Beim Pinkeln über Bord gefallen

Er wollte nur mal kurz nach hinten. Dann war er weg. Beim Pinkeln über Bord in die Ostsee gefallen.

Er wollte nur mal kurz nach hinten. Dann war er weg. Beim Pinkeln über Bord in die Ostsee gefallen. Wenig später wird der Segler am Strand angespült, der offene Hosenschlitz macht Spekulationen über die Todesursache überflüssig. "Es kommt immer wieder vor, dass männliche Leichen mit heruntergelassener Hose oder offenem Schlitz an der Küste gefunden werden", sagt Ingo Ohrt von der Wasserschutzpolizei Kiel.

Ohrt hat bisher drei solcher Fälle erlebt, die Dunkelziffer ist unbekannt. Jedes Jahr sterben durchschnittlich zwischen sechs und zwölf Menschen bei Seeunfällen mit Booten - oftmals durch leichtsinniges Erleichtern an Deck. "Die Leute dürften nicht über Bord fallen, da sie eigentlich gesichert gehören", sagt Jürgen Feyerabend, Leiter der Kreuzerabteilung beim DSV. Gerade zu Beginn der Segelsaison ist die See sehr kalt.

Eine Studie des Mediziners Frank Praetorius kommt zu dem Schluss, dass kaltes Wasser die Wärme 25-mal schneller aus dem Körper zieht als Luft derselben Temperatur. Zudem kann durch den überraschenden Sturz in eiskaltes Wasser bei den Seglern schnell eine tödliche Atemlähmung eintreten. Feyerabend verweist aber darauf, dass Segeln ein ungefährlicher Sport sei. So würden jährlich Hunderte Deutsche beim Baden ertrinken. "Auch Bergwandern oder Skifahren fordert weit mehr Tote."

Nach Angaben der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) starben bei Seeunfällen mit Sportbooten im Jahr 2003 sechs Menschen, davor dreizehn, acht 2005 und zwei 2006. "Wird eine Wasserleiche angespült, schaut man oft erst mal, ob der Hosenschlitz auf ist", sagt Jürgen Albers von der BSU in Hamburg. Die Zahl dieser Todesfälle sei aber zurückgegangen. "Es gibt hier mittlerweile eine andere Kultur", hat Albers beobachtet, der auch selbst passionierter Segler ist. Der Grund sind seiner Meinung nach die Frauen - gerade wenn sie mit an Bord sind.

Zudem würde die Architektur der Boote so manchem Skipper den Toilettengang an Oberdeck von vornherein vergrätzen. "Früher konnte man sich am Aufbau gut festhalten, heute gibt es in der Regel ein flaches Deck, da gibt es gar keine Möglichkeit." Und wen das nicht stört, der hat - wenn er Pech hat - das halbe Schiff versaut. Bei diesem Thema, über das in der Seglerszene nicht gerne gesprochen wird, sei immer wieder Leichtsinnigkeit festzustellen.

Häufig wird der Toilettengang am Achterdeck aus Bequemlichkeit dem engen Schiffsklo vorgezogen. Wenn dann das Boot im Sturm über die Wellen tanzt, kann auch der erfahrenste Skipper plötzlich den Halt verlieren. Vor Beginn der Seglersaison startet die Wasserschutzpolizei nun die Initiative "Skippers Sicherheitstipps". Der beste Schutz gegen einen Tod durch Überbordfallen ist die Sicherung mit einer Leine. Und das Tragen von Rettungswesten, damit der Sturz ins Wasser nicht gleich tödlich endet. dpa