Ein Schornstein für Reiche

Berliner Schornsteinfeger müssen mit vielen Treppen kämpfen. Auch mit einer, die es nur hier gibt und die spezielle Tücken birgt: der Schornsteintreppe.

Berliner Schornsteinfeger müssen mit vielen Treppen kämpfen. Auch mit einer, die es nur hier gibt und die spezielle Tücken birgt: der Schornsteintreppe. Das ist ein Kamin, der nicht senkrecht hinabführt, sondern in Stufen. Daher verursacht er gern "Haker". Dann bleibt das Kehrgerät in einer Windung oder an einer Stoßfuge auf einem abgeschrägten Schornsteinstück hängen. Entweder lassen sich Kugel und Bürste mit Fingerspitzengefühl wieder freiziehen oder aber mit einer zweiten Leine. Beides soll nicht ganz leicht sein. Diese Eigenart der verwinkelten Schornsteine gehört zum Ersten, was Fegerlehrlinge auf Berliner Dächern kennenlernen. Im Lehrbuch finden sie die Besonderheit unter dem Stichwort "Kochherd-Schornsteingruppe, Berliner Bauart".

Man könnte auch "russische Treppe" sagen. "Früher wurden diese Gruppen von schmalen Kaminen nämlich russische Schornsteine genannt", sagt Reiner Raeder, Technik-Fachmann bei der Schornsteigerfeger-Innung. Im 19. Jahrhundert, als Berlin zur Mietskasernenstadt heranwuchs, wurde die Bauweise der schlanken, kleinvolumigen Kamine aus Osteuropa in die deutsche Hauptstadt importiert. Das war platzsparend, außerdem war der Abzug in den engeren, langen Röhren viel besser als in den bis dahin gebräuchlichen dicken preußischen Kalibern. Mit effizientem Heizen kannte man sich im kalten Osten notgedrungen gut aus. "Da haben die Einwanderer ihre bewährte Technik gleich mit eingeführt", sagt Raeder. So wurde das einst übliche Schornsteinmaß von zehn Zoll, das 27 mal 27 Zentimetern entspricht, abgelöst vom kompakteren Standardmaß von 14 mal 20 Zentimetern. Ein schönes Stück Migrationsgeschichte.

Die russischen Röhren ließen sich besser in die Statik der immer größer werdenden Wohnhäuser integrieren. Auch flexibler und unauffälliger. Und schließlich ermöglichten sie während des Baubooms ab 1871 eine weitere Neuerung, die ein großer Luxus war: Jede Wohnung erhielt in der Küche einen Kochherd mit einem eigenen Schornsteinzug. Das bedeutete Unabhängigkeit von den Nachbarn. Bei den alten Gemeinschaftsschornsteinen konnte man Pech haben und während des Anheizens in einen Abluftstau geraten. "Dann zog nichts ab, und man saß in einer verqualmten Küche", sagt Raeder. "Der neue Komfort sorgte dafür, dass alle am Morgen gleichzeitig ihr Kaffeewasser kochen konnten." Aus Kosten- und Platzgründen sollten die gekachelten Kochherde allerdings immer an der gleichen Stelle in der Küche installiert werden, vom Erdgeschoss bis in die vierte Etage. Das gelang, indem man ein verzweigtes System der Abgasrohre in den Schacht mauerte: Die unteren Kaminzüge werden auf ihrem Weg nach oben von Geschoss zu Geschoss weiter verschwenkt, um im Schacht Platz zu machen für die nächsten. So entsteht im Querschnitt ein Bild, das Orgelpfeifen ähnelt.

Alte Bauzeichnungen im Archiv der Innung illustrieren diese Treppen-Episode. Aber die Blätter geraten in Vergessenheit. Obwohl das Interesse an Baudetails groß ist, lockt das Kapitel der Kamine keinen Forschergeist hinter dem Ofen hervor. Obwohl Dächer und Schornsteine doch als ur-romantisch gelten. So scheren sich nur die 233 Berliner Schornsteinfegermeister und ihre Mitarbeiter darum. Zumindest die, die in der Innenstadt tätig sind, erleben täglich die eigentümlichen Kamintreppen. An manchen dieser Winkel-Kaminzüge in den Altbauvierteln hängen sogar noch die ursprünglichen Kochherde, sie werden in der derzeitigen Renaissance des Holz- und Kachelofenheizens wieder befeuert. Außerdem stellen sich manche Leute moderne Kaminöfen in die Küche. Der zuständige Schornsteinfeger kann dazu den Kochherd-Anschluss wieder freigeben.

Auf den Dächern sind die Berliner Unikate gut zu erkennen. "Die Kochherdgruppe ist die schmale Batterie von Schornsteinen auf der Hofseite", sagt Erhard Feller, der in Schöneberg kehrt und fegt. Klassischerweise hat die Gruppe fünf bis sieben Ausgänge. Schön in einer Reihe, nicht im Bündel. Und immer sind es die kleinen "russischen" Formate. Sie liegen auf der Rückseite der Häuser, weil die Küchen ja auch zum Hof hin ausgerichtet sind. Oft ragen die Schornsteine hoch über eine kahle Brandwandkante empor.

Wuchtig ist der dazugehörige Schornsteinschacht auch im Hausinnern. Bewohner von Altbauten kennen ihn nur zu gut. Das ist der oft mehr als ein Meter breite Mauervorsprung in der Küchenecke, der eigentlich immer im Weg ist, wenn eine heutige Standard-Einbauküche installiert werden soll. Nur in Hinterhäusern findet man die typischen Kochherd-Kamine kaum: Dorthin gelangte dieser Luxus der Gründerjahre nur selten. Die Kochstellen mit eigenem Abzug blieben ein Privileg für Vorderhausbewohner.