Sehnsucht nach dem Busch

Die "weiße Massai" sitzt am Ruppiner See und strahlt in die Sonne. Endlich gutes Wetter.

Foto: A1 Verlag

- Die "weiße Massai" sitzt am Ruppiner See und strahlt in die Sonne. Endlich gutes Wetter. Und endlich Latte Macchiato. Gestern in Schwedt gab es keinen guten Kaffee - und diese triste Stadt an der polnischen Grenze... ihr Ton ist entschuldigend. Die "weiße Massai" hat im afrikanischen Busch Ziegenmilch und Tierblut gefrühstückt, wenn nichts anderes da war, und in einer zeltgroßen Hütte gehaust. Corinne Hofmann aber hat es lieber mondän. "Ich bin keine Buschfrau, kein Hippie oder so was", sagt sie. Der Kellner bringt Kissen, Kaffee und Schokokekse.

Neuruppin hat viele Hotels. Es hat einen romantischen See und eine neue Einkaufspassage. Aber wenn abends um sechs das russische Magazin schließt, der polnische Bäcker und der vietnamesische Minimarkt, bleiben am Ende der Karl-Marx-Straße das Kulturhaus und der Bahnhof zurück wie zwei Antworten auf dieselbe Frage: Wohin? Tags zuvor wurde im Kulturhaus "Der Jakobsweg" vorgestellt, demnächst kommt Hera Lind. Züge nach Berlin fahren einmal die Stunde. "Erleben Sie das Feeling des schwarzen Kontinents" wurde auf Plakaten für die "weiße Massai" geworben. Die Veranstaltung war schnell ausverkauft.

Als sich gegen 18 Uhr der wartenden Menge die Glastüren öffnen, werden Handtaschen und Schirme gezielt zum Vorankommen eingesetzt. Sie wollten Corinne Hofmann jetzt endlich mal "in echt" sehen, sagen zwei Frauen, beide um die 40. Ihre Bücher hätten sie verschlungen: "Wegen der Liebesgeschichte", seufzt die eine, die andere: "wegen des Mutes, so primitiv zu leben". Ihre Männer hätten sie natürlich zu Hause gelassen, beiden gucken etwas fassungslos: "Männer haben's doch nicht so mit Gefühlssachen".

Corinne Hofmann, 48, gelernte Verkäuferin, aufgewachsen in der Schweiz, französische Mutter, der Vater aus der DDR, hat vor 20 Jahren einen Massai-Krieger im zentral-kenianischen Busch geheiratet. Es war Liebe, sagt sie. Sie bekam sechsmal Malaria, ein Kind und zum Schluss einen Mordsärger mit ihrem Mann. Dann floh sie mit der Tochter zurück in die Schweiz. "Sonst wäre ich gestorben."

So verewigte sie ihre Erlebnisse als Buch. "Die weiße Massai" verkaufte sich bis heute fast vier Millionen Mal, wurde in 30 Sprachen übersetzt, den Film mit Nina Hoss sahen 2005 zwei Millionen Zuschauer. Hofmann schrieb zwei weitere Bücher über ihre Rückkehr in die Schweiz und das Wiedertreffen mit ihrer Massai-Familie nach 14 Jahren. "Ihre Familie", so nennt sie sie bis heute - bei ihren Managerseminaren für Tchibo und Mediamarkt, in denen es ums Überleben geht. Und auf Lesungen, die sie sie bis nach Amerika und Australien führten. Die größten Hallen aber habe sie in Magdeburg gefüllt, sagt sie, "dort kamen mehrfach über tausend Leute. Der Wahnsinn!"

Jetzt also Neuruppin. Über dem Saal liegt ein Klangteppich aus Buschtrommeln und Frauenstimmen, es riecht nach Shampoo und Sekt. Viele Zuschauer sind schon eine Stunde eher gekommen, manche treffen die "weiße Massai" zum zweiten oder dritten Mal. Sie haben sie am Tisch mit den brennenden Kerzen beim Büchersignieren umringt, haben Gruppenfotos mit ihr gemacht wie mit einer alten Bekannten. "Wie geht es der Schwiegermutti?", hat eine ältere Dame gefragt. Auf der Leinwand im Saal läuft derweil eine Diashow mit Tierbabys, kulleräugigen Kindern und kopulierenden Löwen, dazwischen erscheint ein Wasserklosett. Ein Witz. Später wird Corinne Hofmann ihr Leben ohne solchen Luxus schildern: Wie ihr beim ersten "Geschäft" im Busch die Dorfjugend hinterher rannte. Das Publikum wird auflachen. Das tut es immer an dieser Stelle.

Corinne Hofmann erzählt ihre Geschichte seit zehn Jahren. Mittlerweile hat sie in etwa das Durchschnittsalter ihrer Leserinnen und auch eine ähnliche Frisur. Sie ist eine große Frau, lebhaft, sympathisch. Sie sagt, sie sei eine Botschafterin zwischen den Kulturen. Sie wolle die Menschen ermutigen, den eigenen Gefühlen zu folgen. Das kommt an in Neuruppin, wo die Arbeitwohlfahrt jeden Donnerstag eine Gesprächsgruppe "zur optimalen Lebenszeitgestaltung" anbietet unter dem Motto: "Was ist Glück?"

Corinne Hofmann erscheint auf der Bühne in dunkler Hose, Shirt, breitem Gürtel und weiter Bluse, um den Hals afrikanischen Schmuck. Sie habe damals alles aufgeben, beginnt sie, ihr Brautmodengeschäft, ihr Cabriolet, sogar das Aufenthaltsrecht als Deutsche in der Schweiz. "Können Sie sich das vorstellen, alles nur für die Liebe?" Fünfhundert frisch gefönte Köpfe wackeln. "Nee", stößt eine jüngere Frau hervor.

Afrika ist weit weg. Zwar gibt es ein Dorf in Brandenburg, das so heißt: Afrika. Es hat vier Häuser, angeblich wurden sie für Vertriebene gebaut, es gab chronischen Mangel an Baumaterial. Die afrikanischen Spuren der brandenburgischen Kolonie "Großfriedrichsburg", in Westafrika vor 325 Jahren gegründet, sind längst im ghanaischen wie märkischen Sand verweht. Von Sehnsucht nach Exotik zeugen allenfalls die Ölbilder des einheimischen Orientmalers Wilhelm Gentz im Landratsamt um die Ecke. Er starb 1890.

Zuletzt war Afrika in Brandenburg zur WM 2006 Thema, als die afrikanische Gemeinde Berlins vor "No-go-Areas" für Dunkelhäutige warnte. Als Ausländer gelten hier selbst Leute wie Ibraimo Alberto, Ausländerbeauftragter von Schwedt, der 1981 als 18-Jähriger aus Mosambik kam, "quasi aus dem Busch", wie er sagt. Er wollte studieren, wurde Boxer, später Sozialarbeiter, heiratete eine Deutsche. Im vergangenen Jahr wurde er von Neonazis angegriffen. "Ach ja?", sagt Corinne Hoffman interessiert. Rassistisch beschimpft habe man sie in all den Jahren nur fünf- oder sechs Mal. Schwedt - das ist die Stadt, in der sie tags zuvor aufgetreten ist. "Ach ja", sagt Corinne Hofmann, Städte interessieren sie nicht sehr. Manchmal hat sie den Namen des Ortes, in dem sie auftritt, schon auf der Bühne vergessen.

Auf der Bühne ist sowieso immer Afrika. Ihr Afrika. Das Afrika der Liebe. Genau 15 Minuten braucht sie, um den stickigen Saal zum Höhepunkt zu führen. Er tritt ein bei jenem Moment, "der mein Leben um 180 Grad gedreht hat". Bei einem Last-Minute-Urlaub in Kenia mit ihrem damaligen Freund, sie standen auf einer Fähre, er zeigte auf einen schwarzen Mann: "Schau mal, ein Massai". Ganz plötzlich, sagt Corinne Hofmann, sei sie da "in Liebe gefallen" und ihr altes Leben brach in Stücke. Lehrerinnen, Bibliothekarinnen, Verkäuferinnen lauschen atemlos.

Es geht um Sex. Corinne Hofmann musste sich damit abfinden, dass der schwarze Krieger nicht küsste und die Liebe in der Buschhütte "wesentlich weniger Turnerei" bot als erwartet. Es geht um Eifersucht. Ihr Mann ertrug es nicht, dass sie im gemeinsamen Souvenir-Shop auch männliche Kunden anschaute. Es geht um Alkoholismus. Ihr Mann habe das Geld vertrunken. Die Zuhörerinnen schauen betroffen. Afrika ist plötzlich so nah wie der Bahnhofskiosk gegenüber. Beifall brandet auf, als Corinne Hofmann von ihrer Schwiegermutter berichtet. Die "Mama" habe sie aufgenommen wie eine eigene Tochter. Grauhaarige Damen tupfen sich Tränen aus den Augen. Nur die Enkelinnen gucken pikiert.

Dann fragt eine Frau in gestelztem Lehrerinnen-Deutsch: "Also, Sie haben ja diesen Mann geheiratet, aber der war doch gar nicht bildungsfähig ! Sein jüngerer Bruder ist immerhin in die Schule gegangen!" Kichern im Saal, aber Corinne Hofmann wird nun zur wahren weißen Massai. Sie wirft sich schützend vor ihren Ex-Krieger. Sein Name laute übrigens Lktinga. "Mit seinem Bruder konnte ich diskutieren, wie man zum Mond fliegt. Aber das hilft im Busch nicht beim Überleben. Lktinga rettete mich mit seinem Speer vor Löwen, er weiß, wie man in der Steppe Wasser findet. Er ist hochintelligent. Er kann nur nicht lesen." Schuldbildung, sagt Corinne Hofmann, bringe viel Gutes, aber sie bedrohe eben die primitiven Kulturen. Die kritische Dame nickt. Das hat sie verstanden.

Dann kommt die unbequeme Frage des Abends. Corinne Hofmann hat auch diese eingeplant. Sie hat ihr Hochzeitsfoto aus dem Busch gezeigt: Sie, ganz in Weiß, zwischen Schwarzen in bunten Tüchern. "Normalerweise werden die Bräute am Hochzeitstag beschnitten." Die besorgten Mienen im Saal hellen sich erst wieder auf, als sie fortfährt: "Aber mein Mann erzählte seiner Familie, in Europa würden die Mädchen schon als Babys beschnitten. Das war ein großer Liebensdienst." Ob denn die jüngste Tochter jenes gebildeten Bruders später auch beschnitten werde?, will ein Mann wissen. "Tja", sagt Corinne Hofmann, der Bruder sei hin- und hergerissen zwischen den Bräuchen seines Stammes und den Erwartungen der modernen Welt.

Es ist nicht so, dass Corinne Hofmann selbst keine Meinung zur Frauenbeschneidung hätte. "Natürlich wollen die Männer den Frauen so die Lust rauben und sie kontrollieren." Ein politisches Engagement käme für sie persönlich jedoch nicht in Frage. Sie wolle sich nicht mit "ihrer" Familie überwerfen. "Meine Tochter soll ja irgendwann ihren Vater kennenlernen." Die Frauen im Saal gucken wieder verständnisvoll.

Napirai, jene Tochter, hat ihren Vater nicht wiedergesehen, seit sie mit zwei Jahren in die Schweiz kam. Nach kenianischem Recht hatte die Mutter sie entführt. Heute sei sie 18, ein scheuer Teenager, erzählt Corinne Hofmann. Die Tochter habe eher gelitten unter der Berühmtheit ihrer Mutter. Und wohl auch unter ihrer Hautfarbe.

Die "weiße Massai" möchte demnächst aufhören umherzureisen, und der nächste Lebenspartner dürfe ruhig aus unserer Breiten kommen, scherzt sie. Die Zuhörerinnen sind erleichtert. Alles ist gut, jetzt. Im Hinausgehen sagt eine Dame zu ihrer Enkelin: "Die kann das gut 'rüberbringen, ne?" Die Enkelin seufzt.

"Können Sie sich vorstellen, einfach alles aufzugeben?"