Das Blut der Opfer

 Es sind vor allem zwei Ereignisse, die in den ersten Julitagen des Jahres 1901 die deutsche Öffentlichkeit erregen.

- Es sind vor allem zwei Ereignisse, die in den ersten Julitagen des Jahres 1901 die deutsche Öffentlichkeit erregen. Schauplatz ist in beiden Fällen die Ostseeinsel Rügen. Zum einen trifft die kaiserliche Jacht "Hohenzollern" unter Geleit von drei Kreuzern und vier Torpedobooten im Hafen von Saßnitz ein. Tausende begrüßen Wilhelm II. bei Kaiserwetter mit donnerndem Hurra. Rund 20 Kilometer Luftlinie entfernt davon kehren am Abend des 1. Juli die beiden fünf und sieben Jahre alten Söhne des Fuhrmanns Grabbert aus dem Seebad Göhren nicht vom Heidelbeerpflücken im nahe gelegenen Wald zurück. Eine eilig zusammengestellte Suchmannschaft findet die Kinder in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages. Die Leichen sind furchtbar verstümmelt: Köpfe und Gliedmaßen abgetrennt, die inneren Organe im Umkreis von 400 Metern verstreut, die Körper zum Teil gehäutet. Einige Leichenteile werden erst Tage später gefunden. In unmittelbarer Nähe der Toten liegt ein etwa faustgroßer, blutverschmierter Stein.

Das grausame Ereignis sollte die Lebensgeschichte zweier Männer miteinander verquicken, obwohl sie einander nie persönlich kennenlernten: die des 29-jährigen Tischlergesellen Ludwig Tessnow aus Stolzenhagen bei Stettin, der nach der Tat von Göhren unter Mordverdacht gerät mit der des Bakteriologen und Serologen Paul Uhlenhuth.

Tessnow, der im Göhrener Nachbarort Baabe arbeitet, ist von mehreren Zeugen in der Nähe des Tatortes beobachtet worden. Eine Obsthändlerin will sogar gesehen haben, wie Tessnow die Kinder ansprach. Außerdem ist seine Kleidung übersät mit bräunlich-roten Flecken und Spritzern. Tessnow allerdings gibt die Flecken als Tischlerbeize aus - eine Substanz, mit der Schreiner tagtäglich zu tun haben. Der Verdächtige, laut "Greifswalder Zeitung" (GZ) vom 7. Juli 1901 "eine Bestie in Menschengestalt, mittelgroß, schlank, dunkelblond, mit tief liegenden Augen und einer Galgen-Physiognomie" wird ins Gerichtsgefängnis Greifswald gebracht, wobei die Polizei alle Mühe hat, aufgebrachte Gaffer davon abzuhalten, ihn an Ort und Stelle zu lynchen.

Die Voruntersuchung gegen Tessnow bringt noch ein Detail an Licht, das den Verdacht zumindest nicht von ihm ablenkt: Schon einmal stand er unter dem Verdacht des Doppelmordes. Am 9. September 1898 waren zwei sieben und zehn Jahre alte Mädchen in Lechtingen bei Osnabrück in ähnlicher Weise wie die Grabbert-Söhne abgeschlachtet aufgefunden worden. Das "Osnabrücker Tageblatt" war überzeugt, "dass nur ein von Blutdurst oder von Wahnsinn befallener Mensch" als Täter in Frage komme. Die Polizei nahm Tessnow, der sich in der Gegend auf Wanderschaft befand, fest. Auch damals wies seine Kleidung zahlreiche Flecken auf, auch damals erklärte Tessnow, es handele sich um Tischlerbeize. Er beteuerte seine Unschuld und musste schließlich auf freien Fuß gesetzt werden: Es bestand keine Möglichkeit, zu beweisen, dass es sich tatsächlich um Blutflecke handelte.

Genau das allerdings hatte sich nun, nach den Morden in Göhren, geändert. Denn Paul Uhlenhuth hatte in der Zwischenzeit eine verlässliche Methode zur Untersuchung und Identifizierung von Menschenblut entwickelt.

Seine Ergebnisse veröffentlichte Uhlenhuth, der am Hygieneinstitut der Universität Greifswald arbeitete und zuvor als Assistent des weltberühmten Arztes Robert Koch tätig gewesen war, am 7. Februar 1901 in der "Deutschen Medizinischen Wochenschrift" in dem Aufsatz "Eine Methode zur Unterscheidung der verschiedenen Blutarten, im besonderen zum differentialdiagnostischen Nachweise des Menschenblutes". Er hatte herausgefunden, dass Kaninchen, denen man Kuhmilch einspritzte, im wässerigen Teil ihres Blutes, dem Blutserum, einen Abwehrstoff gegen das fremde Eiweiß bildeten. Wenn man dann das Serum mit Kuhmilch vermischt, entsteht durch diese Abwehrstoffe ein trüber, flockiger Niederschlag. Das Milcheiweiß wird "ausgefällt". Wegen der "fällenden", sprich niederschlagenden Wirkung bezeichnete der Forscher die Abwehrstoffe als "Präzipitine". Uhlenhuth erkannte außerdem, dass Kaninchenserum, welches sich durch Injektion von Hühnerblut gebildet hatte, auch das Eiweiß im Hühnerblut "fällte." Uhlenhuth musste jedoch noch wochenlang weiterforschen, bis er ein Kaninchenserum gewann, das nur auf Menschenblut reagierte. So war es möglich geworden, Blutflecke, egal ob uralt oder frisch, nicht nur als Blut zu identifizieren, sondern auch den entsprechenden Tierarten - oder dem Menschen - zuzuordnen.

Uhlenhuths Schriftstück stellte die gesamte Rechtsmedizin auf eine neue Grundlage. Und die Zeit schien ohnehin reif zu sein für epochale Fortschritte in der Serologie. Nur einen Tag nach Uhlenhuths Veröffentlichung hielt August Wassermann vor der Physiologischen Gesellschaft in Berlin einen Vortrag über gemeinsam mit seinem Kollegen Albert Schütze durchgeführte Untersuchungen, die unabhängig von Uhlenhuth zu denselben Ergebnissen gekommen waren. Ebenfalls im Jahre 1901 hatte der Wiener Karl Landsteiner die menschlichen Blutgruppen entdeckt, wofür er 1930 den Medizin-Nobelpreis erhalten sollte.

Nach den Morden von Göhren lässt nun der Greifswalder Untersuchungsrichter Uhlenhuth den mit Blut besudelten Stein, Tessnows Arbeitsbekleidung, sowie dessen "feine" Garderobe zukommen und erbittet ein Gutachten. Das Ergebnis liegt am 5. August 1901 vor - ein Datum, das sich als nicht weniger bahnbrechend in der Geschichte der Rechtsmedizin erweisen soll als der Tag, an dem Uhlenhuth seinen Aufsatz veröffentlichte: Die Flecken am Arbeitsanzug stammen von - Tischlerbeize. Die auf dem Stein und auf dem Sonntagsstaat aber sind Blutflecken: sieben an der Hose, sechs am Rock, an Weste und Hut je vier und einer am Hemd. Am 28. Juni 1902 weist Uhlenhuth im Prozess als Sachverständiger anhand der inzwischen nach ihm benannten Präzipitinreaktion wiederum und zweifelsfrei nach, dass es sich bei den Flecken um Menschenblut handelt.

Das Gutachten treibt Tessnow schwer in die Enge. Wer weiß, wie der Prozess ohne die Arbeiten des Rechtsmediziners ausgegangen wäre? Tessnow jedenfalls weiß, dass er mit dem Rücken zur Wand steht. Er gibt an, das Blut stamme von einer alten Handverletzung. Aber diese Aussage wertet das Gericht als Schutzbehauptung. Ein anderes Rätsel, das bei den Ermittlungen gegen Tessnow eine Rolle spielte, wird gelöst: Noch vor dem Rügener Doppelmord, in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni, waren bei Sagard nahe Saßnitz sechs Schafe abgeschlachtet worden, während der Schäfer in der Dorfkneipe seinen Durst löschte. Als Täter wurde wieder Tessnow verdächtigt, weil er sich dort herumgetrieben hatte. Seine Kleidung war befleckt. Vor Gericht redete er sich wiederum mit "Tischlerbeize" heraus. Uhlenhuth gelang es jedoch, an Tessnows Hose und "am Jackett" Schafsblut nachzuweisen.

Das Urteil für Ludwig Tessnow lautet: Todesstrafe.

Aber Tessnow ist noch immer nicht am Ende, er gibt nach dem Prozess vor, geistesgestört zu sein. Der Direktor der psychiatrischen Klinik Greifswald, Dr. Westphal, berichtet in diesem Zusammenhang von einer bemerkenswerten Aussage Tessnows, der zu Protokoll gegeben hatte, er beschäftige sich mit einer "Erfindung", die auf dem Prinzip beruhe, dass "Sternschnuppen nicht von oben kommen, sondern von Windhosen zunächst aufwärts geführt würden, um dann wieder herunterzufallen." Die - nicht näher erläuterte - "Tessnowsche Präzipitintheorie" beruhe auf dem Gedanken, sich die Kraft der Windhose dienstbar zu machen, und Energie ohne Elektrizität zu erzeugen.

Den Vorschlag, die Idee niederzuschreiben, lehnt Tessnow allerdings empört ab, weil er "dadurch um sein Patent kommen könnte." Es kommt zu einem zweiten Prozess. Das Urteil bleibt, wohl unter dem Druck des empörten Volksempfindens das gleiche, obwohl sechs Ärzte Tessnow in psychiatrischen Gutachten bescheinigen, die Taten "in einem Dämmerzustande und bei tiefster Bewusstseinstrübung" begangen zu haben. Die Revision wird abgewiesen und Ludwig Tessnow soll laut überwiegender Mehrzahl der kriminalistischen Fallsammlungen Ende des Jahres 1904 im Hof des Gefängnisses zu Greifswald enthauptet worden sein. Dafür existiert jedoch kein Beleg. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird der geisteskranke vierfache Mörder, so sagt es der zeitgenössische Strafverteidiger Erich Sello aus, heimlich zu lebenslangem Zuchthaus "begnadigt".

Und Paul Uhlenhuth, dessen Gutachten Tessnow als Mörder überführten? Geboren am 7. Januar 1870 in Hannover, war ihm noch ein langes Leben beschieden. 1903 wurde er in Greifswald zum Titularprofessor berufen und war von 1906 bis 1911 Direktor der bakteriologischen Abteilung im Reichsgesundheitsamt in Berlin. Anschließend hatte er bis 1918 einen Lehrstuhl für Hygiene und Bakteriologie an der Universität Straßburg inne, lehrte dann in Marburg - und ab 1923 in Freiburg im Breisgau: 1950 erlangte er sogar die Ehrenbürgerschaft der Stadt Freiburg, auch eine Straße wurde in dem Ort nach ihm benannt, in dem er 1957 starb.

Aber damit hatte die Geschichte das letzte Wort über Paul Uhlenhuth noch nicht gesprochen. Rund vierzig Jahre nach seinem Tod kommt ans Licht, dass er während der NS-Herrschaft bei der Entlassung von jüdischen und politisch missliebigen Kollegen der medizinischen Fakultät "eine aktive Rolle" gespielt hatte. Heute ist Paul Uhlenhuth deswegen nicht zuletzt als "Täter im weißen Kittel" im Gedächtnis geblieben. Die Freiburger Uhlenhuth-Straße wurde inzwischen nach dem bedeutenden Internisten und jüdischen Emigranten Siegfried Thannhauser benannt. Die Paul-Uhlenhuth-Straße in der Greifswalder Altstadt gibt es dagegen noch immer.

Der Verdächtige wurde am Tatort beobachtet