Der alte Mann und sein Kloster

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Thomas Gerlach

Der Mann, der da etwas mürrisch um das Herrenhaus herumgeht, könnte ein Verehrer Puschkins sein, der üppige Backenbart würde dem großen Dichter jedenfalls gefallen.

- Der Mann, der da etwas mürrisch um das Herrenhaus herumgeht, könnte ein Verehrer Puschkins sein, der üppige Backenbart würde dem großen Dichter jedenfalls gefallen. Das ramponierte Schloss und die Pfützen ringsherum erinnern eher an die Gogol'sche Provinz, und der baumwollene Kittel, den der Alte trägt, stammt aus Usbekistan. Das russische Fernsehen, das hier gedreht hat, war zwar über den asiatischen Aufzug verwundert, berichtete aber später voller Achtung in den Hauptnachrichten, "der Schauspieler Norbert Kuchinke baut bei Berlin ein orthodoxes Kloster". Eine Zeitung titelte: "Professor Bill hat Russland nicht vergessen." Nein, Professor Bill aus dem sowjetischen Film "Osenij marafon", deutscher Titel "Marathon im Herbst", in Wirklichkeit Norbert Kuchinke, hat Russland nie vergessen.

Wie auch? Heute noch reist Kuchinke, inzwischen 67 Jahre alt, monatlich nach Russland. Jetzt sowieso, wo er doch Unterstützer für "sein" Kloster sucht, wo er das Moskauer Patriarchat über den Baufortschritt informiert und wo er dem Hauptsponsor wieder einen Scheck aus der Tasche locken muss. Zwischen zwei Moskau-Visiten ist Norbert Kuchinke heute auf die Baustelle nach Götschendorf, 100 Kilometer nördlich von Berlin, gekommen. "In der zweiten Etage haben wir furchtbar viel Schwamm und das Dachgeschoss ist völlig verschwammt", konstatiert gleichmütig der Bauleiter. Außerdem sei der Kellerboden hart wie Stahlbeton. Zu dumm, dass der für allerlei Rohre aufgerissen werden muss. Das riecht nach Mehrkosten.

Norbert Kuchinke hatte die Hiobsbotschaften schon vernommen, das morsche Gebälk hat ein Korsett aus Stahlträgern erhalten und im Keller frisst sich ein Mini-Bagger in den Boden. Doch selbst wenn der Grund aus Eisen wäre und das Gebälk nur Staub, dieser Boden wird dem Heiligen Georg, dem Drachentöter und Schutzpatron Moskaus, geweiht. Zweifel sind von Norbert Kuchinke so fern wie der Himmel vom Höllenreich. Jedenfalls wirkt es so. Bis hier aber 30 Mönche und acht Glocken den Herrn loben, wird so mancher Wechsel den üblichen, ganz irdischen Weg gehen. Kuchinke wird noch oft im Moskauer Büro des Hauptsponsors aufkreuzen.

Der Russe, ein Unternehmer aus der Stahlbranche, möchte noch ungenannt bleiben, bittet Kuchinke um Nachsicht. Jedenfalls sei er kein zwielichtiger Oligarch, sondern ein vermögender Geschäftsmann. Natürlich habe dieser das Schloss inspiziert, das einstmals Hermann Görings Gästehaus war und später der NVA oder der Stasi, so genau wollen sich die Einheimischen nicht mehr erinnern, als Erholungsheim dienste. Die bösen Geister, sollten sie hier noch hausen, werden von den Gottesmännern, drei sollen als Vorhut Ende April eintreffen, gewiss gründlich verjagt. Eines verbindet Mönche und Hauptsponsor, so ungleich ihre Welten auch sonst sein mögen - Norbert Kuchinke alias Professor Bill kannten sie schon vom Bildschirm.

Die russische Hauptstadt ist seit mehr als dreißig Jahren Kuchinke zweites Zuhause. Er hat jahrelang in Moskau gewirkt, doch nicht als Mime, sondern ab 1973 als erster Moskau-Korrespondent für den "Spiegel". Später wechselte er in gleicher Funktion zum "Stern". Die Sowjetbürger haben davon nichts mitbekommen. Schlagartig bekannt wurde das Gesicht mit den mächtigen Kotletten, als Kuchinke die Rolle des liebenswerten, doch unbedarften Professors Bill Hansen in der Mosfilm-Produktion "Marathon im Herbst" übernahm.

Wie das kam? Der Korrespondent kannte in Moskau viele Leute, darunter den Assistenten des Regisseurs Georgij Danelja, der verzweifelt nach einem "ausländischen" Gesicht für diese Rolle suchte. Der Assistent nahm Kuchinke zu Mosfilm mit und Danelja fackelte nicht lange. Nach ein paar Stegreif-Proben hatte der Deutsche die Rolle - der West-Deutsche.

Eine heikle Angelegenheit, mit der sich das Zentralkomitee der KPdSU beschäftigte. Hätten die Genossen geahnt, dass dieser Deutsche Jahre später bei Berlin ein orthodoxes Kloster errichten würde, sie hätte den "Stern"-Korrespondenten wohl ausgewiesen. Wahrscheinlich hoben die alten Männer nur kurz die Hand und gaben ihren Segen. Jedenfalls bekam Regisseur Danelja seinen Willen durch und Laienspieler Kuchinke wurde der erste westliche Darsteller in einem sowjetischen Film.

Als die DDR-Oberen das hörten, waren sie fassungslos. Ein BRD-Bürger, ein "Stern"-Korrespondent als Sympathieträger in einer sowjetischen Produktion? In einem Film, der auch in der DDR gezeigt werden sollte? Warum haben die Genossen nicht bei der DEFA nachgefragt? Ost-Berlin protestierte. Die Sowjets blieben dabei, einzige Konzession: Der Professor wurde zu einem Dänen.

Norbert Kuchinke hat den Schlosskeller verlassen, sitzt im Zimmer der Bauleitung und wärmt sich mit Tee. Den usbekischen Kittel hat er abgelegt. An der Wand hängt die Zeichnung für die Kirche mit ihrem 27 Meter hohen Zwiebelturm, die in diesem Jahr gebaut wird. Sie wird dem Anwesen das so typisch orthodoxe Gepräge geben. Mehr als tausend Gläubige könnten zu den großen Festen aus Berlin hierher reisen, prophezeit er und steckt sich eine Zigarette an. Der Bauleiter, ein ganz irdischer, fröhlicher Geselle, erinnert Kuchinke bei der Gelegenheit an die regelmäßige Überweisung der Abschläge. Zwischen sechs und sieben Millionen Euro soll das Kloster kosten. Der winkt ab. "Wir kriegen das hin." Patriarch Alexij II. habe auch Präsident Putin über das Kloster in Götschendorf unterrichtet. Mit andern Worten, die Sache hat den Kreml-Segen - ganz so wie das Mosfilm-Debüt.

Die Tragikomödie kam 1979 in die sowjetischen Kinos und stieg zum Kultfilm auf. Die Handlung: Ein Übersetzer aus Leningrad kann sich nicht zwischen seiner Ehefrau und seiner Geliebten entscheiden, wird gepeinigt von seiner Gutmütigkeit und ist genervt von seinem trinkfreudigen Nachbarn und dem unbedarften Professor Bill Hansen, der zu Dostojewski-Forschungen angereist ist. Dieser Hansen wird vom tragischen Helden brav betreut, bis hin zum gemeinsamen morgendlichen Jogging.

Der Film lässt den Ausländer durch den sowjetischen Alltag tapsen, während der Übersetzer gleichzeitig Ehe und Affäre zu retten versucht. Zum Schluss erwacht der Professor in einer Ausnüchterungszelle und von den Beziehungen des Helden bleibt ein Scherbenhaufen. Noch heute wird der Streifen alljährlich im Fernsehen gezeigt und manch naiver Satz aus dem Munde des Professors, ausgesprochen im tiefsten sowjetischen Chaos, ist zum geflügelten Wort geworden. Über seinen vielseitigen Moskau-Korrespondenten berichtete auch der "Stern".

Dass Kuchinke nicht nur einen Hang zur Schauspielerei hat, sondern auch ein Faible für Religiöses, blieb den Kollegen nicht verborgen. 1983 hatte Kuchinke genug vom Korrespondentenleben, kündigte beim "Stern" und publizierte fortan Bücher und Filme. Ein Buch hieß "Gott in Russland", ein Film "Russland unterm Kreuz". Das Buch "Elite in Russland" über sowjetische Künstler wie die Ballerina Maja Plissetzkaja, den Regisseur Sergej Bondartschuk, den Pianisten Swjatoslaw Richter und den Maler Ilja Glasunow erschien dem Kreml 1985 so gewichtig, dass er es heimlich übersetzen, in 15 Exemplaren drucken und im Politbüro verteilen ließ.

Erst als die Sowjetunion zu Grabe getragen wurde, erfuhr Kuchinke von seinen hochrangigen Lesern. Kuchinke geht zum See hinunter. 160 Hektar Wasserfläche, mehrere Inseln, Mischwald, keine Bebauung - wie ein Stück Karelien vor den Toren Berlins. Kuchinke streckt die Hand aus zu Inseln: "Da besteht der Plan, auf den Inseln Einsiedeleien zu gründen." Da drüben könnten bald die ersten Starzen Deutschlands leben, Asketen, die sich durch geistliche Übung erzogen haben und von ihrer Einsiedelei aus das Volk lehren - gerade so wie bei Dostojewski.

Doch Norbert Kuchinke musste zunächst die Einheimischen unterrichten. Zuerst hat er bei der hiesigen Geistlichkeit geworben, allen voran bei Altpfarrer Kasner im nahen Templin. Der habe sich alles angehört, geschwiegen und dann gesagt: "Interessante Idee", erzählt Kuchinke. Und so hatte er Angela Merkels Vater auf seiner Seite. Die Götschendorfer hat er ins Wirtshaus "Rote Nelke" geladen und seinen Film "Russland unterm Kreuz" gezeigt. Er habe erzählt, dass hier nicht ein Kloster mit hohen Mauern, sondern eine Begegnungsstätte zwischen Ost und West, Russland und Deutschland, Orthodoxie und lateinischer Welt entstehen soll mit Ausstellungen, Touristen, Hotelbetrieb und auch einigen Arbeitsplätzen. Danach konstatierte er "99 Prozent Zustimmung". Auch wenn manch Einheimischer noch ungläubig ist, "Götschendorf unterm Kreuz" dürfte die Gegend bekannt machen.

Im Schloss könnten dann auch Stücke der "Sammlung Kuchinke" gezeigt werden. Kuchinke hat in all den Jahren Bilder gesammelt und besitzt gemeinsam mit seiner Frau inzwischen die größte Privatsammlung russischer Malerei in Deutschland mit spätmittelalterlichen Ikonen, Werken der klassischen Moderne und Malern der Gegenwart.

"Ich wollte immer Brücken bauen, missionieren", bemerkt Kuchinke. Er hat wieder diesen Kittel übergeworfen und hält seinen Regenschirm wie einen Krummstab, als wäre er ein säkularer Pontifex. Oder ein Einfältiger wie dieser Professor Bill aus dem Film. In der Gewissheit, dass das Geld aus Moskau fließt, hat der Bauleiter Feierabend gemacht. Kuchinke geht zum Schloss. Es ist sein ganz persönliches gutes Werk, das er da im Dämmerlicht abschließt wie einen Schatz. In ein, spätestens zwei Jahren wird hier die erste Osternacht mit vollem liturgischem Gepränge gefeiert, mit Prozession und mit Kerzen und Auferstehungsikone. Spätestens dann hat einer hier in der brandenburgischen Provinz seine zwei Leben zusammenführt. Jedenfalls hätte sich für den Katholik Norbert Kuchinke ein west-östlicher Traum erfüllt.

Kuchinke selbst reist in wenigen Tagen nach Moskau, dann in erster Linie als Filmstar. Georgij Danelja, der Regisseur von "Marathon im Herbst" und inzwischen 77 Jahre alt, erhält den "Nika", den "russischen Oscar", für sein Lebenswerk. Als Gag wird Kuchinke dann mit dem tragischen Übersetzer wie einst im Film im Laufschritt über die Bühne joggen. Sicher ist Professor Bill dann wieder in den Hauptnachrichten zu sehen.

Der Film "Marathon im Herbst" läuft am kommenden Mittwoch um 11 Uhr auf 3sat

Mehr als tausend Gläubige zu großen Festen