, wie ihr eigenes Leben verlief. Die Stärke der Dokumentation liegt darin, dass sie nicht anklagt. Sie weckt eher Verständnis, Mitgefühl - und Hilflosigkeit.

Anfangs habe sie bei Streit und schwierigen Situationen eingegriffen, statt mit der Kamera "draufzuhalten", sagt die 27-Jährige Regisseurin, "aber man muss sich zurückhalten, um zu zeigen, was und wie es passiert. Es ist ähnlich wie bei Filmen in Krisengebieten." Krisengebiet Familie: In der Schlüsselszene des Films geht es um einen Zirkusbesuch. Dominik will unbedingt hin. Schreien, Heulen, endlose Verzweiflung. Die Mutter gibt nach. Die kleine Familie marschiert samt Kinderwagen und kleiner Schwester zum Zirkus. Dann das Drama: "Heute keine Vorstellung". Fassungslosigkeit. "Kannst du nicht lesen? Zirkus is' nich'", kommentiert Dominiks Mutter. Der Schrei, den der Junge in die gigantische Leere zwischen den Hochhäusern hinausbrüllt, wirkt fast erleichternd - auf den Zuschauer. Doch Dominiks Leben geht weiter. Zurzeit bemühten sich Sozialarbeiter und die Mutter um eine bessere schulische Betreuung für Dominik, sagt Astrid Schult. Dann sagt sie noch, dass sie die Familie gern vor allzu viel Medienrummel bewahren möchte. Das wird schwer werden. Schon jetzt haben WDR und ARD Interesse an dem Film angemeldet.

"Zirkus is nich", 14. Februar: CinemaxX 3 19 Uhr, 15. Februar: Colosseum 1 13 Uhr, CinemaxX 20.30 Uhr

Uta Keseling