Gesundheit

Kampf gegen tödliche Keime

| Lesedauer: 5 Minuten

Gesundheitsminister Hermann Gröhe legt einen Zehn-Punkte-Plan für Krankenhäuser vor

Mit schärferen Meldepflichten, effektiveren Kontrollen und gezielter Forschung will Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) der Bedrohung durch tödliche Krankenhauskeime begegnen. Gefährliche resistente Erreger sollen künftig schon beim ersten Nachweis gemeldet werden, wie aus einem Zehn-Punkte-Plan des Ministers für die 2000 Kliniken hervorgeht. Die Gesundheitsämter sollen so Zeit gewinnen. Zudem soll das medizinische Personal in Arztpraxen und Kliniken zukünftig regelmäßig Hygienefortbildungen absolvieren.

Schon jetzt stehen Kliniken bis zum Jahr 2016 insgesamt 365 Millionen Euro zur Verfügung, um Hygienepersonal einzustellen und Ärzte und Pflegekräfte weiterzubilden. Weiter sollen die Kliniken verpflichtet werden, ihre regelmäßigen Qualitätsberichte um Angaben zu Hygienestandards zu ergänzen – und zwar in einer für die Patienten verständlichen Sprache, sodass diese bei geplanten Operationen die Wahl der Klinik danach ausrichten können.

Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums sagte, 10.000 bis 15.000 Todesfälle pro Jahr allein durch Klinikinfektionen könnten die Politik nicht kaltlassen. Das wären bis zu 40 Menschen Tag für Tag. Oft handelt es sich um Bakterien, gegen die nur wenige Antibiotika und schlimmstenfalls gar kein Medikament helfen.

Gröhe prüft zudem, Patienten vor geplanten Behandlungen verpflichtend auf multiresistente Erreger zu testen, damit sie diese nicht ins Krankenhaus einschleppen. Das fordert auch die Techniker Krankenkasse (TK), zumindest für Risikogruppen. „Bei planbaren Operationen können die Patienten dann vor der Aufnahme getestet und die Keime vor dem Krankenhausaufenthalt beseitigt werden“, sagt TK-Bereichsleiter Bernd Beyrle.

Forschung wird gefördert

Vorgesehen ist in Gröhes Plan auch, dass verstärkt Forschungsvorhaben gefördert werden, die sich mit Krankenhaus-Infektionen und Antibiotika-Resistenzen beschäftigen. Insgesamt sollen Resistenzen und der Antibiotika-Verbrauch bei Mensch und Tier stärker überwacht werden. Die Regierung will auch darauf dringen, dass neue Wirkstoffe auf den Markt kommen. Sie will mit den Pharmafirmen darüber beraten, welche Hindernisse diese bei Forschung und Entwicklung sehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte angekündigt, resistente Keime auch zum Thema der diesjährigen deutschen G-7-Präsidentschaft zu machen.

Nach Angaben der Regierung kommt es pro Jahr im Zuge von medizinischen Behandlungen zu 400.000 bis 600.000 Infektionen. Ein Drittel davon gilt als vermeidbar. Besonders anfällig für Krankenhauskeime sind Patienten mit komplizierten Eingriffen sowie alte Patienten. In beiden Fällen nehmen die Zahlen zu. Für Aufsehen hatten im Januar dieses Jahres Todesfälle im Kieler Uniklinikum gesorgt. Die Patienten infizierten sich mit einem multiresistenten Keim. Nach Angaben der Klinik war aber nicht dies, sondern die Grunderkrankung der Patienten die Todesursache – was schwer zu belegen, aber auch schwer zu widerlegen ist.

„Die Frage ist: Wie kann es sein, dass am Anfang ein Patient an einem multiresistenten Keim erkrankt ist und es jetzt 27 sind?“, sagte Ende Januar Professor Klaus-Dieter Zastrow der Morgenpost. „Der Keim muss durch Ärzte oder Pflegepersonal weitergetragen worden sein. In solchen Fällen wurden immer Hygieneregeln missachtet“, so der Leiter der Krankenhaushygiene am Berliner Vivantes Klinikum und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene.

Das große Problem ist die Übertragung von multiresistenten Keimen von einem auf weitere Patienten während deren Behandlung. Bisweilen bringen die Patienten die Erreger auch selbst mit. Sie sind zunächst gesund, durch eine Schwächung der Abwehrkräfte erkranken sie dann an den eigenen Keimen, die zuvor zum Beispiel ohne Schaden anzurichten die Haut besiedelten.

Mehr Fortbildung für das Personal

Die Zahlen über die Häufigkeit der Infektionen in Kliniken schwanken allerdings stark: Während die Bundesregierung von 10.000 bis 15.000 Toten ausgeht, bezifferte die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene die jährlichen Todesfälle auf etwa 40.000, die der Infizierten auf eine Million.

Die Bundesärztekammer lobte Gröhes Vorhaben. „Es ist gut, dass der Bundesgesundheitsminister die Bemühungen der Ärzteschaft um gute Krankenhaushygiene gesetzlich unterstützen will“, sagte Präsident Frank Ulrich Montgomery. Die im Zehn-Punkte-Plan aufgelisteten Maßnahmen seien ehrgeizig. Es fehlten aber tragfähige Vorschläge für eine solide Finanzierung. Diese müssten mindestens zeitgleich mit den Strukturvorschlägen des Ministers verabschiedet werden, „sonst bleibt alles nur bloße Willenserklärung ohne Chance auf eine vernünftige Umsetzung“. Und es fehlen nach Ansicht Montgomerys weitere, dauerhafte Schritte, etwa zur Fort- und Ausbildung für das Personal im Bereich der Krankenhaushygiene. Notwendig seien mehr Lehrstühle und Institute.

Krankenhaushygieniker Zastrow kritisiert die oftmals zu knappe Personaldecke vor allem auf Intensivstationen. „Für jeweils zwei beatmete Patienten ist eine Pflegekraft notwendig, die das EKG und weitere Körperfunktionen überwacht, Infusionen und Blasenkatheter legt und die Medikamentengabe überwacht“, sagte er. „Es ist aber keine Seltenheit, dass Pflegekräfte vier oder im Extremfall auch einmal sechs Patienten zu betreuen haben.“ Das dürfe nicht passieren, denn dann gehe die Fehlerquote in die Höhe. „Unter diesem Druck wird dann nicht oft genug der Kittel gewechselt und die Händedesinfektion nur zehn statt 30 Sekunden durchgeführt.“ So seien die Keime aber nicht sicher beseitigt. „Wie oft so etwas passiert, wissen wir nicht genau, aber wir können davon ausgehen, dass dies nicht allzu selten der Fall ist.“

( BM )