Kaffeeduft über Gräbern

 Gräber gucken kann man hier gut. Auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof in Schöneberg liegen nicht nur die Gebrüder Grimm begraben

Foto: Massimo Rodari

Gräber gucken kann man hier gut. Auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof in Schöneberg liegen nicht nur die Gebrüder Grimm begraben, der Pädagoge Adolf Diesterweg, Komponist Max Bruch und der Berliner Kaufmann Bolle, sondern auch Persönlichkeiten wie die selbsternannte Kabarett-Tunte Ovo Maltine, Schauspieler und Synchronsprecher Edgar Ott oder die Dichterin May Ayim, die sich nach der Diagnose Multiple Sklerose von einem Hochhaus in den Tod stürzte.

Auf dem historischen Friedhof zwischen Großgörschenstraße und Monumentenstraße stehen so einige kulturhistorisch bedeutende Grabmäler, die inzwischen denkmalgeschützt sind. Es gibt eine Kapelle, Beete, Blumen und einen Gedenkstein für die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 um Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Und ein Café, das "Finovo".

Bernd Boßmann eröffnete Ende vergangenen Jahres dieses erste Friedhofscafé Berlins. Vermutlich ist es sogar das einzige seiner Art in ganz Deutschland. Jedenfalls das einzige, das so detailverliebt und persönlich geführt wird. Seit der Eröffnung im September servieren Boßmann und seine Kollegen hier Milchkaffee und Selbstgebackene Kuchen und Torten. Die süßen Sachen backt eine Kollegin, Boßmann kreiert all seine Suppen und Liköre höchstpersönlich.

Bernd Boßmann verdiente bis dato sein Geld als Pfleger, Schauspieler und Akrobat. Auch jetzt tritt er manchmal noch mit seiner Gruppe, den "O-Ton-Piraten" auf. Bevor es das Café gab, hatte er eine Grabpatenschaft auf dem Alten St.-Mattäus-Kirchhof übernommen, war aber eher unregelmäßig dort. Bis ein guter Freund von ihm starb. Und eben dort begraben wurde.

Fortan ging Boßmann täglich zu dem kleinen Friedhof am Nordhang des Teltow. Kümmerte sich um die Gräber, lernte andere Menschen kennen, die ebensoviel Zeit dort verbrachten. "Man grüßte sich still, ging mit gesenktem Kopf aneinander vorbei", erinnert er sich. Und eines Tages fiel ihm das alte Verwalterhäuschen am Eingang der Anlage auf. Verwittert stand es da, Tag für Tag war er einfach so, wie viele andere Besucher auch, an dem kleinen grauen Gebäude mit Ziegeldach und Rundbogentür vorbeigegangen, ohne ihm weiter Beachtung zu schenken. Bis zu diesem Tag.

Die Besuche auf dem Friedhof waren mal traurig, mal schön, aber irgendetwas fehlte doch. "Ich malte mir aus, wie schön es wäre, zwischendurch mal gemütlich einen Kaffee trinken zu können, mit anderen Friedhof-Besuchern bei Gebäck und Kuchen zusammenzusitzen." Ein Café, direkt am Eingang des Geländes, das wäre eine tolle Idee, dachte Boßmann.

Er sprach mit Vertretern des Bezirksamts, schrieb ein Konzept und bekam schließlich den Zuschlag. Seine Ideen passten zu denen der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, den Friedhof zu dessen 150-jährigen Bestehen neu zu beleben. Jetzt gibt es neben dem Café auch einen Blumenladen, "Roter Mohn" heißt er. Dafür sind viele Kirchhofbesucher dankbar, im Übrigen auch für die Toilette.

Nach dem Unkrat jäten und Blumen pflanzen kann man sich im "Finovo" frisch machen, Durst und Hunger stillen, das Bedürfnis nach Wärme, Gesellschaft, Rast oder einen Moment innerer Einkehr stillen. Boßmann beobachtet seine Gäste oft, er hat das Gefühl, die Zeit im Café tut ihnen gut: "Ich sehe alte Damen, die allein am Tisch sitzen und plötzlich miteinander ins Gespräch kommen. Menschen, die eben jemanden zu Grabe getragen haben und einen Moment verweilen." Sie verlassen das "Finovo" gestärkt, vielleicht sogar weniger einsam. Inzwischen erreichen Boßmann Telefonanrufe aus dem ganzen Land. Menschen wollen seine Idee nachmachen, wollen auch ein Café für ihren Friedhof.

Zunächst klingt es seltsam, aber irgendwie passt das "Finovo" an diesen Ort. Es hat nichts Pietätloses, hier einen Kaffee zu trinken, mit Blick auf die Grabstätten. Und den Namen hat Boßmann bewusst gewählt: "Fin" für das Ende und "novo" für Neues. Er sagt: "Nichts endet, bevor nicht auch etwas Neues beginnt."