Das Eierhaus

Auch Ostern ändert daran nichts: Das Alte Eierhäuschen im Plänterwald verrottet. Das Ausflugslokal an der Spree, das schon Theodor Fontane beschrieb, bleibt zu.

- Auch Ostern ändert daran nichts: Das Alte Eierhäuschen im Plänterwald verrottet. Das Ausflugslokal an der Spree, das schon Theodor Fontane beschrieb, bleibt zu. Nur seine backsteinernen Außenmauern stehen noch, und der Name prangt weiter in goldenen Buchstaben über dem Portal. Mehr ist nicht geblieben. Von österlicher Auferstehung redet hier keiner.

Gut also, dass es da noch ein Eier-Haus gibt, das seinem Namen, auch wenn es nur der ist, den der Volksmund ihm gibt, alle Ehre macht. Dieses Haus-Ei steht in Bad Saarow am Scharmützelsee, rund 50 Kilometer östlich vom Plänterwald und ist eine formschöne Villa direkt an der Seepromenade. Ein Sommerhaus, über achtzig Jahre alt, mit einer sehr speziellen Fassade. Wie ein ziemlich dunkel gefärbtes Osterei sieht das aus, zugegeben, denn die Holzverschalung ist tiefbraun. Aber weil sie eine spezielle Lasur hat, glänzt sie seicht und matt, ganz so, wie eine Eierschale eben auch schimmern kann. Stolz steht der Bau mitten auf einem aufgeräumten Grundstück, als wäre es ein Frühstückstisch. Staunend halten Spaziergänger auf der Uferstraße an und mustern das Haus. Derzeit ist drum herum noch alles kahl, nur ein wenig Schmuck hängt an einem Strauch vor dem Eingang. Ausgerechnet bunte Ostereier.

Bewohner des Ortes nennen den extravaganten Bau auch "Zeppelinhaus", als hätte sich der Luftschiffbauer damit einst eine aerodynamisch-schnittige Sommerfrische konstruieren lassen. Aber das ist alles nur Legende. Ästhetischer Pate des expressionistischen Bauwerks war wohl eher die Natur. So kann man außer einem Ei ja auch einen Feldstein oder einen Fischleib in der Form erkennen, und wenn man so will, passt das alles ja auch zur Umgebung. Runde Formen hatten es den Vertretern des Expressionismus einfach angetan.

"Das Haus wurde Anfang der Zwanziger Jahre gebaut. Da hieß es Villa Parolo, so stand es auf dem Giebel", sagt Reinhard Kiesewetter. Der 83-Jährige wohnt eine Straße weiter. Seit langem erforscht Kiesewetter die Geschichte Bad Saarows. Ein kleines Buch über die Villenkolonie von reichen Berlinern, die sich ab 1900 am Scharmützelsee ansiedelten, hat er verfasst. Am Fähranleger kann man diesen Führer kaufen und dann damit die lange Reihe der Villen am Ufer abschreiten. Viele Grundstücke bergen Geschichten. "Villa Parolo" stand etwa für die Anfangsbuchstaben der Vornamen ihrer Besitzer: Paul, Rolf und Lotte Zeidler.

Für sich, seine Frau und den Sohn ließ sich der Berliner Aktienhändler Paul Zeidler nämlich das stattliche Sommerhaus bauen. Auf dem Feldsteinsockel thronen drei Etagen, in einer außergewöhnlichen Technik ist das Dach dem Haus wie ein Korb übergestülpt. Das schafft Platz bis nach ganz oben, keine Dachsparren stören. Architekt war Fritz Glantz. "Ein Mann der Moderne", wie der Historiker Kiesewetter sagt, und ein ziemlich vielseitiger dazu. In der Nachbarschaft wurden gleich mehrere Häuser nach seinen Entwürfen gebaut. Etwa ein Wohnwürfel im typischen Bauhausstil und ein kleines Sommerhaus, dessen Grundriss sternenförmig ist. Am experimentierfreudigsten war der Berliner Baumeister aber genau neben dem überdimensionierten Holz-Ei. "Dort hat er einen Bungalow mit großer Dachterrasse und maurischen Zinnen gebaut", sagt Kiesewetter. Das passte nur zu gut, denn zackige Formen waren expressionistischen Architekten genauso lieb wie runde. Mittlerweile ist von diesem arabischen Experiment aber nichts mehr zu sehen, das Haus hat ein ganz normales Dach.

Originalgetreu erhalten ist nur die holzverschalte einstige Zeidler-Villa. Sie steht mitsamt Straßenfront unter Denkmalschutz, der Blick auf das erhabene Gebäude muss frei bleiben. Bis 1939 hatte die jüdische Familie Zeidler noch in Berlin und Bad Saarow gelebt. Der wassersportbegeisterte Paul Zeidler hatte am Scharmützelsee im Jahr 1931 den ersten Sportclub gegründet, durfte nach dem Machtantritt der Nazis aber nicht mehr Vorsitzender sein. Etwa 130 jüdische Grundbesitzer, meistens aus Berlin, gab es in den zwanziger und dreißiger Jahren in Bad Saarow, hat Reinhard Kiesewetter recherchiert. Nach und nach wurden diese wohlhabenden Bürger aber zum Verkauf ihrer Häuser gezwungen oder enteignet. 1939 etwa musste die Familie Zeidler ihr Sommerhaus abgeben. Sie entkam den Nazis jedoch und emigrierte nach Shanghai, später in die USA.

In der DDR war ihre "Parolo-Villa" dann ein Betriebsferienheim des Elektrokohlekombinats Berlin. Nach der Einheit fiel das Haus an die Jewish Claims Conference. Von der kaufte es die jetzige Besitzerin aus Berlin erst vor wenigen Jahren. Sie ließ es sanieren, bis wieder die dunkle Perle am See wieder voll zum Vorschein kam. Auch so lässt sich die kurvige Konstruktion interpretieren.