Interview

„Wir leiden an Über-Akademisierung“

Die Wirtschaft ist mit Bachelor-Absolventen immer unzufriedener. DIHK-Chef Eric Schweitzer fordert Konsequenzen

Viele Uniabsolventen seien nicht fit für den Arbeitsmarkt, sagt Eric Schweitzer. Der Co-Chef der Berliner Alba Group und Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages hält es deshalb für sinnvoll, die Zahl der Studienplätze zu begrenzen.

Berliner Morgenpost:

Herr Schweitzer, die Studenten haben sich an Bachelor und Master gewöhnt. Gilt das auch für die Wirtschaft?

Eric Schweitzer:

Wir beobachten, dass viele Unternehmen sich mit Bachelor-Absolventen immer schwerer tun. Alle vier Jahre fragen wir ab, ob die Erwartungen der Unternehmen an die Bachelor-Absolventen erfüllt werden. Es zeigt sich, dass dies gerade in den letzten vier Jahren immer weniger der Fall ist. Waren 2011 noch 63 Prozent der Unternehmen zufrieden, sind es heute nur noch 47 Prozent. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung.

Wie erklären sie sich diese wachsende Unzufriedenheit?

Jahrzehntelang übertraf die Zahl der jungen Menschen in Ausbildung die Zahl der Studienanfänger bei weitem. Doch mittlerweile haben wir eine ausgeglichene Situation. Der Boom bei den Studentenzahlen geht zulasten der dualen Berufsausbildung. Wir leiden an einer Über-Akademisierung. Das führt dazu, dass viele studieren, die eigentlich in einer Berufsausbildung besser aufgehoben wären. Und das spüren die Unternehmen. Hinzu kommt, nur 15 Prozent der Betriebe sagen, dass die Bachelor-Absolventen gut auf den Arbeitsmarkt vorbereitet sind.

Wie könnte das geschehen?

Es studieren zu viele, die besser eine Ausbildung machen würden. Ich halte das unbegrenzte politische Angebot für falsch, dass jeder, der studieren will, auch studieren können soll. Die Zahl der Studienplätze kann nicht grenzenlos steigen. Ich bin sogar dafür, sie wieder zu verknappen.

Wie soll das gehen?

Die Hochschulen müssen mit sinnvollen Zulassungsbeschränkungen, die sich nicht nur an Abiturnoten orientieren dürfen, geeignete Kandidaten für die richtigen Fächer finden. Die Abbruchquoten sind viel zu hoch. Knapp 30 Prozent brechen ihr Studium ab. Das ist ein beträchtlicher volkswirtschaftlicher Schaden und führt am Ende auch dazu, dass Studienabbrecher schon relativ alt sind, wenn sie vielleicht – wofür ich werbe – dann doch noch eine duale Ausbildung beginnen. Der 16-jährige Azubi ist schon längst nicht mehr der Regelfall. Heute ist ein Azubi bei Ausbildungsbeginn im Schnitt 20 Jahre alt.

Heute haben teils schon 21-Jährige ihren Bachelor. War es richtig, nach immer jüngeren Absolventen zu rufen?

Es war richtig, für jüngere Absolventen zu plädieren. Im internationalen Vergleich waren die deutschen Studenten lange Zeit zu alt. Aber durch den Wegfall von Wehrpflicht und 13. Schuljahr in vielen Bundesländern kamen einige Entwicklungen hinzu, die den Effekt verstärkt haben. Ich kann mir schon vorstellen, dass die wachsende Unzufriedenheit mit den Bachelor-Kandidaten auch mit dem sinkenden Alter der Absolventen zusammenhängt. Ein wenig Erfahrung und Horizont schaden sicher nicht. Das sieht man auch daran, dass die Unternehmen mit den Master-Absolventen sehr zufrieden sind. 78 Prozent sehen ihre Erwartungen in sie erfüllt. 2011 waren es nur 65 Prozent.

Fast zwei Drittel der Studenten will nach dem Bachelor auch den Master machen.

Ich kann diese Entscheidung nachvollziehen. Das schafft in jedem Fall bessere Chancen und kommt uns als Wirtschaft zugute.

Berufsorientierung ist ein Thema in vielen Schulen. Sehen sie da noch keine Effekte?

Wir sehen vor allem Handlungsbedarf in den Gymnasien. Ich habe den Eindruck, dass sie in ihren Schülern immer noch fast nur künftige Studenten sehen. Aber wenn in manchen Stadtteilen mehr als 60 Prozent eines Jahrgangs aufs Gymnasium gehen, rüttelt so eine Haltung und Ausrichtung auch an den Fundamenten unseres Wirtschaftssystems. Das Abitur wird entwertet. Im Ausland wird ja bereits hinterfragt, ob das deutsche Abitur dort noch als Zulassungsvoraussetzung für ein Studium genügt.

Was muss sich an den Schulen ändern?

Ich erwarte von den Gymnasien, dass sie über die duale Aus- und Weiterbildung als gleichwertige Möglichkeit informieren. Es muss wesentlich mehr Berufsorientierung in den Gymnasien geben. Die Gesellschaft muss aufhören, das Studium als das Nonplusultra anzusehen. Wir werden im Ausland nicht für die steigenden Studentenzahlen bewundert, sondern wir werden gebeten, unser fast einmaliges System der dualen Ausbildung in andere Länder zu tragen.

Für weibliche Fachkräfte spielt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine große Rolle. CDU-Ministerpräsident Reiner Haseloff ist für einen Kurswechsel in der Familienpolitik, um die Geburtenrate zu erhöhen. Sehen sie das so wie er?

Um das Demografieproblem zu lösen, ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein zentraler Baustein. Bis 2025 fehlen mehr als drei Millionen Arbeitskräfte. Umso wichtiger ist es, Frauen die Möglichkeit zu geben, aus Teilzeit mit wenigen Stunden in Vollzeitstellen zu wechseln. In den Unternehmen spielt das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine große Rolle. Die Betriebe sind bereit, die Voraussetzungen dafür zu schaffen.