"Eigentlich ziehen wir jeden Morgen in den Krieg"

 Sie möchte anonym bleiben. Nicht, weil sie ihre Vorgesetzen fürchtet, sondern weil sie ihren Schülern gegenüber keine Schwäche zeigen will.

Sie möchte anonym bleiben. Nicht, weil sie ihre Vorgesetzen fürchtet, sondern weil sie ihren Schülern gegenüber keine Schwäche zeigen will. Sie würden es ausnutzen, sagt die Berliner Hauptschullehrerin. Sie berichtet von einem Klima aus einer Parallelwelt. Einer Welt voller Gewalt, in der die Lehrer an jedem Tag damit rechnen müssen, angegriffen zu werden und an ihrer Angst verzweifeln.

Berliner Illustrirte Zeitung : Wie sieht der Alltag in einer Berliner Hauptschule aus?

Die Lehrerin : Eigentlich ziehen wir jeden Morgen in den Krieg. Gerade die Kolleginnen kommen mit feuchten Händen, voller Aufregung und mit Herzrasen morgens in die Schule. Ich unterrichte seit 30 Jahren und in den letzten Jahren stelle ich fest, dass ich dem Ganzen nicht mehr gewachsen bin. Ich habe Ängste vor meinen Pausenaufsichten und Ängste, in bestimmten Klassen zu unterrichten.

Warum?

Man ist während der Pausen zum Beispiel permanent damit beschäftigt, darauf zu achten, dass nicht Schulfremde aufs Gelände kommen. Gleichzeitig belagern einen eigene Schüler, die die Schule verlassen wollen.

Es ist eine permanente Bedrohungssituation?

Es ist ein Spießrutenlauf. Man wird ständig beschimpft, meistens auf Arabisch oder Türkisch. Besonders für ältere Kolleginnen ist es unerträglich, ständig "Hure" oder "Ich fick dich" hinterhergerufen zu bekommen. Als ich jünger war, habe ich solche Schüler noch darauf angesprochen. Heute nicht mehr.

Das sind Beschimpfungen. Wie äußert sich die körperliche Gewalt?

Ich finde ja die ständige verbale Gewalt genau so schlimm. Das greift die Psyche an, aber natürlich gibt es Schläge und Bedrohungen. Auch mit Messern. Jede heftige Bewegung eines Schülers in der Pause oder im Unterricht, wenn jemand einen Stuhl umschmeißt etwa, empfinde ich inzwischen als sehr beängstigend. Jeden Tag holt ein Schüler aus und tut so, als schlage er zu. So herrscht eine ständige Atmosphäre von Angst.

Viele Kollegen erfahren körperliche Gewalt. Wie?

Wenn man kämpfende Schüler trennen will, ist das immer eine heikle Situation. Da richtet sich die Aggression dann schnell mal gegen den Lehrer, der dazwischen geht.

Würden sie sagen, dass ist der Alltag?

An vielen Hauptschulen ja. Wo der Anteil türkisch- oder arabischstämmiger Schüler hoch ist, ist Gewalt ein großes Problem. Oder wenn viele Schüler aus der ehemaligen Sowjetunion kommen. Da sind körperliche Auseinandersetzungen an der Tagesordnung. Es gibt verfeindete Gruppen, und es gibt Waffen. Wir brauchen Psychologen an den Schulen, wir brauchen Sozialprogramme, und wir brauchen mehr Männer an den Schulen, die den älteren Schülern körperlich gewachsen sind. Die ihnen ein bisschen Respekt einflößen. Für Frauen ist der Schulalltag besonders schlimm. Und Frauen sind in der Mehrzahl an der Hauptschule. Ihnen fehlt zum Teil schon bei Achtklässlern die Kraft, obwohl das eigentlich noch Kinder sind.

Kinder mit Waffen.

Das stimmt. Viele kommen mit Messern, mit Totschlägern und mit Stahlruten zur Schule. Sie haben aber kein Unrechtsbewusstsein und sagen, auf der Straße seien sie schließlich permanenter Bedrohung ausgesetzt. Die Waffen seien nur da, um sich zu schützen.

Und sie werden ohne zu zögern eingesetzt?

Auf der Straße werden die sofort gezückt. In der Schule gibt es zwar noch Hemmschwellen, aber die fallen immer mehr.

Was für Auswirkungen hat das auf die Kollegen?

Viele versuchen irgendwie aus der Schule rauszukommen. Und die letzte Möglichkeit ist immer öfter der Amtsarzt, der berufsunfähig schreibt. Viele Kollegen werden aber auch wirklich krank. Doch gerade Frauen sind auf volle Stellen angewiesen, weil ihre Pensionsansprüche so niedrig sind. Die können nicht einfach aufhören. Sehr viele erkranken aber an Krebs. Ich denke, dass dies auch an der andauernden psychischen Belastung liegt. Diese ständige Bedrohungslage, diese Frustriertheit macht auf Dauer einfach fertig.

Können die Eltern nicht helfen?

Die Eltern sind eher kontraproduktiv. Die drohen oft mit Rechtsanwälten, Polizei oder Gerichten, wenn man Maßnahmen gegen ihre Kinder ergreifen will. Schlimm ist aber auch, dass man außerhalb der Schule kein Verständnis für die Situation der Kollegen aufbringt.

Wie meinen Sie das?

Zum Beispiel lässt es sich nicht vermeiden, mit den Klassen die Schule auch mal zu verlassen. Bewegt man sich aber mit der S-Bahn durch die Stadt und die anderen Fahrgäste sehen, wie sich die Schüler benehmen, wie sie Herumgrölen, wie aggressiv sie sind, erntet man nur Blicke à la "Mit mir würden die das nicht machen". Wir geraten dann sowohl von Schülern als auch von Passagieren unter Druck. Das ist kaum auszuhalten. Da wird der Arbeitsplatz zur Hölle.

Woher kommt die Gewalt?

Die Kinder sind geprägt durch die Familie. Jedes Mitglied einer Hauptschul-Familie hat heutzutage einen eigenen Fernseher, dort sehen sich schon Sieben- oder Achtjährige alle Arten von Gewaltfilmen an. Von dem, was sie im Internet treiben, will ich erst gar nicht reden. Außerdem werden Konflikte mit Gewalt gelöst. Schlagende Eltern, Geschwister, Freunde sind keine Ausnahme mehr, sondern die Regel. Das prägt.

Warum wird die Situation an den Schulen so wenig öffentlich diskutiert? Warum wollen Sie anonym bleiben?

Früher war es so, dass die Schuleiter keine Öffentlichkeit wollten, weil der Ruf der Schule darunter leidet. Heute allerdings herrscht nackte Angst unter den Lehrerinnen und Lehrern. Dass bei ihnen was hängen bleibt, wenn sie über ihre Probleme reden. Man will kein Zeichen von Schwäche zeigen, weil die Schüler es höchstwahrscheinlich auch ausnutzen würden. Problematisch ist besonders die Situation der Frauen. Sie müssen oft an der Schule bleiben. Männer haben öfter die Möglichkeit zu wechseln, schaffen den Absprung. Frauen aber kämpfen jeden Tag einen Kampf, den sie nicht mehr gewinnen können

Das Gespräch führte Torsten Thissen