Mutter Courage und ihre Schilder

Die Szene ist herzzerreißend. Die Mutter und ihre beiden Töchter werden aus dem Flugzeug bugsiert und sollen sich verabschieden.

Die Szene ist herzzerreißend. Die Mutter und ihre beiden Töchter werden aus dem Flugzeug bugsiert und sollen sich verabschieden. Die Mutter drückt ihre Kinder an sich, will ihnen noch so viel sagen, darf es nicht. Die Kinder werden ihr entrissen, in ein Auto geschubst und fortgefahren. Die Mutter bleibt fassungslos zurück, bricht zusammen. So spielt sich die Szene indes nur im Fernsehen ab. Die Wirklichkeit war viel grausamer: Schon im Flieger wurden sie getrennt, und die Mutter musste sitzen bleiben, konnte nur durch die Bullaugen sehen, wie ihre Kinder aus ihrem Leben verschwanden. Erst sechs Jahre später hat sie sie wiedersehen dürfen. Im Fernsehen sieht das so aus: Ein dunkles Auto rollt am Checkpoint Charlie vor, hier schließt sie ihre Kinder wieder in die Arme - just an jenem Ort, an dem die ausgebürgerte Mutter monatelang mit einem Schild vor dem Bauch auf ihren Fall aufmerksam gemacht hat. Auch das war ganz anders. Diesen öffentlichen Triumph hätte ihr die DDR natürlich nie gegönnt. Tatsächlich passierten die Töchter ganz unspektakulär den Grenzübergang Invalidenstraße. Und ihre Mutter wartete in einem nüchternen Rechtsanwaltsbüro auf sie.

Jetzt, 19 Jahre später, sieht Jutta Gallus, die inzwischen Jutta Fleck heißt, ihre Geschichte noch einmal. Auf großer Leinwand, im Kino International. Der letzte Triumph: Das Kino war einst Premierenkino der DDR; hier nun wird ihr Sieg über das SED-Regime gezeigt, bevor der Zweiteiler im Fernsehen ausgestrahlt wird. Es ist die Geschichte von Jutta Gallus, der "Frau vom Checkpoint Charlie", wie der Titel heißt, und doch wieder nicht. Denn es ist vieles hinzuerfunden und -empfunden, was anderen Opfern des real nicht mehr existierenden Sozialismus widerfahren ist.

" Ich habe den Film schon daheim gesehen; separat von den Kindern, das hätten wir nicht gemeinsam ertragen. Denn es war, als ob ich alles noch einmal durchleben würde. Die Emotionen waren so stark, ich musste da mehrmals auf Pause stellen. Jetzt, auf großer Leinwand, kamen die Emotionen natürlich noch mal viel stärker herüber. "

Die Geschichte von Jutta Gallus beginnt im Sommer 1982. Nach mehreren Ausreiseanträgen will die Mutter "rübermachen" mit ihren Töchtern Claudia (11) und Beate (9) aus einer geschiedenen Ehe. In Rumänien wollen sie über die Donau setzen, einfach so, mit einem Fährschiff. Am Hafen sehen sie lauter versiegelte und verstaubte Trabis und Wartburgs. Die Mutter sieht das als gutes Omen: Da ist schon anderen die Flucht gelungen. Dass sie geschnappt worden sein könnten, das will ihr nicht in den Sinn. Doch der Fluchthelfer kommt nicht. Stattdessen wartet schon die Securitate. Und weist sie wieder in die DDR aus. Hier beginnt die Odyssee: Die Kinder kommen in ein Erziehungsheim, werden später ihrem leiblichen Vater zugesprochen, einem linientreuen Sozialisten. Jutta Gallus erhält drei Jahre Gefängnis - und kommt in das berüchtigte Frauengefängnis Schloss Hoheneck. Großraumzelle, Erniedrigungen, Leibesvisitationen, Folter, Zwangsarbeit, Hormone im Essen. Viele zerbrechen dort. Nicht so Jutta Gallus.

"Das war ja deren Ziel. Die Menschen demütigen, sie ducken, klein machen. Das war die Psychologie, die man ausgeübt hat. Und das, habe ich mir gesagt, schaffen die bei mir nicht. Denen zeige ich's. Man hat uns immer gedroht, welch langen Arm die hätten, der würde auch in den Westen reichen. Ich habe immer gesagt: So lang kann kein Arm sein."

Nach 22 Monaten Haft kauft der Westen sie frei. Sie darf gehen. Aber nur ohne die Kinder. Das war die Bedingung. Gallus willigt zum Schein ein. Sie glaubt: Den Kindern kann sie nur aus dem Westen helfen. Dort schreibt sie Politiker an, wendet sich an öffentliche Einrichtungen. Voller Hoffnung. Und wird enttäuscht. Sie will dem Westen zeigen, wie der Osten funktioniert, aber der will gar nicht hören. Sie ist nur ein Störenfried in der komplizierten innerdeutschen Diplomatie.

Und hier beginnt die Geschichte von Jutta Gallus noch einmal, schält sich aus tausenden ähnlichen Schicksalen erst ihre ganz eigene heraus. Am 4. Oktober 1984 stellt sie sich erstmals in Berlin an den Checkpoint Charlie. Dem Diplomatenübergang. Mit einem Schild vor der Brust: "Gebt mir meine Kinder zurück." Sie steht dort von acht Uhr früh bis es dunkel wird. Und sie kommt wieder. Tag für Tag. Die Grenzer auf der anderen Seite fotografieren sie; sie knipst trotzig zurück. Die Amerikaner im Kontrollhäuschen kennen sie bald; im Mauermuseum gleich daneben darf sie sich aufwärmen. Sie macht Passanten auf ihr Schicksal aufmerksam. Und die Presse. Die Frau mit dem Schild - die Bilder gehen bald in den "Nachrichten" und auf den Titelblättern der Zeitungen um die Welt.

Die DDR bleibt hart. Härter sogar als sonst. Das mag auch daran liegen, dass ihre ältere Tochter eine gewisse Prominenz hat. Claudia Gallus hatte vor dem Fluchtversuch in der TV-Serie "Geschichten übern Gartenzaun" mitgewirkt. Sie darf nun auch in der zweiten Staffel mitspielen, auch wenn ihr Name nicht mehr genannt wird. Der Gartenzaun - ein goldener Käfig. Auch Beate, die Jüngere, kommt ins Fernsehen: Sie darf in der TV-Show "Brückenmännchen" mittanzen. Der Staat zeigt sich von seiner fürsorglichsten Seite - und trichtert den Kindern ein, ihre Mutti sei eine Rabenmutter. Aber sie dringen nicht durch. Die Kinder glauben das nicht. Sie schreiben heimlich Briefe. Und bekommen welche zurück. Später auch Kassettenbänder. Geschmuggelt von Helfershelfern.

"Sie konnten sie nicht brechen. Nicht sie, und nicht mich. Die Mutterliebe wurde dadurch eher noch stärker. Da haben auch viele mitgeholfen, dass die Briefe ankamen, da entstanden richtige Netzwerke."

Jutta Gallus fällt oft in die dritte Person, wenn sie darüber spricht. Wie um Abstand zu schaffen, um es nicht mehr zu persönlich zu nehmen.

Sie wird unter Druck gesetzt. Mit anonymen Anrufen. Morddrohungen. Aber sie gibt nicht auf. Die Briefe helfen ihr. Und ein Leitspruch des Schriftstellers Romain Rolland, in der Schule gepaukt, den sie sich aufschreibt und immer bei sich trägt: "Denn es ist klar: Nicht den Zaudernden gehört die Welt, sondern denen, die ohne schwach zu werden das durchstehen, wofür sie sich einmal entschieden haben." Sie muss sich damit oft Mut zugesprochen haben.

Sie kommt bis zum Papst, kettet sich demonstrativ vor einer KSZE-Konferenz in Helsinki an und stört eine Gedenkfeier im Berliner Reichstag zum 25. Jahrestag des Mauerbaus. Eine Unbequeme, die nicht aufgibt. Aber erst am 25. August 1988, auf den Tag genau sechs Jahre nach der Verhaftung in Bukarest, kann sie ihre Kinder wieder in die Arme nehmen. Ist es zu privat, zu fragen, was sie in diesem Augenblick erlebt, gefühlt hat? Jutta Gallus, die stets so stark, so lebensfroh wirkt, stockt in diesem Moment, die Stimme versagt ihr, die Gefühle übermannen sie. Aber sie bezwingt ihre Tränen.

"Was heißt privat? Ich habe öffentlich dafür gekämpft. Ich muss es auch immer wieder erzählen. Das war so einmalig, dass das nach sechs Jahren doch noch eintrifft. Erst konnte ich es gar nicht fassen. Das war Punkt 13 Uhr, das habe ich mir so genau gemerkt, weil auch Claudia um 13 Uhr geboren wurde. Diesen Moment vergisst man einfach nicht als Mutter: als wäre die Kraft auf dem Höhepunkt und alles sackt in sich zusammen. Der jahrelange Kampf - und plötzlich geht's. Warum ging's vorher nicht?"

Jutta Gallus ist stark geblieben. Und, das vor allem: ganz ohne Bitterkeit. Sie hat sich ihr Glück nicht nehmen lassen. Veronica Ferres, die sie im Fernsehfilm verkörpert und ihr so ängstlich begegnete wie sie der Schauspielerin, nennt ihr Verhalten "buddhistisch, fast schon weise." Natürlich hat sich Jutta Gallus ihre Akte vorlegen lassen, 1992 war das. Hat erfahren, in welchem Ausmaß sie bespitzelt wurde. Das Unternehmen trug den Decknamen "Operation Galle". Und wirklich hat das System in ihrem Falle Gift und Galle gespuckt. Jutta Gallus hat sich gefragt, ob sie etwas unternehmen solle. Und sich dagegen entschieden.

"Ich kenne die Namen. Ich bin eigentlich erst heute wieder in der Lage, noch mal wissen zu wollen, wer die eigentlich waren. Ich kenne zwei, sogar im engeren Familienkreis. Ich fand aber genauso entsetzlich, dass mich auch Leute, die mich gar nicht kannten, verraten haben."

Damals wollte sie erst mal nur mit ihren Kindern leben. Sich um deren Ausbildung kümmern. Heute ist die Ältere wieder im Filmgeschäft, als Cutterin, die Jüngere leitet ihre eigene Tanzcompagnie. Und die Mutter ging noch einmal in die Öffentlichkeit. Weil es noch genug "von denen" gibt, die noch unter uns weilen. Und Opfer wie sie, die zum Teil immer noch ihre Kinder suchen. Die Journalistin Ines Veith hat aus ihrer Geschichte ein Buch gemacht, "Die Frau vom Checkpoint Charlie", das im Oktober vergangenen Jahres vorgestellt wurde. Natürlich am Checkpoint Charlie. Und jetzt gibt es den Film. Letzte Ironie: Mit 60 Jahren ist auch die Mutter, nach Claudias "Gartenzaun" und Beates "Brückenmännchen", zum Fernsehstar geworden. Ihre Figur, die die Ferres spielt, heißt im Film Sara Bender. "Alle sagen, das hätte eine Schauspielerin aus dem Osten sein müssen. Ich wüsste gar nicht, wer das hätte sein sollen", so Jutta Gallus. "Und ob die damals mehr in der Materie gewesen wäre, das weiß ich auch nicht." Auch die dramaturgischen Veränderungen des Films nimmt sie gelassen:

"Alles war weitaus schlimmer. Aber ich bin kein Filmemacher. Und der rote Faden geht durch, mehr will ich nicht. Für mich war nur wichtig, dass die Botschaft rüberkommt. Die Zeit soll nicht vergessen werden. Dazu habe ich meinen kleinen Beitrag geleistet."

Sie hat losgelassen. Hat ihre Geschichte vertrauensvoll anderen in die Hand gegeben. Und findet nur, sagt sie mit leiser, aber fester Stimme, "dass noch mehr Opfer öffentlich hätten kämpfen müssen." Bleibt der Checkpoint Charlie. Jedes Mal, wenn Jutta Gallus, die heute in Wiesbaden lebt, nach Berlin kommt, muss sie dahin. Das sei "irgendwie Pflicht". Und es sei da so schön heute. "Da war ja nix in den Achtzigern, das war alles alt und noch ausgebombt und die grässliche Mauer." Alles erinnert hier noch an damals. Aber alles ist längst ganz anders. Wie bei ihr.