Honeckers Musterschüler

Als ich in der Schule der Freundschaft war, habe ich gedacht, dass ich im Zentrum des Universums bin, " sagt Clemens und presst den Spätzleteig in sprudelndes Salzwasser.

Als ich in der Schule der Freundschaft war, habe ich gedacht, dass ich im Zentrum des Universums bin, " sagt Clemens und presst den Spätzleteig in sprudelndes Salzwasser. "Wenn der Präsident Samora Machel unterwegs war, hat er uns Grüße gesandt. Ständig haben uns wichtige Persönlichkeiten besucht. Ich dachte wirklich, ich bin an einer Stelle, wo die ganze Welt auf uns schaut."

Es war kalt, als Clemens das erste Mal nach Berlin kam. Jedenfalls viel kälter als zuhause in Mocambique. 25 Jahre ist das her. Er war damals 13 Jahre alt, kletterte auf dem Flughafen Schönefeld aus dem Flieger und wurde mit dem Bus nach Staßfurt gebracht.

Dort war wenige Wochen zuvor, am 21. Mai 1982, ein Internat eröffnet worden - die "Schule der Freundschaft". 900 mocambiquanische Kinder sollten - so hatten es die Regierungen von Mocambique und der DDR abgesprochen - eine Schul- und Berufsausbildung erhalten und zu vorbildlichen sozialistischen Kadern herangebildet werden. Dies war der Grundgedanke der beiden Regierungschefs Erich Honecker und Samora Machel. "Alles, was die sozialistische Gesellschaft in der DDR an Erfahrungen aufweist, soll in den Köpfen der Schüler nach Mocambique mitgebracht werden."

Im September 1982 treffen 700 Jungen und 200 Mädchen aus Mocambique in Staßfurt ein. Sie sind zwischen 12 und 14 Jahre alt und jeweils die Besten ihres Jahrgangs. Wie sich bald herausstellt, ist die Schule der Freundschaft eine Art sozialistisches Kloster. Der Alltag ist militärisch straff durchstrukturiert. Jeder Tag beginnt mit dem Morgenappell. Streng wird auf Sauberkeit, Ordnung und Disziplin geachtet. Schließlich sollen die Schüler später einmal in jeder Hinsicht ein Vorbild sein, auch im Privatleben. Auf dem Gelände gibt es eigene Sportplätze, Freizeitklubs und Einkaufmöglichkeiten. "Das war wie eine kleine Stadt für sich", erinnert sich Clemens. "Und ringsherum war alles mit Zäunen und Mauern umgeben." Mit dem Alltag der DDR kommen die Jugendlichen praktisch nicht in Berührung. Stattdessen gibt es organisierte Kontakte mit der FDJ und sogenannten "Pateneltern", zu denen die jungen Afrikaner am Wochenende oder an Feiertagen gehen können. Clemens hat diese Begegnungen als ziemlich gezwungen in Erinnerung: "Zum Beispiel haben die sich nie gestritten, wenn wir da waren. Eine Tochter hatten sie, aber ich habe all die Jahre nie die Freunde der Tochter gesehen. Das war so, damit wir nichts Schlechtes von der DDR mitbekommen sollten."

Dennoch, alles in allem gefällt dem Jungen sein neuer Aufenthaltsort. Er braucht sich nicht mehr vor bewaffneten Überfällen zu fürchten. Es gibt jeden Tag genug zu essen. Im Rückblick findet Clemens allerdings, dass er und seine Mitschüler auf elementare Dinge nicht vorbereitet wurden. Etwa auf den Umgang mit ihrer Sexualität. Als beispielsweise seine damalige Freundin zum ersten Mal ihre Regel bekommt, ist sie völlig schockiert. Niemand hatte vorher mit ihr darüber geredet. Und als gar einige Mädchen schwanger werden, fallen Erzieher und Lehrer aus allen Wolken.

1986 beenden die Jugendlichen mit der 10. Klasse ihre Schulausbildung. Danach werden ihnen verschiedene Berufe vorgeschlagen, von denen man findet, sie seien wichtig für Mocambique. Persönliche Wünsche können zwar geäußert werden, sie zählen aber letztlich nicht. Clemens mit seinen guten Schulnoten möchte gern studieren. Aber das geht nicht. Stattdessen wird er zum Elektriker bestimmt. Er ist wütend. Der ehemalige Musterschüler beginnt zu rebellieren.

Und nicht nur er. Die Schüler sind inzwischen junge Erwachsenen geworden und drängen nach draußen. Sie wollen auch mal tanzen gehen und jenseits der FDJ-Kulturprogramme andere Jugendliche kennen lernen. Dabei erfahren sie zum ersten Mal, welche Neidgefühle sie auf sich ziehen. Niemand in Staßfurt weiß wirklich, wie die Afrikaner in der Nachbarschaft leben. Hartnäckig hält sich das - unzutreffende - Gerücht, die jungen Mocambiquaner verdienten Dollars und könnten jederzeit in den Westen reisen.

Immer öfter kommt es zu Reibereien zwischen DDR-Jugendlichen und den jungen Leuten aus Mocambique. Ende 1986 geht der Stasi ein IM-Bericht zu, in dem darauf hingewiesen wird, dass einige Staßfurter Jugendliche sich "die Vertreibung von Negern" aus dem lokalen Jugendklub zum Ziel gesetzt hätten. Die zuständigen Behörden reagieren auf diese ersten Alarmzeichen ausgesprochen hilflos. Anstatt mit den Staßfurter Jugendlichen zu diskutieren und deren rassistischem Weltbild offensiv entgegenzutreten, beschließt man die "unverzügliche Erhöhung der Attraktivität des Freizeitbereiches an der Schule". Man versucht also, die jungen Afrikaner - es leben inzwischen auch Kinder aus Namibia in der Schule der Freundschaft - wieder mehr auf dem Schulgelände festzuhalten. Aber das funktioniert nicht mehr. "Trotz Belehrung" verlassen sie immer wieder in kleineren oder größeren Gruppen "illegal (über den Zaun) das Objekt der Schule der Freundschaft", wie es in einem Stasi-Bericht heißt. Und immer häufiger kommt es zu Reibereien zwischen den einheimischen Jugendlichen und den jungen Mocambiquanern.

Einen schrecklichen Höhepunkt erleben diese Spannungen in der Nacht vom 19. zum 20. September 1987. Nach einem Disco-Besuch wird Clemens' Mitschüler Carlos Conceicao von deutschen Jugendlichen angegriffen, zusammengeschlagen und über ein Brückengeländer in den Fluss gestoßen. Seinem Freund gelingt es noch, die Volkspolizei zu alarmieren, doch die Rettungsaktionen kommen zu spät. Erst am nächsten Morgen finden Taucher seine Leiche. Zwar werden die Täter schnell gefasst und - unter Ausschluss der Öffentlichkeit - abgeurteilt. Aber das Hauptinteresse von Behörden und Schulleitung scheint zu sein, dass dieser Mord nicht bekannt wird: "Wir sollten darüber nicht weiter reden, fertig", erinnert sich Clemens.

Ironischerweise beschließt im gleichen Jahr das ZK der SED, die Schule der Freundschaft als "Internationalistisches Objekt der Volksbildung zur Unterstützung der Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen aus national befreiten Staaten und Befreiungsbewegungen" weiterzuführen. Offensichtlich betrachtet man das Experiment im Großen und Ganzen als erfolgreich. Bis zum Jahr 2001 wird vorausgeplant.

Dann beenden die ersten jungen Mocambiquaner ihre Berufsausbildung und kehren, wie geplant, in ihre Heimat zurück. Doch dort hat sich in der Zwischenzeit alles geändert. Samora Machel ist tot und Mocambique hatte sich der Marktwirtschaft geöffnet. Der Empfang, der den jungen Leuten aus der DDR in ihrer Heimat zuteil wird, ist daher alles andere als herzlich. Die meisten werden erst mal in die Armee gesteckt - zum Zwecke der Repatrialisierung, wie der offizielle Ausdruck lautet. "Da warteten gleich am Flughafen ein paar Lastwagen", berichtet Clemens. "Und die, die keine Verwandten hatten in der Nähe, die sie rausgeschleust haben, wurden in den Armeelastwagen gesteckt und in so ein Lager gebracht. Und da kam dann irgendein Instrukteur und fragte: Schule der Freundschaft? - Ja. - Na, wie war's denn in Deutschland? - Gut. - Hattet ihr auch weiße Angestellte? Oder eine weiße Freundin? - Ja. - Wer das gesagt hat, wurde geschlagen. Die wurden wirklich geschlagen, weil sie in Deutschland waren."

Clemens gelingt es, die Armee zu umgehen. Sein Bruder lässt Beziehungen spielen und sorgt dafür, dass er untauglich geschrieben wird. Aber mit seinem Abschlusszeugnis von der Schule der Freundschaft bekommt er nirgendwo einen Job. Zudem merkt er bald, dass seine Verwandten und er sich in all den Jahren völlig auseinander gelebt haben. Man redet aneinander vorbei, dauernd gibt es Streit. Als daher die DDR in seiner Heimatregion Vertragsarbeiter anwirbt, ergreift er diese Chance, um der fremd gewordenen Heimat zu entkommen.

Im Herbst 1989 landet Clemens zum zweiten Mal in Ostberlin. Er wird den Kabelwerken Oberschöneweide zugewiesen. Doch dort arbeitet er nur kurze Zeit, dann bricht die DDR zusammen. Clemens hat ein mulmiges Gefühl: Dies ist bereits das zweite Mal, dass er das Ende eines sozialistischen Systems erlebt. Aber nach einiger Zeit wagt er sich doch in den Westen. Dort macht er eine völlig neue Erfahrung, die er seither nie mehr missen möchte: "Man hatte das Gefühl, man wird gar nicht beobachtet, man ist einfach nur einer von Tausenden. Das war unglaublich."